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"Hase und Igel": Doppellist trotzt Machtwillkür

Olaf Hais inszeniert Schelmengeschichte von Peter Ensikat "Hase und Igel": Doppellist trotzt Machtwillkür

"Ick bin all hier" ist der Schlachtruf aller Bedächtigen, wenn sie durch reine Überlegung mal wieder die Eiligen überholten - ganz ohne sie einholen zu müssen. Das ist nicht nur bei jeder Zeiten-, Karriere- und Charakterwende so, sondern eigentlich Alltag in einer Welt der allseitigen Gleichzeitigkeit.

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Hase (Johannes Krobbach) und Igel (Michael Heuser).

Quelle: Hagen König

Dresden. "Ick bin all hier" ist der Schlachtruf aller Bedächtigen, wenn sie durch reine Überlegung mal wieder die Eiligen überholten - ganz ohne sie einholen zu müssen. Das ist nicht nur bei jeder Zeiten-, Karriere- und Charakterwende so, sondern eigentlich Alltag in einer Welt der allseitigen Gleichzeitigkeit, wo (dank Einstein seit 99 Jahren) auch noch die Uhr nur relativ taktisch tickt.

Doch die Fabel "Hase und Igel" der Gebrüder Grimm bleibt ob der Konsequenz eine der besten Kindergeschichten. Peter Ensikat, meistgespielter Kabarettautor der DDR seiner Zeit, machte daraus vor 33 Jahren ein schönes Drehbuch, dessen Dialoge der Bautzener Schauspieler und Regisseur Olaf Hais nun für die Landesbühnen als mobiles Familienstück für junge Leute ab vier umsetzt. So reisen "Hase und Igel" nun als Schelmengeschichte durch die Kulturhäuser des Elbtales - und waren so am Dienstagnachmittag auch einmalig im großen, weißen Sarrasani-Zelt am Dresdner Hauptbahnhof zu Gast.

Dieses Varitee-Ambiente hat, neben dem penetrant-süßen Popcorngerauch im ganzen Innenraum, noch diverse andere Nachteile für Theaterspiel:

Es ist, dank Wärmegebläse und Berufsverkehr, recht laut, was sich bei 400 unruhigen Besuchern schnell vermehrt. Die Spielfläche ist niedrig und breit, die Akustik schlecht. Doch trotz der einmaligen Widrigkeiten des Ortes geben Stück wie Inszenierung in der peppigen und farbenfrohen Ausstattung von Marlit Mosler ein Fest für die Schauspieler her. Die Igel haben dank der Faulheit des Chefgärtners, der noch viel lieber als im Bett in der Sonne schläft, ein prächtiges, ökologisch korrektes Rübenfeld neben der lustigen Laube, der Hase hat derweil nur einen monochromen Kohlacker, dazwischen steht der drei Meter hohe Wachturm des Raben.

Anke Teickner und Michael Heuser trotzen als altes, gewieftes Igel-Ehepaar den Stürmen, auch wenn intern mal die Hütte raucht oder echt wackelt. Sobald es um ihre herrlich krummen Beine geht, sind sie sofort wieder neu ineinander verliebt - es ist wie draußen im Dresdner Spätherbstleben: Hochnäsige Diskriminierung schweißt zusammen, Identität heißt Besinnung auf Eigen- bis Einzigartigkeit, gemeinsam ist man stark und schlägt, wenn man richtig aufpasst, im rechten Moment die Willkür der Mächtigen.

Hier sind das der weiße (nicht unbedingt: weise) Rabe, der dank erkältungsbedingten Krächzem von Christin Rettig vom Regisseur höchstselbst und kantatensingend vom Blatt gespielt werden musste, um die Aufführung zu retten. Das funktionierte, natürlich mit Abstrichen, wurde aber klar übertrumpft von Johannes Krobbach als beweglicher, arroganter Hase, der französisch tut und den Weg durchs Rübenfeld begehrt, sich aber vom Igel, nur mit Abwehrqualitäten gesegnet, erst verängstigen, später sogar existentiell schlagen lässt - aber zumindest überlebt.

Und Ensikat vermittelt nebenher noch mehr, was es neben der Augenweide von Bühnen und Kostümen auch für ältere Kaliber unterhaltsam macht: Vorurteile aufgrund von Äußerlichkeiten - anhand eines kurzen Farben-Pro- und Epilogs erläutert - sind Quatsch. Und: Weile statt Eile.

Nächste Vorstellungen: 12.12. (16 Uhr) im Kulturhaus Freital; 13. & 20.12. (je 11 Uhr) an den Landesbühnen Radebeul und 28.12. (16 Uhr) im Zentralgasthof Weinböhla.

Andreas Herrmann

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