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Heinrich von Kleist tummelte sich auch in Dresden - Die Suche nach realen Orten fällt schwer

Heinrich von Kleist tummelte sich auch in Dresden - Die Suche nach realen Orten fällt schwer

Erich Kästner war in Dresden ein kleiner Junge, Friedrich Schiller verbrachte einige Sommer hier, heute ist beiden jeweils ein kleines Museum gewidmet. Gemessen daran müsste Heinrich von Kleist, der sich heute vor 200 Jahren am Kleinen Wannsee das Leben nahm, in Dresden ein großer Saal gewidmet sein.

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Titelkupfer der von Kleist in Dresden mitgegründeten Zeitschrift "Phöbus".

Doch die Suche nach realen Orten fällt schwer, zu vieles wurde durch die Zerstörungen vom 13. Februar 1945 vernichtet. Geblieben sind die Elbe und die Lage der Stadt, über die der angehende Dichter und ehemalige Portepeefähnrich des Potsdamer Garderegiments in Briefen an seine damalige Verlobte berichtete: Dresden hat "eine große, feierliche Lage, in der Mitte der umkränzenden Elbhöhen, die in einiger Entfernung, als ob sie aus Ehrfurcht nicht näher zu treten wagten, es umlagern. Der Strom verlässt plötzlich sein rechtes Ufer, und wendet sich schnell nach Dresden, seinen Liebling zu küssen ... Er wendet sich bald zu dem rechten bald zu dem linken Ufer, als würde die Wahl ihm schwer, und wankt, wie vor Entzücken, und schlängelt sich spielend in tausend Umwegen durch das freundliche Tal."

Über die Stadt selbst fällte er während dieser ersten Besuche im September 1800 und im Frühjahr 1801 eher zwiespältige Urteile. Dresden habe "viel Leben und Tätigkeit, wenig Pracht und Geschmack", heißt es da, auf dem Zwinger finde "man Pracht, aber ohne Geschmack", das kurfürstliche Schloss könne "man kaum finden, so alt und russig" sehe es aus. Der 23-Jährige stand vor den Bildern der berühmten Galerie, "aber wenn man nicht genau vorbereitet ist, so gafft man so etwas an, wie Kinder eine Puppe".

Schon ein Jahr später aber wird er hier die "frohesten Stunden meines Lebens" verbringen, fast täglich "die griechischen Ideale und die italienischen Meisterstücke" bewundern und "stundenlang" vor dem einzigen Raffael dieser Sammlung" verharren. In der Hofkirche war er in seinem "Innersten gerührt" und bekannte bei der Beobachtung eines mit Inbrunst Betenden: "Ach nur einen Tropfen Vergessenheit, und mit Wollust würde ich katholisch werden."

Von April bis Juli 1803 war er wieder in Dresden, traf sich mit Friedrich de la Motte Fouqué und dem Theologen und Schriftsteller Johann Daniel Falk, der ihn mit dem Stoff der Amphitryon-Sage vertraut machte. Vier Jahre später schrieb Gottfried Körner an den Verleger Göschen: "Herr von Kleist ... hat den 'Amphitryon' in Jamben gemacht, der sich besonders durch den Schwung und die Hoheit auszeichnet ... Der Verfasser ist jetzt als Gefangener in eine französische Provinz gebracht worden, und seine Freunde wünschen das Manuskript an einen gutdenkenden Verleger zu bringen ... Adam Müller will die Herausgabe besorgen und noch einige kleine Nachlässigkeiten im Versbau verbessern ..." Der Philosoph und Publizist Adam Müller, ein Ästhetiker der Romantik und in Dresden Hauslehrer der Familie des Landrates Haza, hatte dann auch das Vorwort geschrieben, als "Amphitryon" im Mai 1807 in der Arnoldschen Buchhandlung am Altmarkt erschien.

Damit war die Brücke nach Dresden erneut geschlagen und Kleist kam nach seiner Entlassung aus der Gefangenschaft (er war von den Franzosen als angeblicher Spion verhaftet worden) am 31.8.1807 zu seinem längsten Aufenthalt in die Stadt, Quartier nahm er in einem unscheinbaren Haus in der Äußeren Rampischen Gasse 123. Kleists Plan sah vor, sich mit der Gründung einer Buch-, Karten und Kunsthandlung, die den Namen "Phönix" tragen sollte, unabhängig zu machen. Die unter französischem Einfluss stehende und damit relativ liberale Stadt schien ihm dafür geeignet, außerdem hatten auch ihm bekannte Offiziere wie Ernst von Pfuel und Otto August Rühle von Lilienstern in Dresden eine Anstellung gefunden. Der Plan scheiterte an finanziellen Schwierigkeiten und den eingesessenen Dresdner Buchhandlungen, die eine Konkurrenz fürchteten.

Umgesetzt werden konnte dagegen ein monatliches "Journal für die Kunst", der "Phöbus", den Kleist 1808 gemeinsam mit Adam Müller und finanziell unterstützt von Karl Adolf von Carlowitz herausgab. Hier erschienen erstmals Fragmente aus dem "Zerbrochenen Krug", aus "Penthesilea", "Die Marquise von O." und "Michael Kohlhaas", allerdings gelang es Kleist nicht, andere namhafte Autoren für das Projekt zu gewinnen. Besonders drastisch die Ablehnung von Goethe, der den "Phöbus" als "Phebus" (Schwulst) bezeichnete.

Kleist war häufig Gast in Körners Haus in der Moritzgasse, hier las er aus seinen Werken, nicht immer zur Freude der zum Haushalt gehörenden Frauen, denen es ob der Drastik in Darstellung und Sprache die Schamröte ins Gesicht trieb, während sein Werben um Julie Kunze, der Stieftochter Körners, und ihre Vorbildrolle für das ebenfalls in Dresden entstandene "Käthchen von Heilbronn" wohl eine Legende ist. Wahr dagegen ist, dass er aus Anlass seines dreißigsten Geburtstages im Oktober 1807 vom österreichischen Gesandten Baron von Buol-Mühlingen mit einem Lorbeerkranz gekrönt wurde.

Neben den erwähnten Werken schrieb Kleist in Dresden Gedichte und nach dem Scheitern des "Phöbus" zunehmend politische Essays, auch das Drama "Die Hermannsschlacht", ein Stück, mit dem er zum Kampf gegen Napoleon I. aufrufen wollte. Sein Engagement für die nationale Befreiungsbewegung verstärkte und radikalisierte sich in den letzten Monaten seines Dresden-Aufenthalts, als Kleist im Dachgeschoss über der "Löwenapotheke" am Altmarkt wohnte (Wilsche Gasse 1). Sein Hass auf die Franzosen zeigte sich unter anderem im "Kriegslied der Deutschen", das er im März 1809 in Dresden schieb: "Nur der Franzmann zeigt sich noch/In dem deutschen Reiche;/Brüder, nehmt die Keule doch,/Daß er gleichfalls weiche."

Kleist, der Patriot, glaubte, der nationalen Sache in Österreich mehr dienen zu können. Das Land stand nicht unter französischer Zensur und rüstete sich zum Kampf gegen Napoleon und so verließ Kleist Dresden am 29. April 1809 Richtung Prag.

Ludwig Tieck war es dann, der unter anderem die Aufführung des "Prinz Friedrich von Homburg" am Dresdner Theater durchsetzte und zehn Jahre nach dessen Tod Kleists "Hinterlassenen Schriften" mit den Erstdrucken der "Hermannsschlacht" und des "Prinzen von Homburg", später auch die "Gesammelten Schriften" herausgab. Jens Wonneberger

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.11.2011

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