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Hans-Joachim Roedelius kommt nach Dresden - Gespräch mit dem Elektronic- und Krautrockpionier

Hans-Joachim Roedelius kommt nach Dresden - Gespräch mit dem Elektronic- und Krautrockpionier

Mal verwandelt eine Gruppe enthusiastischer und experimentierfreudiger Dresdner Künstler das Palais im Großen Garten: Morphonic Lab XIII:Contarum, das Festival für experimentelle Klang- und Videokunst, findet am 25. Oktober statt.

Höhepunkt ist der Auftritt des Elektronic- und Krautrockpioniers Hans-Joachim Roedelius. Ein Interview mit dem knapp 80-Jährigen.

Frage: Wie begannen Sie nach Kriegsende, sich künstlerisch zu betätigen?

Hans-Joachim Roedelius: Meine Eltern versuchten, mir Klavierunterricht angedeihen zu lassen, aber mein Vater starb 1948, das Geld ging aus, das Klavier war immer verstimmt, was mich extrem nervte, und außerdem spielte ich die Stücke beim zweiten Mal nicht mehr vom Blatt, sondern aus dem Gedächtnis, was wiederum meine Klavierlehrerin extrem nervte. Dieses "künstlerische Intermezzo" dauerte nicht lange genug, um wirklich Frucht zu bringen.

Sie haben bis 1960 in der Sowjetischen Besatzungszone bzw. DDR gelebt. Aus der NVA haben Sie sich "verdrückt" mit der Folge, dass Sie ins Gefängnis kamen. Danach arbeiteten Sie u.a. als Krankenpfleger, Sterbebegleiter und Heilgymnast. Aus der DDR sind Sie erst geflohen, als eine Vorladung der Stasi Schlimmes ahnen ließ ...

Ich bin 1958 nach zwei Jahren und zwei Monaten Haft vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen worden unter der Bedingung, ja nicht wieder in den Westen zu fliehen, sonst würde meine Familie darunter zu leiden haben (Androhung von Sippenhaft). Das war der Grund, weshalb ich erst 1960 endgültig nach Westberlin überwechselte, ein Jahr vor dem Bau der Mauer. Zu diesem Zeitpunkt war meine Familie bereits nach Dresden gezogen, womit ich keine Angst mehr zu haben brauchte, dass meiner Familie von Seiten der Stasi Ärger gemacht werden würde.

Ihre Erfahrungen mit der Staatssicherheit sind u.a. mit Dresden verbunden, aber Sie haben auch einen positiven Bezug zur Stadt: Hier lebten Ihre Vorfahren wie der königlich-sächsische Militär-Apotheker Christian Gottlob Wilhelm Roedelius. Haben dieser Umstand und der Apotheker Roedelius eine spezielle Bedeutung für Sie?

Ja und zwar bezüglich meines Verhältnisses zu meinem eigenen Beruf, den ich, weil ich fest davon überzeugt bin, dass jedem Menschen mit seinem Namen die Bestimmung mitgegeben ist, als Fortführung der Tätigkeit meiner Ahnen sehe. Von denen hat - wie sich in meiner Ahnenchronik verfolgen lässt - kaum einer in seinem Leben je eine Waffe berührt. Und sie waren (fast) alle in geistigen Berufen zugange.

Im "freien Westen" haben Sie sich auf eine "langjährige Wanderschaft durch Dutzende von Tätigkeiten" und Länder begeben, waren u.a. Vertreter, Reiseleiter, Dachdecker, Masseur und Animateur. Gab es da das Gefühl, jetzt endlich alles tun zu können, was Ihnen Spaß macht, oder würden Sie diese Phase rückblickend eher als eine Art Suche verstehen?

Das geschah zunächst der Not gehorchend, denn mein ostdeutsches Staatsexamen wurde nicht anerkannt. Ich musste überleben und nahm quasi alles an, was mir dieses Überleben sicherte. Heute weiß ich aber, dass mir die Vielzahl dieser Tätigkeiten vor allem eins gebracht hat: Lebenserfahrung, ein profundes Wissen über den Menschen und über das, was er tut und leider auch immer wieder zu tun bereit ist. "Conditio humana" ist das Stichwort zum Grund meiner künstlerischen Arbeit.

In den späten 1960ern wurden Sie ein "Hippie", waren in Westberlin Mitgründer der Musikkommune "Human Being" und des "Zodiak", des ersten Zentrums der freien Underground-Kultur in Berlin. Zu dieser Zeit gaben Sie den Beruf des Masseurs auf. Was bewegte Sie, einen unkonventionelleren Weg einzuschlagen?

