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Hellerau soll Unesco-Weltkulturerbe werden - Expertin rechnet mit 80-prozentiger Chance

Hellerau soll Unesco-Weltkulturerbe werden - Expertin rechnet mit 80-prozentiger Chance

Herr Straub, mal angenommen, wir vereinbaren heute, dass wir uns genau in zehn Jahren wieder hier im Gebäude der Deutschen Werkstätten treffen.

Werden wir dann inmitten einer Unesco-Weltkulturerbestätte sitzen?

Fritz Straub: Offen gestanden nein, wir sitzen dann wohl ganz knapp daneben. Denn der Neubau der Deutschen Werkstätten am Moritzburger Weg ist nicht Teil des in der Bewerbung definierten Areals. Aber ich verstehe natürlich, auf was ihre Frage abzielt und bin guter Dinge, dass es uns bis zum Jahr 2021 gelungen ist, das Unesco-Prädikat nach Dresden-Hellerau zu holen.

Wie lange gärt denn schon in Ihnen die Idee mit dem Weltkulturerbetitel?

Vor etwa einem halben Jahr begann unsere Interessengemeinschaft damit, sich intensiv mit diesem Thema zu beschäftigen. Für die Initialzündung sorgte allerdings bereits Mitte 2009 Carola Klotz, die Vorsitzende des Hellerauer Bürgervereins, im Rahmen der 100-Jahr-Feier. Am Ende einer launigen Rede meinte sie mit Blick auf den aberkannten Welterbetitel für Dresden, dass der nächste angesichts der Einzigartigkeit Helleraus vielleicht gar nicht mehr lange auf sich warten lässt. Darüber haben natürlich alle erst einmal freundlich gelacht, auch ich, aber im Nachgang stellten wir irgendwann fest: Moment, nur ein Witz ist es nicht. Das kann man auch Ernst nehmen.

Sie haben aber nicht 2009 mit dem Schreiben der Bewerbung begonnen...

Nein, zunächst geriet das Ganze in Vergessenheit. Ich dachte erst wieder daran, als ich vor einem halben Jahr die von Walter Gropius entworfenen Fagus-Werke in Alfeld bei Hannover besuchte. Deren Architektur gilt zurecht als Anfang der Moderne im Industriebau und ist inzwischen Weltkulturerbe. Auf der Rückfahrt nach Dresden überlegte ich mir dann, dass die Fagus-Werke - was neidlos anzuerkennen ist - als Gebäude punkten konnten, wir in Hellerau aber wesentlich mehr als Architektur zu bieten haben. Ab diesem Tag begann die professionelle Arbeit.

Haben Sie gleich Kontakt zur Unesco aufgenommen?

Zunächst ging es darum, Informationen zu beschaffen, aus denen ersichtlich wird, ob sich der lange Weg für das Verfahren lohnt oder nicht. Wie es der Zufall wollte, wurden wir am Rande eines Arbeitsbesuchs in Cottbus mit einer Professorin bekannt gemacht, die an der dortigen Universität den Lehrstuhl für Weltkulturerbe inne hat. Das war eine Koinzidenz, die man so nicht erwarten konnte. Jene Professorin stellte uns eine ihrer wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen zur Seite, Britta Rudolff, die mit den Regularien des für Welterbestätten zuständigen Unesco-Ablegers "Icomos" bestens vertraut ist.

Machte Sie Ihnen per Ferndiagnose Mut, sich mit Hellerau zu bewerben?

Besser, sie kam für vier Wochen nach Dresden, arbeitete sich in dieser kurzen Zeit intensiv in das Thema ein, tauschte sich mit den Hellerauern aus und erwarb damit Einblicke, die weit über das hinausgehen, was man sich aus Unterlagen anlesen kann, etwa die tiefe Philosophie des Ortes.

Zu welchen Erkenntnissen kam Frau Rudolff?

In einem Vortrag für einen ausgewählten Kreis stellte sie uns Hellerau aus der Perspektive von "Icomos" vor. Sie nahm als Schablone die strengen Kriterien bei der Auswahl neuer Weltkulturerbestätten. So heraus, dass wir mit einer Bewerbung unter dem Titel "Erste deutsche Gartenstadt" keine Chance hätten, da die Aspekte der Gartenstadtbewegung hier nicht in der Schärfe eingeflossen sind, wie etwa beim Erfinder der Gartenstadt, dem Engländer Sir Ebenezer Howard. Das Thema fiel damit schon einmal raus. Am Ende blieb eine Kombination unter dem Motto "Laboratorium einer neuen Menschheit" übrig.

Was ist damit gemeint?

Damit bezeichnete der französische Schriftsteller und Diplomat Paul Claudel das junge Hellerau nach einem Besuch im Jahr 1912. Diesen Ausspruch nahm Frau Rudolff als Grundlage und beschrieb Hellerau als Repräsentanten der europäischen Lebensreformbewegung. Das Konzept als sozialkritische Utopie, als ein neues Lebensmodell für ein anbrechendes Zeitalter, aber auch als ein Synonym für modernen Ausdruckstanz, der hier erstmalig in einer nie zuvor erschaffenen Theaterarchitektur dargeboten wurde, machten die Siedlung im Norden Dresdens für einen kurzen, aber sehr intensiven Zeitraum zum Zentrum der europäischen Avantgarde.

Ihr Ziel ist es, mit Hellerau auf der deutschen Tentativliste zu stehen, aus der "Icomos" einmal im Jahr neue Welterbestätten auswählt. Wie groß schätzen Sie Ihre Erfolgschancen ein?

Wir rechnen uns gute Chancen aus. Frau Rudolff glaubt, dass sie bei etwa 80 Prozent liegen. Allerdings müssen wir eben zunächst für die sächsische und dann auch für die deutsche Tentativliste ausgewählt werden.

Hätten Sie die Bewerbung auch angestoßen, wenn Dresden im Juni 2009 nicht den Titel eingebüßt hätte?

Ja. Denn das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Unsere aktuelle Bewerbung zielt in eine ganz andere Richtung als der aberkannte Titel für das Elbtal.

Eine in diesem Jahr ins Leben gerufene Interessengemeinschaft hat sich zum Ziel gesetzt, aus Hellerau eine offizielle Weltkulturerbestätte der Unesco zu machen. Anfang November reichten die Deutschen Werkstätten, die Grundbesitz Hellerau GmbH, das Europäische Zentrum der Künste Dresden und der Verein "Bürgerschaft Hellerau" gemeinsam eine Bewerbung beim sächsischen Innenministerium ein (DNN berichteten). Der Freistaat darf bis Herbst 2012 zwei neue Projekte für die deutsche Tentativliste vorschlagen, aus der die Unesco Welterbestätten auswählt. Im Gespräch mit DNN-Redakteur Christoph Stephan gab Fritz Straub, der Chef der Deutschen Werkstätten Hellerau und Sprecher der Interessengemeinschaft, Einblicke in den Bewerbungsprozess.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.11.2011

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