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"Heimisch" im Dresdner Sociaetaetstheater: Auftakt einer Trilogie

"Heimisch" im Dresdner Sociaetaetstheater: Auftakt einer Trilogie

Zum wiederholten Male bringt das kleine Societaetstheater ambitionierte Stücke heraus, die eigentlich ein nach Hunderttausenden zählendes Publikum auf dem Altmarkt, dem Markt zu Schneeberg oder in allen Klassenzimmern erreichen müssten.

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Heimisch ja, aber wo? Szene mit Julia Amme, Saro Emirze und Olga Feger (v.l.).

Quelle: Detlef Ulbrich

Gemeint sind die Produktionen des Dresdner Vereins Theater La Lune, dessen Themen nun überhaupt nicht hinter dem Mond angesiedelt sind. Es geht um Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Schulalltag, das Mysterium Heimat. Professionelle Stückentwicklungen auf solider und umfänglicher Recherchebasis, nicht nur Betroffenheitstheater und schon gar kein Agitprop, sondern durchaus komödiantisch, den Paradoxien des Lebens abgelauscht.

So, wie man Inspiratorin Veronika Steinböck im Mai dieses Jahres auch beim Open-Air-Spektakel "Fall aus dem All" in der Rolle einer durchgeknallten österreichischen Camperin erleben konnte. Den Wiener Zungenschlag brauchte sie nicht zu erlernen, sie stammt von dort und hat dort auch Theater gespielt. 2009 kam sie nach Dresden, zeigte ein Jahr später mit Julianna Herzberg den Monolog "Reise nach Jerusalem". Bis heute eingeladen wird "Just a little bit racist" von 2011, das durch den Mord an der Ägypterin Marwa El-Sherbini im Gerichtssaal inspiriert war.

Nicht weit davon entfernt liegt die Premiere von "Heimisch" am vergangenen Freitag, dem ersten Teil einer Trilogie "Schwarz Rot Gold". Assoziativ ordnen Veronika Steinböck, ihre vier Spieler und vier Assistenten die Farben der Fahne des Wartburgfestes von 1817 den Aspekten Migration, Revolution und Geld zu. Mit dem ersten Migrationsthema haben sie nun genau den Finger auf einem tagesaktuellen Thema. Mit ihren Aktionen gegen die neue "Asylantenschwemme" hat die NPD nicht nur vorzeitig den Wahlkampf in Sachsen und Thüringen eröffnet. Sie trifft dabei auch auf eine erschreckende Resonanz, ehe mühevolle Aufklärungsarbeit und Gegen-Gegendemonstrationen manche Bürger wieder zum Nachdenken bringen.

Diesen Jedermann führt nun "Heimisch" auf eine im Grunde sympathieweckende Weise vor, die niemanden verurteilt, Ressentiments aber auch nicht in Verständniswatte einpackt. Für die Beschreibung des Milieus genügen grüne Teppichfetzen und ein Gartenzaun aus der Kinderkrippe. Aber dieser Ort muss nicht nur Thomas Rosenlöchers legendärer Garten bei Kleinzschachwitz sein oder das Idyll Frauenkirche.

Diese vermeintlichen sächsischen Spießer üben sich in mehreren Dialekten, sind austauschbar und auf der ganzen Welt "heimisch", jedenfalls ihre Verhaltensmuster. Julia Amme und Olga Feger vom frauenstarken Theaterverein und ihre männlichen Partner Saro Emirze und Felix Voigt demonstrieren das typische Gruppenverhalten gegenüber einem Eindringling. Der ist omnipräsent, ohne je aufzutreten, entpuppt sich nach und nach als ein pakistanischer Flüchtling, über den die wildesten Mutmaßungen kursieren. Es ist übrigens ein "echter" Ausländer, mit dem die Gruppe zusammengearbeitet hat und der am Schluss der knappen Stunde Aussagen vor der Ausländerbehörde per Audioaufzeichnung einspricht.

Wer sich über Selbstentlarvung amüsieren kann, kommt voll auf seine Kosten. Denn die vier, die eine WG, eine Community oder eine ganze Gesellschaft repräsentieren, sind auf die komischste Weise verunsichert von diesem Alien. Raum für die Spieler, parodistisches Talent zu entfalten. Der Beschäftigung mit ihm kann sich jedenfalls keiner entziehen, und erwartungsgemäß schwanken die Reaktionen zwischen Ablehnung und Anbiederungsübungen, die an archaische oder gar animalische Begegnungsrituale erinnern. Dazwischen ist richtiges Dokumentartheater eingestreut, durch das man beispielsweise erfährt, dass von den aktuell 847 Flüchtlingen in Dresden nur ein Prozent eine reale Chance auf Anerkennung hat. Oder das sechs Quadratmeter Wohnraum genügen müssen. Eingefügt sind aber auch unter die Haut gehende Monologe, die beispielsweise daran erinnern, wie fremd Ostdeutschland vielen Wessis war oder noch ist. Zur Verständigung brauchen sie "Deutsch mit Untertiteln".

Heraus kommt ebenso, dass so mancher der vermeintlich reinen "Bio-Deutschen" im soundsovielten Glied hugenottische, armenische oder andere "blutsfremde" Verwandte hatte. Und es gibt Gelegenheit, in die stets mitlaufende Videokamera seinen Frust über das Lieb Vaterland herauszuschreien, in dem man sich selber fremd fühlt. Weil diese "lebenden Zombies" hier alles haben, aber nicht glücklich sind und das verlogene "Wir" umso weniger existiert, als es permanent beschworen wird.

Ein wenig plötzlich kommt das Black, das die intensiv applaudierenden Zuschauer aber mit der Frage entlässt, ob Beten wirklich das einzige ist, was man für diesen pakistanischen Flüchtling tun kann. "Wir haben keinen Anspruch auf Antworten", wird Veronika Steinböck in einem beigefügten Text zitiert. Ein Understatement. Dieses Stück gibt eine Antwort, indem es Verständnis für die Unsicherheiten von Menschen äußert, nicht anklagt und auf subtile Weise einen Weg der Annäherung an den Fremden, an das Fremde beschreibt. Den der Selbsterkenntnis nämlich.

nächste Aufführungen: 5. & 6.12.

www.societaetstheater.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.12.2013

Michael Bartsch

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