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Hans Kromers Roman "Ost-West-Blues"

Hans Kromers Roman "Ost-West-Blues"

Nicht schon wieder Memoiren! Oder doch? Jedenfalls nicht solche, deren Abfassung selbst Ersatzerlebnis für erhoffte, aber unerfüllte Erfahrungen beim Schreiber oder der oft noch jugendliche Schreiberin zu sein scheint.

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Diese Verlegenheit nun wäre dem Dresdner Schriftsteller Hans Kromer bei seinen 400 Seiten "Ost-West-Blues" als letztes zu unterstellen. Kromer hat vor kurzem seinen 74. gefeiert, und die Zeiten seiner Kindheit und Jugend waren nicht gerade die erstrebenswertesten. Aber was er zu schildern hat, das lässt einen geradezu mitleidig auf solche letztlich konstruierten Erfolgsromane wie "Tschick" von Wolfgang Herrndorf blicken, die vom Hunger nach Ausbruch aus der heutigen komplett durchgestylten Welt der TÜV-geprüften Spielplätze zeugen.

Wie der Autor sein turbulentes Leben vermittelt, bleibt allerdings streitbar. "Ein Schelmenroman im Spiegel deutsch-deutscher Geschichte", verrät die Rückseite des Buchdeckels. Das ist der "Ost-West-Blues" dem Genre nach zweifellos, nicht nur eine fingierte Autobiografie, wobei der Ich-Held oft allzu sehr den Helden herauskehrt. Wer Hans Kromer ein bisschen kennt, weiß um seine Eitelkeiten. Ein ganz famoses Haus, so kommt es immer wieder heraus, und um ihn herum ist die Welt wahrlich fürchterlich schlecht. Der Schelm, der meistens Arges denkt, windet sich auf bewundernswerte Weise nicht nur überall heraus, sondern weiß clever seinen Vorteil zu finden. So bringt er nicht nur sein Schäfchen ins Trockene, sondern beispielsweise auch zu DDR-Zeiten einen Westwagen, und scheitert nur knapp am Kauf einer Villa. Gottlob keine penetranten Erfolgsstories, sondern stets mit einem Schuss Selbstironie wieder zurückgenommen.

Episodenhaft sind die drei großen, mit den gesellschaftlichen Zäsuren und Katastrophen verknüpften Lebensabschnitte seit 1938 erzählt. Bis ins Schlusskapitel folgt Kromer dem Raster des Schelmenromans, wenn er mit fühlbarem Augenzwinkern nach einer letzten Liebesbegegnung das Kloster "Zum frommen Emile" gründen will. Emile von Döblin, so nennt er sich als erzählender Held, und man hört die Nachtigallen von Döbeln trapsen, wo er aufwuchs. Diese ersten Kapitel der Kriegs- und Nachkriegskindheit gehören zu den anrührendsten und nachhaltigsten des Buches, auch wenn der allen Abtreibungsversuchen trotzende Säuglings-Held gleich auf der ersten Seite seinen zähen Überlebenswillen demonstriert. Den Typen seiner Jugend möchte man heute noch einmal begegnen, so wie später dem Maler "Hundertschwanz", den auch der Rezensent an dieser Stelle nicht namentlich denunzieren möchte.

Wenn Kromer als Insider auch das pralle Leben in Kultur und Subkultur der DDR schildert, so erscheint diese Zeit bis 1989 doch fast ausschließlich als eine feindliche. In den inhaltlich eher knapp bemessenen Kapiteln zur Zeit nach 1989 hat sich an seinem Grundverhältnis zum "System" offenbar nicht viel geändert. Viel Feind, viel Ehr, und so bietet sich eine Fülle von Gelegenheiten für den Schelm, für den kleinen unbekannten Helden, seine Cleverness zu beweisen. Von der Gewi-Prüfung im Studium bis zum Handel auf Polenmärkten. Der Leser lernt postum noch eine Menge Dinge, die er über Vorschriften und ihre Lücken in der DDR wahrscheinlich gar nicht wusste. Er wird aber auch oft in penetranter Weise über Geläufiges belehrt - die Zielgruppe sind gewiss nicht nur gelernte Ossis.

Ein flapsiger Tonfall dominiert, wird aber nicht durchgehalten. Da gibt es treffliche Schilderungen Dresdner Milieus oder köstliche Exkurse über die traditionellen Erwartungshaltungen von Frauen an Männer, die man an die häusliche PIN-Wand heften möchte. Dann wieder beinahe sachbuchartige überflüssige Erläuterungen, steile Thesen etwa über das Ostmenschentum, nicht enden wollende Kant'sche Schachtelsätze oder Brachialpoesie. Und dennoch entfaltet das Buch eine gewisse Faszination. Es gelingt nicht, mit doppelter Wiedergabegeschwindigkeit diagonal zu lesen - die geweckte Neugier lässt es nicht zu. Mit Ausnahme der verzichtbaren 87 (!) Seiten Kanada-Besuch gegen Ende unter dem Titel "Wie ich auch noch dem Führer begegnete".

Wenn Schreiben auch ein Stück Selbsttherapie ist, dann misst sich Hans Kromer rückblickend stets an dem Selbstanspruch, Hochschullehrer und Dichter gewesen zu sein. Ja, er unterrichtete Sport an der Kunsthochschule, und er hat auch literarische Preise erhalten. Aber diese ständige Selbststilisierung bremst ein wenig das Vergnügen an einem Schelmenroman, der über Biografisches weit hinausgeht und mindestens ein Mosaikstein im Geschichtsbild der vergangenen 70 Jahre sein kann.

Hans Kromer: "Ost-West-Blues", Multi Media Kunst Verlag Dresden, 400 Seiten, 22 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 09.07.2012

Michael Bartsch

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