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Hans-Jürgen Reichelt im BLICKPUNKT Kunst

Dresdner Jahre Hans-Jürgen Reichelt im BLICKPUNKT Kunst

Mit der Ausstellung Dresdner Jahre zieht Hans-Jürgen Reichelt ein künstlerisches Resümee über mehr als eineinhalb Jahrzehnte, in denen er seinen Lebensmittelpunkt in der Stadt hatte. Malerei, Radierung, Fotografie einerseits, die Themen fortführt, die er schon zuvor verfolgte – die malerischen, verwaisten Bauernhöfe und die radierte Welt des von ihm erfundenen, anachronistischen Antiquars.

Hans-Jürgen Reichelt: Die Frauen verlassen die Stadt. 2016.

Quelle: Repro: Reichelt

Dresden. Mit der Ausstellung Dresdner Jahre zieht Hans-Jürgen Reichelt ein künstlerisches Resümee über mehr als eineinhalb Jahrzehnte, in denen er seinen Lebensmittelpunkt in der Stadt hatte. Malerei, Radierung, Fotografie einerseits, die Themen fortführt, die er schon zuvor verfolgte – die malerischen, verwaisten Bauernhöfe und die radierte Welt des von ihm erfundenen, anachronistischen Antiquars, mit dem er sich unverwechselbar ins Gedächtnis des Dresdner Kunstumfelds einschrieb.

Neuere Themenkreise sind weniger bekannt: Schwarz/Weißfotos zu Leipziger Wave-Gothik-Treffen, die hautnah zeigen, dass Jugend nicht brav sein will, dass sie sich ausprobieren, in Rollen schlüpfen und über die Stränge schlagen will und muss. Die Einen so, die Anderen so und Manche vielleicht mit etwas mehr Phantasie und Geist als wieder Andere. Die „verruchtesten“ Modelle posieren - in schwarzem Samt und Seide, Leder und Polyester, mit allem, was sich glänzend gegen die bleiche Haut absetzt und das darunter verborgene Ego, das definiert werden will.

Darin ist Reichelt sich treu geblieben: Ihn interessiert, wer oder was gegen den Strom schwimmt. Sofonisba, die Tochter des Antiquars, Natascha, das Mädchen mit dem Ziegenbock, mehrfach als Rückenfigur zu sehen und die schrillen Petticoat-Mädchen – irgendwie sind sie alle verwandt, als Sinnbilder unangepassten weiblichen Autonomiestrebens. Gern lässt er sich von der Textur schimmernder Stoffe, von Ledermänteln, Latexkleidern, auch der Eleganz hochhackiger Schuhe und Stiefel faszinieren. Selbst in Stillleben feiert er modische Accessoires, hohe, spitze Pumps und lange, rote Lederhandschuhe. Mit spitzem Pinsel arrangiert er sie perfektionistisch in altmeisterlicher Manier symbolträchtig mit noch gut gefüllten, nostalgischen Gläsern, einem irisierenden Perlmuschelgehäuse, auch einer Pfeffermühle und Fisch. Da der Füllstand von Gläsern gern als Metapher für verbleibende Lebenszeit gesehen wird, der Stöckelschuh aber als Eitelkeit par excellence, weist alles auf den klassischen Vanitas-Gedanken der Flüchtigkeit des Augenblicks: „Alles Eitle ist nichtig“. Weitere Stillleben zeigen Früchte, ebenso brillant, vollkommen im Sinne eines illusionistischen Trompe-l’œil, einer Augentäuschung, gemalt: Auberginen in überreifer Laszivität, Kürbis und Granatapfel, teils aufgeschnitten ihre Samenkerne präsentierend, Zitrone und Paprikaschote als antithetisches Paar ehemals exotischer Luxuswaren, die auch heute in gewissem Sinn noch nach Mäßigung verlangen, gegenüber dem Fleisch in Form aufgeschnittener Beinscheiben, saftig, markig, frisch, noch auf dem Einkaufspapier. Eine sinnliche Malerei - traditionslastig und in seiner auserlesenen Sparsamkeit surreal und modern. Optisch anziehend! Doch, etwas weitergedacht, auch abstoßend.

„Es gibt eine geistige Gefräßigkeit“, findet man als eine von vielen Thesen in zwei radierten Blättern notiert, die dem kolumbianischen Aphoristiker Nicolás Gómez Dávila, dem Kritiker der modernen Rationalität, gewidmet sind.

Dass sich neben all dem, auch in seinen jüngeren Blättern, noch immer Reichelts Antiquar beschaulich tummelt, ist vielleicht ein Bekenntnis zum Wurzeln in der Geschichte: Dem Wissen und vor Augen halten der ungezählten Generationen und Menschenwerke, auf denen unser Dasein aufbaut. Dazu die Gewissheit, dass jegliches eigene Streben und Schaffen besten Falles einmal im Depot eines Antiquars Aufnahme finden könnte, wenn nicht die Zeit schonungslos darüber hin wuchert, oder eine Katastrophe alles auslöscht. Was wird bleiben? Könnte etwas Bestand, könnte etwas Bedeutung behalten?

Während der Antiquar Sommerhaus und Einsiedelei und auch die altdeutsche Donauschule verlässt, schrittweise die Welt bereist - Amazonien, Mexiko, Rotterdam - wendet Sofonisba, die Tochter, sich ab; will, wie ihre Namenspatronin Sofonisba Anguissola, eine selbstbewusste, heut dennoch beinahe vergessene Renaissance-Malerin, selbst ihren Weg bestimmen, wobei ihre Rückenfigur an die der modernen Natascha und Gothik-Girls erinnert.

Aber was heißt modern? Das modische von heute ist das das Altmodische von morgen – „panta rhei – alles fließt“ (Heraklit) und „alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht“ (Mephistopheles). So ist es in einer Welt, die sich von Modischem abhängig macht. Verlassen deshalb die Frauen auf Pferden statt auf Gleisen die dystopische, bedrohliche Stadt? Vorbei an molochenden Portalen unterschiedlicher Kultbauten und einem sich krakenartig in den Weg stellenden Riesenrad. Die Frauen verlassen die Stadt und zeigen ihre schönen, straffen Rücken. Verschwindend klein erscheint eine männliche Sitzfigur am Bildrand. Ist es der Antiquar, der nun auch die Stadt verlässt, um sich dem Erbstück des Aniquars zuzuwenden – einem umwucherten, verwunschenen Fachwerkhaus?

Hans-Jürgen Reichelt, im Erzgebirge aufgewachsen, Restaurator, Grafiker und Maler, fand in Dresden nicht zuletzt einen wichtigen Anreger, Willy Wolff. Der liebte es, in äußerster Präzision mit Pinsel und Rohrfeder den Gegenstandscharakter des Dargestellten sowohl mit ironischem als auch beängstigendem Unterton surrealistisch zu überzeichnen. Reichelts vielfältige, hintersinnige Bildauswahl wirkt ähnlich erfrischend provokant.

Bis 2. Sept. 2016. BLICKPUNKT Kunst in der Forststraße in der Praxisklinik Herz und Gefäße, 01099 Dresden, Forststr. 3. Mo – Do 7.30 – 19.00, Fr 7.30 – 14.00 Uhr.

Abb.: Hans-Jürgen Reichelt: Die Frauen verlassen die Stadt. 2016. Repro: Reichelt.

Von Jördis Lademann

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