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„Hello, Dolly!“ auf der Seebühne Kriebstein

Amerikanisch „Hello, Dolly!“ auf der Seebühne Kriebstein

Es ist wieder die Zeit der Sommertheater in Sachsen. Zu denen gehört auch die malerische Seebühne Kriebstein. Dort wiederum ist das Ensemble des Mittelsächsischen Theaters mit einem Musical-Klassiker zu erleben. „Hello, Dolly!“ ist dabei ebenso kurzweilig wie unterhaltsam.

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Ohne Freiheitsstatue kein New-York-Gefühl bei der „Hello, Dolly!“-Inszenierung auf der Seebühne Kriebstein.

Quelle: André Braun

Kriebstein. Gleich nach dem Verbrennen einer US-Fahne kommt als nicht minderschwerer Fall von Sakrileg das In-den-Staub-Schmeißen und Zertreten einer US-Fahne. Insofern fragt man sich schon erst mal, was den Bühnenbildner Tilo Staudte geritten haben mag, als er die Kulissen für Jerry Hermans bekanntes Musical „Hello, Dolly!“ entwarf, das nun in einer Inszenierung von Ivan Alboresi für das Mittelsächsische Theater auf der Seebühne Kriebstein zu sehen ist. Ein Teil des Bühnenbodens ist als überdimensionales Star-Spangled Banner gestaltet, die Akteure stampfen und tanzen geradezu über Sterne und Streifen hinweg.

Doch einen eklatanten Fall von Antiantikamerikanismus werden hier wohl nur Hyperpatrioten wittern. Das Regieteam huldigt hingegen geradezu rührend dem American Way of Life, wenn auch hier und da mit leichten Spitzen. So wenn kurz vor der Pause alles an Statisten aufgeboten wird, von Mitgliedern des Jugendtheaters bis zum erweiterten Opernchor. Komparserie-Kohorten sind auf in den Nationalfarben der USA gewandete Indianer, Cowboys oder Soldaten der Heilsarmee getrimmt – fehlen bloß noch der Bauarbeiter und der Rocker, dann würde man sich in einer XXXL-Variante der Village People wähnen.

Überhaupt zeigt man keine Berührungsängste gegenüber schräg-schrillen Effekten. Irene Molley’s Hutladen (da der in New York steht, ist der Deppen-Apostroph ausnahmsweise richtig) etwa: Er ist ein Alptraum in Pink, erinnert schon fast an eine rosafarbene Barbie-Puppenstube. Oder die Kostüme, gestaltet von Stephan Stanisic: Während Dolly (Susanne Engelhardt) eigentlich in jedem Kleid elegant dasteht, stecken die beiden Angestellten Cornelius Hackl (Jens Winkelmann) und Barnaby Tucker (Derek Rue), die bislang ungeküsst durchs Leben liefen, es nun aber in New York wissen wollen, in grellbunten Anzügen, die auf einschlägigen Modeschauen wahlweise einfach nur Brechreiz oder Gelächter auslösen müssten. Tun sie bei Irene Molly (Barbora Fritscher) und ihrer Freundin Minnie Fay (Urte Jung) aber erstaunlicherweise nicht. Das kleidungstechnisch inoffiziell um den Titel „Hässlichste Vogelscheuche“ konkurrierende Männerduo schafft es mit diesem bonbonfarbenen Outfit sogar ins noble Harmonia Garden Restaurant, obwohl es schon am solche Schrate rigoros abweisenden Türsteher scheitern müsste.

Nun steht und fällt eine Aufführung von „Hello, Dolly!“ in der Regel mit der Figur der Mrs. Dolly Gallagher Meyer. Und da bleiben bei Susanne Engelhardt keine Wünsche offen. Sie ist ganz die Frau, die weiß, was sie will, andere mit Charme, Cleverness und Keckheit geschickt manipuliert und um den Finger wickelt, die aber in stillen Momenten weich und sehnsuchtsvoll ist. Engelhardt setzt den vielschichtigen Charakter gekonnt mit Gefühl und Esprit um, ihre Wortduelle sind geschliffen, ihre spitzen Bemerkungen wie „Die Ehe ist eine Art Bestechung: Eine Hausangestellte bildet sich ein, Hausfrau zu sein“ das Salz in der (Dialog-)Suppe. Überhaupt wurden geschickt noch einige Zitate eingebaut, etwa wenn die mit allen Wassern gewaschene Heiratsvermittlerin mit den Worten Luthers verkündet: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“ Und so mancher Regieeinfall sorgt für Heiterkeit oder Staunen im Publikum – und sei’s auch nur, weil in einer Szene ein Oldtimer aus den 1920er-Jahren knatternd vorfährt. Die (Tanz-)Choreografien sind eine echte Augenweide, das Tüpfelchen aufs i ist das vortreffliche Spiel der an diesem Abend unter der musikalischen Leitung von Juheon Han stehenden Mittelsächsischen Philharmonie.

Martin Gäbler ist erwartungsgemäß ein gallig-maulender Horace Vandergelder, ein Macho, der eigentlich eher eine dienstbare Putze als ein „zartes Geschöpf“ an seiner Seite sucht. Der Geschäftsmann mag zwar ein „Halbmillionär“ sein, aber man fragt sich schon, weshalb Dolly sich diesen kauzigen und deshalb schwierigen Kunden glatt selber angeln will, was sie an dem geizigen Griesgram findet (außer Geld natürlich). Aber spaßig ist’s dann schon anzuschauen, wie Vandergelder im von Dolly ausgelegten Netz zappelt, wie er erst kurz vorm Explodieren ist ob Dollys Geplapper ohne Punkt und Komma, dann aber doch nolens volens seine Liebe zu ihr erkennt und sich wandelt, ein regelrechter Menschenfreund wird. Alles kommt holterdiepolter, die Gesetze der Logik sind in Hermans musikalischer Komödie wiederholt noch ein bisschen mehr außer Kraft gesetzt, als es im Genre Musical ohnehin der Fall ist. Keine Frau würde doch auch nur eine Sekunde Cornelius und Barnaby für weltläufige Dandys halten, würde sofort den Provinzler wittern, oder? Aber okay, Irene Molly und Minnie Fay wären nicht die ersten Frauen, die sich täuschen lassen, wenn die Schmetterlinge im Bauch flattern. Am Ende sind es sogar vier Töpfe, die ihr Deckelchen gefunden haben – und das jetzt nicht nur, weil Dolly berufsbedingt ihre Finger im Spiel gehabt hätte. Mag Jerry Hermans 1964 am Broadway uraufgeführtes Werk auch in gewisser Hinsicht aus der Zeit gefallen sein (in Zeiten von Tinder und sonstigen Online-Singlebörsen werden in großen Teilen der Welt die Dienste einer Heiratsvermittlerin nicht mehr benötigt), einen gewissen, nicht nur nostalgischen Charme hat es sich bewahrt.

nächste Vorstellungen: 14., 19., 22., 24., 25. & 28. Juni, jeweils 17.30 Uhr

www.mittelsächsisches-theater.de

Von Christian Ruf

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