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Heiliger Schramm, steh uns bei! - Premiere von "Gallensteins Lager" in der Dresdner Herkuleskeule

Heiliger Schramm, steh uns bei! - Premiere von "Gallensteins Lager" in der Dresdner Herkuleskeule

Die deutschsprachige Kabarettgeschichte hat ihr nächstes großes Organ am Wickel: Nach Ottos Dialog-Evergreen "Ohr an Großhirn" und der von Georg Kreisler auf Reisen geschickten Wanderniere, die den Pilz an der Milz und den Knochen namens Jochen trifft, widmet die Dresdner Herkuleskeule der Galle (genauer: dem Gallenstein) den Titel ihrer aktuellen Inszenierung.

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Birgit Schaller und Detlef Nier in "Gallensteins Lager".

Quelle: PR

Dass er im eigentlichen Programm dann nur in der Abkündigung einen Kurzauftritt hinlegen darf, nahm das begeisterte Premierenpublikum nicht krumm. Die Freude über die kurz aufschillernde Klassikeranspielung überwiegt beim Zuschauer, mit dem im zweistündigen Programm sanft umgesprungen wird - "Kabarett verändert die Welt nicht", doziert Birgit Schaller an einer Stelle und entlässt das Publikum damit auch gleichzeitig schonend aus der Verantwortung. So lässt es sich dann zu Hause gleich viel bequemer in der Tucholsky-Ausgabe blättern.

Die Eröffnung besorgt Detlef Nier im Gewand von Georg Schramms grantigem Rentner Dombrowski: "Man möchte manchmal so gern wie der Schramm loslegen", sinniert Nier, noch während ihm Schaller den Handschuh (noch so ein Schiller-Bezug?) auszieht, und der Satz klingt im Lauf des Abends, der überwiegend mit angezogener Handbremse bestritten wird, noch eine Weile nach.

Was die "Keule" bei ihrer ersten Premiere in diesem Jahr bietet, entspricht der gewohnten Mischung aus kabarettistischem Chanson, Verkleidungskunst und dialektisch gefärbter Weltbetrachtung. Mit dem Aufgreifen tagespolitischer Themen hapert es. Da das neue Programm wohl eine Weile vorhalten muss, begibt sich die Inszenierung von Matthias Nagatis kaum aufs Glatteis der Aktualität, was man einerseits verstehen kann - wer will sich auch schon im Wochentakt die neuen Namen in der FDP-Führung einprägen müssen? Dann aber nur en passant Schlagworte wie Griechenland und Investmentbanker einzustreuen, um mit deren bloßer Erwähnung auf Gelächter zu hoffen, ist dann doch etwas dünn.

Als roter Faden dient den Autoren (Buch: Wolfgang & Philipp Schaller sowie Peter Ensikat) die allgemeine Verdummung oder das, was man in jenen Kreisen, die nicht Twitter und Facebook aussprechen können, ohne "allgemeiner Werteverfall" mitzudenken, dafür hält. Substanzielles zur Gegenwart bietet "Gallensteins Lager" nicht, dafür einen Querschnitt durch Themen, über die vor einigen Jahren schon das Meiste gesagt war, etwa die berühmt-berüchtigte Spaßgesellschaft der 1990er, C-Prominente und die RTL-Wurmkur im australischen Busch. Darüber hinaus sind die zündendsten Pointen zumindest entlehnt: Eine mögliche Bambi-Verleihung an Adolf Hitler hat sich die "Titanic"-Redaktion schon 2008 ausgedacht, und Mel Brooks' "Frühling für Hitler", der im Liederblock in behutsamer Überarbeitung auftaucht, hat auch seine knapp 45 Jahre auf dem Buckel.

Dass Schaller und Ensikat große Satiriker sind und bleiben, wird niemand ernstlich bestreiten, und ihre neue Ko-Produktion bietet von der hohen Kunst zumindest ein paar Kostproben. Die Herleitung des Kapitalismus aus den frühen Handelsbeziehungen der Steinzeit hat Tempo und Witz, die Verwendung von Slapstick-Stummfilmen im Tagesschaugewand gibt einen fulminanten Running Gag, und auch einige der Schlagerparodien wie "Hirn absaugen" verstehen Pointen zu setzen.

Großes Lob verdient sich auch Schallers und Niers Begleitband (bestehend aus Jens Wagner und Volker Fiebig), die den flinken Wechsel zwischen Schunkelorgie, Ragtime und Popsong in vollendeter Manier beherrscht. Dass die flotte Nummernrevue ihr Publikum aber nur im Schonwaschgang rannimmt und an keiner Stelle wirkliche Provokation leistet, verwundert angesichts des versammelten Talents. Dies wird auch nicht besser durch das Strecken des Materials vermittels Uralt-Stilblüten aus dem Handbuch für unterhaltsame Betriebsfeste der frühen 70er und schauerlichen Kalauern ("Wie heißt der Fahrer vom Leichenwagen? - Schwarzfahrer!"), deren gefühltes Alter sie ebenfalls mit Rücksicht auf die demographische Entwicklung für das Programm qualifiziert haben dürfte. Ein riskanter Weg für das Kabarett, das sich seine im gutmütigen Ton als Bildungsbürger bespöttelten Zuschauer (die heimlich BILD lesen und Leserbriefschreiben mit politischem Engagement verwechseln) nicht vergraulen will und zudem im 21. Jahrhundert nicht ganz angekommen scheint.

Übrigens: Gegen die beständige Verunglimpfung der Comedyszene, die im Kabarett schon eine eigene Traditionslinie darstellt, lässt sich prinzipiell nichts einwenden. Sie gerät aber überzeugender, wenn man beim Einsatz von Spaßbrillen und Grimassieren aus der Sketchup-Schule selbst etwas mehr Sparsamkeit walten lässt.

Nächste Vorstellungen: 3. und 4. April, jeweils 19.30 Uhr

www.herkuleskeule.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 30.03.2012

Wieland Schwanebeck

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