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Hans Werner Henzes "El Cimarrón" als Gastspiel in Semper 2

Hans Werner Henzes "El Cimarrón" als Gastspiel in Semper 2

Der Komponist Hans Werner Henze, dem die Sächsische Staatsoper in dieser Saison eine große Ehrung widmet, ist 86 Jahre alt. Vor 43 Jahren traf er auf Kuba Esteban Montejo.

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Bariton Robert Koller in "El Cimarrón".

Quelle: Matthias Creutziger

Da war dieser Mann 108 Jahre alt. Vier Jahre zuvor hatte er dem kubanischen Schriftsteller und Ethnologen Miguel Barnet die Geschichte seines Lebens erzählt, die Geschichte eines Cimarrón, eines geflohenen Sklaven. Der Flucht folgte ein Leben im Versteck der Wälder und darauf neue Unfreiheit in falscher Freiheit, neue Unterdrückung spanischer oder amerikanischer Herrenmenschen, geschundenes Leben unter dem Diktat von Maschinen, gnadenlos beaufsichtigt von den gleichen Schindern wie zur Zeit der inzwischen abgeschafften Sklaverei.

Nach den authentischen Berichten Montejos, wie sie Barnet herausgegeben hatte, hat Hans Magnus Enzensberger einen Text in der Art eines Monologes für Musik in deutscher Sprache geschrieben. Ein Monodrama in 15 Teilen, authentische Berichte, Reflexionen, mitunter auch so etwas wie innere Monologe, Gedanken, Visionen, am Ende kämpferische Hoffnung. Hans Werner Henze nennt sein Werk "El Cimarrón, Biografie des geflohenen Sklaven Esteban Montejo, Rezital für vier Musiker". Demnach versteht er den Part des Sängers ebenso instrumental, wie er die Mitwirkung der drei Instrumentalisten vokal, auf jeden Fall narrativ, versteht. Und in der Tat, es gibt Passagen in diesem Werk, in denen die vier Ausführenden zu einer Einheit des Ausdrucks und der Emotion verschmelzen.

Henzes Werk kam am Wochenende als Gastspiel des El Cimarrón-Ensembles mit zwei Aufführungen im Rahmen der Henze-Hommage in der Spielstätte Semper 2 zur Aufführung.

Der Ort eignet sich vorzüglich für die reisefreundliche Inszenierung von Michael Kerstan, der das Ensemble 1999 gegründet hat. Ein Tisch, ein Stuhl für sparsame Aktionen, dahinter wie der Schutz eines Halbkreises die vielen Percussionsinstrumente für Ivan Mancinelli, links Christina Schorn mit Gitarre und manchen anderen Instrumenten, rechts davon David Gruber mit Flöten unterschiedlichster Art.

Die drei Musiker erzeugen einen Kosmos der Klänge, vom Komponisten vorgegeben oder in aleatorischer Manier frei als Reflexionen auf die vom Text des Darstellers Robert Koller vorgegebenen Situation und deren Stimmungen. Das reicht von kettenrasselndem Naturalismus oder folkloristischen Anklängen bis zu massiven Klangkaskaden und im harten Schnitt darauf folgenden hochsensiblen und filigranen, eindringlichen Assoziationen mitunter ungewöhnlich melodischer Passagen. Der Darsteller, grundsätzlich in der Baritonlage, wechselt von ariosem, rezitativischem Bericht in affektive Situationen immer wieder ins hohe Falsett und breitet so eine ungewöhnliche Reflexions- und Assoziationsfläche aus, auf der er verbal und klanglich seinen Weg beschreibt. Wir vernehmen im Zusammenspiel aus menschlichem Ton und instrumentalem Gesang eine Vielzahl von Momenten menschlicher Kraft und Niederlage, Stärke und Einsamkeit, Wut und Vision, eine Mischung aus persönlichem Empfinden und reflektierender, abrechnender Erkenntnis im Spannungsfeld von Sklaverei und Freiheit und neuer Sklaverei. Manchmal freilich lässt sich der Eindruck nicht wegschieben, der gewollt plakative Gestus gehe ins Leere, der vielmalige und strapazierende Einsatz der Falsettstimme führe hart an die Grenze performativer Beliebigkeit.

Henzes Werk von 1970 markiert einen gewichtigen Punkt in der Geschichte politisch motivierter, musikalischer Agitation der Avantgarde jener Zeit. Zu provozieren oder gar zu verstören vermag es nicht mehr, ob es jemals mit seinem doch recht elitären Format aufzurütteln vermochte, bleibt fraglich. Der Intention nach war es wohl so gemeint. In den Schlusssätzen heißt es, El Cimarrón, Esteban Montejo, werde auch in kommenden Kämpfen dabei sein, mehr als sein Messer, sein großes, altes Messer, brauche er nicht. Aber schärfen sollte er es schon. Boris Michael Gruhl

www.semperoper.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 01.10.2012

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