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Heino feierte im Alten Schlachthof seine Wiederauferstehung

Lautstark dröhnt die Haselnuss Heino feierte im Alten Schlachthof seine Wiederauferstehung

Stell dir vor, es singt Heino, und jeder rennt hin. Wer hätte vor ein paar Jahren noch an die Wiederauferstehung des Show-Dinosauriers geglaubt, der wie andere Fossilien des Volksmusik-Pleistozäns allmählich von neuen Spezies abgelöst worden war?

Heino konserviert nach wie vor vor allem die Marke "Heino" - auch in Dresdens Schlachthof.

Quelle: Wieland Schwanebeck

Dresden. Stell dir vor, es singt Heino, und jeder rennt hin. Wer hätte vor ein paar Jahren noch an die Wiederauferstehung des Show-Dinosauriers geglaubt, der wie andere Fossilien des Volksmusik-Pleistozäns allmählich von neuen Spezies abgelöst worden war? Den man allenfalls noch in dritten Programmen, beim Ausgrabungs-TV, antraf? Anno 2015 sieht das anders aus - im bodenlangen schwarzen Mantel, mit reichlich Subwoofer-Unterstützung und persönlichem Segen von Rammstein & Co. hat Heino zwei Alben in die Charts gehievt, die Tournee zur Wiederauferstehung machte nun auch im ausverkauften Alten Schlachthof in Dresden Station.

Wenn Heinos mediale Frischzellenkur, die ihn von der Jurorenbank bei RTL bis aufs Wacken-Festival geführt hat, die Rekrutierung von Backfisch-Jüngern zum Ziel gehabt hat, dann ist sie gescheitert, denn tatsächlich haben sich nur wenige Jugendliche in den Saal verirrt. Dass einige von ihnen Heino-Kostüm (blonde Perücke und Sonnenbrille) tragen, ist nachvollziehbar - will man als Besucher eines Heino-Konzerts erkannt werden? Aber wahrscheinlicher ist ohnehin, dass ihn seine Rock-und-Pop-Offensive wieder bei den schunkelwütigen grauen Panthern ins Gedächtnis rufen soll, die seine Platten im Keller geparkt hatten und sich ihre Ration blonder Retorten-Melodik mittlerweile eher bei Helene Fischer abholen. Dazu passt auch die Liedauswahl beim Konzert, die nur auf den ersten Blick radikal anmutet. Der wiedererstarkte Germanen-Troubardix legt mit Coverversionen von "Junge" (Die Ärzte) und "Augen auf" (Oomph!) zwar lautstark vor, doch im Lauf des Abends wird er weniger den Beweis antreten, dass er keine musikalischen Berührungsängste kennt, als vielmehr seinen Zuhörern deutlich machen, dass deutscher Konsens-Pop (egal, bei welcher Lautstärke man ihn nun spielt) eigentlich immer dieselben paar Akkorde und reichlich links-zwo-drei-vier aufbietet.

Schnell hat man die Botschaft begriffen: Heino, der sich stets als Bewahrer des Volkslieds und als letzte Bastion von Heimattreue in Stellung gebracht hat (und dessen Texte auch mit viel zu viel Blut-und-Boden-Schwulst wuchern, als dass ihm sein Management in Dresden irgendwelche Botschaften zur Lage der Nation gestatten würde), konserviert hier vor allem die Marke "Heino". Die behauptete Künstlerrenaissance im Stil von Johnny Cash ist daher auch ein Etikettenschwindel, denn während Cash auf seinen späten "America"-Alben u.a. New-Wave-Hymnen einer radikalen Stiladaption unterwarf, macht Heino aus bekannten Stimmungsliedchen nur etwas lautere Stimmungsliedchen - nicht unbedingt zahnlos, aber hörbar durch die Dritten intoniert. Was soll's, den Leuten gefällt's, und nach der ersten Konzertstunde, in der am Bierausschank mindestens so viel Bewegung wie im Saal ist, sind es ohnehin nicht mehr nur die Alpen, die glüh'n, und ist auch nicht mehr nur der Enzian blau.

Heino gibt das, was bei einem 76-Jährigen als Imitation eines Rockstars eben durchgehen kann, und knödelt sich durch Zugaben-Schunkler von Westernhagen ("Willenlos") und Grönemeyer ("Was soll das?"), die den Urhebern vermutlich auch vorher schon peinlich genug gewesen sein dürften.

Dazwischen Medleys durchs eigene Hitrepertoire, Postkarten von der "Sierra Madre", adressiert an "Die schwarze Barbara" und "Rosamunde", ach schön war die Zeit, reichlich "La Paloma" und Seemannsromantik, geerdet vom stimmlichen Anker Heino, der im Grabesbariton majestätisch gegen die achtköpfige Band und seine drei Begleitsängerinnen mit dem leicht verzweifelten Hüftschwung anbrummt. Nebenbei beweist er, dass er vom Wochenend-Kurs "Bühnengestik im 21. Jahrhundert" in erster Linie die gereckte Faust behalten hat, und nach etwa zehn Liedern, vielleicht als gerade die Katja den Wodka im Blut oder die Barbara die schwarzbraune Haselnuss ausgebuddelt hat, da traut man seinen Augen nicht - hat sich Heino etwa gerade drei Schritte nach links bewegt? Auszuschließen ist nichts.

Nach gut 100 Minuten - Heino hat sich beim letzten Kostümwechsel wohl vergriffen, trägt gerade seinen Christbaumschmuck auf und dirigiert die x-te Reprise vom blauen Enzian - ist eh alles wurscht, man ist jetzt selber nicht mehr ganz sicher, ob die Gitarren gerade durch Rammsteins "Sonne" oder "Hoch auf dem gelben Wagen" pflügen, ein paar ziehen sich draußen am Souvenirstand noch ein Heino-Totenkopf-Shirt übers Thor-Steinar-Leibchen, der Star des Abends grüßt nochmal die Hannelore, und dann ist's vorbei.

Am Ausgang sind auch wieder Gespräche mit der Nebenfrau möglich: "Warum sind Sie hergekommen?" - "Hab's meinem Mann zum Geburtstag geschenkt." - "Gefällt Ihnen die Musik?" - "Nö. Aber mit Bier geht's."

von Wieland Schwanebeck

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