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Helge Scheider in Bestform in Dresden

Filmnächte Helge Scheider in Bestform in Dresden

Manche hatten ihn schon abgeschrieben, doch Helge Schneider ist immer alles zuzutrauen. Nach einer Pause ist er jedenfalls zurück auf den Konzertbühnen und dort stark wie eh und je. Das gilt auch für sein Dresden-Gastspiel, das die diesjährigen Filmnächte beschloss.

Kann alles tragen, von Krawatte bis Hut: Helge Schneider.

Quelle: Anja Schneider

Dresden.  Das war es dann, dachte man vielleicht: Helge Schneider zelebrierte vor genau zwei Jahren seinen Dresdner Abschied mit einem launigen Konzert, just zum 25. Jahrgang der Elbnächte am Filmufer fehlte er erstmals, zuvor war ihm gewöhnlich vorbehalten, den musikalischen Sommerreigen hier zu beschließen oder – wie vor drei Jahren – hier auch mal einen schrägen Film als bundesdeutsche Frühpremiere vorzustellen.

Der Grund der Auszeit schien ein simpler: Die selbstgeweihte Herrentorte aus dem legendären Ruhr-Mülheim vollendete die sechste Dekade und wollte den Beginn zur siebten offenbar nicht hier oder anderswo auf Tournee feiern. Dafür erschienen ein neues Buch mit einem Textsammelsurium und Zeichnungen von ihm („Orang Utan Klaus“) und ein Film über ihn („Mülheim Texas“) sowie eine Live-Doppel-DVD mit Audiozugabe. Der Titel: „Lass knacken, Helge! Helge, der Film“.

Helge Schneider bei den Filmnächten 2016

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Und er ließ bei seiner damaligen Begründung („Babypause ohne Baby“) durchaus Raum für Spekulationen: Hatte er vielleicht Lust auf puren Jazz samt ernsthafter Wahrnehmung in der seriösen Musikwelt? Oder ist ihm die Comedy-Schublade, die er vor über 22 Jahren einst mit „Katzeklo“ eigenhändig öffnete und als Urvater massentauglich machte, zu eng wie trivial geworden? Vielleicht wurde ihm auch die Welt nur zu traurig für reinen Spaß?

Nichts von dem: „Lass knacken, Oppa!“ heißt die aktuelle Tournee, die beweist, dass man den Mann, der in der Jugend Schule wie Klavierkonservatorium abbrach, um mit 20 den Ikea-Jazzpreis zu gewinnen und 33 Jahre darauf vom ernsten Bundesfachverband zum deutschen Klavierspieler des Jahres gekürt zu werden, nie ganz trauen sollte. Der Hausmeisterservice auf seiner Netzpräsenz erklärt den doppelten Sinneswandel stilecht kurz wie schmerzvoll: „2014 hatte Helge Schneider nach einer beispiellosen Karriere und Millionen Kilometern im Bandbus auf der Autobahn seinen Abschied von der Bühne verkündet und sich mit seiner kleinen Rente in der Sierra Nevada eingerichtet. Dort lebte er in einem windschiefen Campingzelt. Manchmal saß er an seinem Miniaturflügel und spielt so vor sich hin, dabei fällt ihm auf, dass ihm sein Publikum doch irgendwie fehlt.“

Sicher besonders das lokale – wie jedesmal und überall das beste seiner Art an diesem Abend. Doch nachdem er hier vor zwei Jahren als Pretty Joe in schwarzen Lederklamotten mit langen Fransen und brauner Perücke über die Bühne hüpfte, dabei aber vor allem nach der Pause recht launig wirkte und arg an Witz und Tempo verlor, wirkt er nun wieder frisch: Mit grauer Vokuhila-Mähne in blaukariertem oder schwarzen Jackett, mit Sonnen- oder Nerdbrille und unbändiger Spielfreude an vier Tasteninstrumenten sowie Trompete, Baritonsaxophon, Panflöte, Xylophon, Schlagzeug, drei verschiedenen Gitarren und vor allem am güldenen Retromikrophon. Zeitweise spielte er drei Instrumente gleichzeitig – oder improvisiert fix auf Zuruf. So rappt er vor der Pause – die Band, identisch mit den sechsköpfigen „Dorfschönheiten“ von Joe und wie stets ergänzt um Fuzzy-Tänzer Sergej Gleithmann und Bodo am Tee, war schon weg – den Telefonmann in einer rasanten Nuschelversion.

Musikalische Höhepunkte – neben diversen Soli, die er auch als eine Art Battle mit seinen Bandkollegen zelebrierte – waren zwei ausgewachsene, teils völlig neu erfundene Versionen von „Katzeklo“ und „Meisenmann“. Letzterer stirbt an seiner Kuckucksfrau, die er im Chat kennenlernte und in der Kiste heiraten musste, die ihn einfach als Zugabe zum Dresdner Wurm wegschluckt.

Aufgrund der musikalischen Auswüchse und der zahlreichen Witzepisoden braucht es nicht allzu viele Songs, bis ihm nach zweimal sechzig Minuten der drohende Gewitterwind kräftig durchs Haupthaar fährt und das Publikum nach dem herzlichen Schlussapplaus davonströmt. Inwieweit sich die Anzahl der Filmnächte und die Summe der eingebetteten Helge-Konzerte künftig unterscheidet, steht derweil noch nicht fest.

Seinen 61. Geburtstag feiert er heute Abend auf der ausverkauften Leipziger Parkbühne. Restkarten gibt es noch für seine sächsischen Adventskonzerte in der Chemnitzer Stadthalle und im Leipziger Gewandhaus Anfang Dezember – der Oppa hat offenbar wieder Spaß auf der Bühne. So stehen die Chancen gut, dass die kurze Zäsur selten bleibt, was Dresden gut tut: Denn einerseits sind die Anzahl der Elbnächte mit gekonnt handgemachter Musik rückläufig. Andererseits kommen Helge-Jünger am Sonntagabend locker beschwingt in handvollen Grüppchen – vielleicht vom Hechtfest, vielleicht aus dem Stadion – und lassen dabei auch mal den knausrigen Bayern stehen, der vorm Einlass wartend nur 20 statt 25 Euro für deren übrige Karte zahlen will, wobei da schon ein ganzes Drittel am Originalwert gespart wäre. Zudem beparken und zertrampeln sie keine Grünflächen – und auch die leidigen Zwischenrufer haben sich weitestgehend beruhigt oder verabschiedet.

Von Andreas Herrmann

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