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Haupt- oder Beiwerk? Schubert und Sánchez mit der Dresdner Philharmonie

Haupt- oder Beiwerk? Schubert und Sánchez mit der Dresdner Philharmonie

Woher stammt sie nur, diese Mode, jedem Konzert ein Motto aufpfropfen zu wollen? Was Werbetextern recht ist, scheint hier billig zu sein, und doch gehen die vermeintlich erklärenden Überschriften wie auch diesmal an den Werken vorbei:

Dresden. "Die Unvollendete - neu gehört" wollte Schuberts Sinfoniefragment in Beziehung setzen - zu einem zeitgenössischen Werk, das inhaltlich deutlich in einer verwandtschaftlichen Linie zu Brahms' Altrhapsodie oder Schostakowitschs Michelangelo-Suite steht. Die Gewichtung musste sich zwangsläufig verschieben, und so geriet Schubert fast zum Beiwerk.

Die Dresdner Philharmonie entzog mit klangvollem, konzentriertem Spiel die Sinfonie h-Moll letztlich dieser unsinnigen Paarung, die keinen Vergleich, keine Weitung ihres Gehaltes hätte herstellen können. Obgleich Dirigentin Simone Young im Streben, dem Raum der Frauenkirche zu entsprechen, bei den Tempi und im Angleichen des Gestus der beiden Sätze zu viel Rücksicht nahm. Denn so gemessen, fast schleppend die Verständlichkeit erhöhen zu wollen, führte zur Auflösung von Spannungen und Kontrasten, die gerade in der Weite des Raumes nötig gewesen wären. Es zog damit im ersten Satz ebenso wenig voran und mündete nur in eine lapidare Wiederkehr des Themas, wie es im zweiten zu einem neuen Charakter führte. Eine solche Atmosphäre des Wohligen dürfte kaum die Welt des Wiener Freigeistes gewesen sein.

Das "Libro del frío" (Buch der Kälte) des neuen "Composer in Residence" der Dresdner Philharmonie, José Maria Sánchez-Verdú (geb. 1968), bot danach die angekündigte Frische, das Neue im Hören, allerdings ganz unabhängig vom ersten Werk. Denn Sanchez' Vertonung von Gedichten seines Landsmannes Antonio Gamoneda (geb. 1931) griff gänzlich den existenziellen Gehalt der Texte auf, die der Poet unter dem Eindruck der - sein Leben prägenden - Franco-Herrschaft in Spanien schuf. Dabei entstand keineswegs ein musikalisch beschwichtigender Rückblick. Sánchez potenzierte vielmehr die Worte in einer ständig wachsenden, auch im Schluss nicht gelösten Spannung und dies mit einem großen Reichtum an Klangfarben: Das Orchester mit breitester Palette an Instrumenten, mehrere Fernorchester, Orgel (Samuel Kummer, als Gast), ein Waldhorn im Raum und ein Countertenor als Solist schufen in der Frauenkirche eine Wirkung, die von größter Intimität bis zu expressiven Ausbrüchen reichte. Carlos Mena sang - wie verkündend - in völliger Selbstverständlichkeit präsent und durchdrang mühelos noch die größte orchestrale Stärke. Die Kraft, aber auch die Feinheit des Ausdruckes, mit der Simone Young das "Buch der Kälte" aufführte, zeigten dabei einen eigenartigen Gegensatz zum konventionellen Beginn des Abends. Sich auf das Neue einzulassen - was etliche Zuhörer, in denen das Motto falsche Erwartungen geweckt hatte, nicht vermochten - erlaubte das Erlebnis einer großen gemeinschaftlichen Darbietung eines hochinteressanten Werkes.

von Hartmut Schütz

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