Die Zeit des quasi sinnlosen Herumabenteuerns war einfach vorbei, die Suche hatte ein Ende, ich war da gelandet, wohin ich sollte.

Ihr erster Liveauftritt an der Berliner Akademie der Künste wurde abgebrochen, bei einem Konzert vor französischen Kommunisten auf Korsika sind Sie fast gelyncht worden. Wie haben Sie Ihre Mitmenschen so in Rage gebracht?

Es war nicht die Art der Performance von "Human Being" in der Akademie, obwohl das, was wir damals formal und klanglich zu bieten hatten, sicher nicht zur leicht verdaulichen Kost gehörte. Es war die Zeit. Es war der Ruf nach längst anstehenden, notwendigen Veränderungen in Politik und Kultur. Anders in Korsika. Die Jugendlichen in dem Camp hatten von ihrer Herkunft und Ausbildung her keinerlei Zugang zu dem "schrägen Zeug", das ich anzubieten hatte. Den Krach der Autos von der nahe gelegenen Hauptdurchgangsstraße, den ich vom Tonband abspielte, eingebunden in einen Klangkontext als Ton-Dokument der Zeit, das konnten sie nicht verstehen.

Was bewegte Sie 1969, ernsthaft mit Musik zu beginnen - hatten Sie Grundkenntnisse aus Schule/Elternhaus?

Es begann bereits 1967 noch vor der Gründung des Zodiak ernsthaft. Die wenigen Grundkenntnisse aus dem Klavierunterricht spielten keine Rolle. Ich musste und wollte im Herumprobieren, mit den damals zur Verfügung stehenden Geräten und Instrumenten, herausfinden, ob es möglich wäre, zu einer eigenen relevanten Tonkunst zu finden. Das ist mir ja auch nach und nach bestens gelungen.

Später haben Sie "Einklang mit der Natur"-Konzerte gegeben, bei denen Sie an eher einsamen Orten Fröschen, Vögeln und Mücken Ihre eigenen Sounds vorspielten. Welche Erfahren haben Sie damit gemacht?

Höchst vergnügliche Erfahrungen, denn mit jedem Konzert wurde klarer, wo es langzugehen hat und wie. Ich habe die Mücken und Frösche nicht gefragt, wie ihnen meine Musik gefallen hat, bin aber wegen späterer Erfahrungen aus Konzerten in der freien Natur sicher, dass zumindestens die Singvögel Gefallen daran finden, denn sie haben deutlich mit mir in der Musik kommuniziert.

Mit welchem technischen Gerät arbeiteten Sie und nach welchen Kompositionsprinzipien?

Mit allem, was gerade verfügbar ist, bzw. für eine jeweilige Produktion notwendig erscheint, und dabei, wie sonst immer auch, aus dem Bauch heraus. Ich lasse die Musik kommen, ich rufe sie nicht herbei, sondern lasse sie im Prozess des Entstehens zu dem hinwachsen, was innerhalb dieses Prozesses die Bedingungen bestimmt.

Sie gelten als Elektronikpionier. Wie muss sich die iPad-Generation die Anfänge dieses Genres vorstellen?

Tonnen von Gerät!

Sie beschreiben Ihren Schaffensprozess selbst als eher intuitiv. Sie arbeiten mit Geräuschen, Tönen, Klängen "aus dem Bauch". Wie können wir uns diesen kreativen Prozess konkret vorstellen?

Der alte Knabe setzt sich hin und lässt es kommen.

Was können die Besucher des Morphonic Lab in Dresden von Ihrem Auftritt erwarten?

Einen Opa in strahlender Laune mit dem Wunsch im Herzen, ein für diesen Auftritt inhaltlich und formal bestens ausgereiftes Werk abzuliefern. Visuell begleitet mich der nicht ganz unbekannte Wiener VJ Florain Tanzer vom Videokunst-Duo Luma Launisch.

Werden Sie bei Ihrer Lesung im Alten Wettbüro ausschließlich Gedichte vortragen oder äußern sich auch zu Ihrer Biografie und Verbindung zu Dresden?

Beides, ich lese eigene Poeme und Zitate aus meiner Autobiografie, und wenn's Fragen aus dem Publikum gibt, werde ich gerne darauf antworten.

Sie feiern am 26. Oktober Ihren 80. Geburtstag. Welche Pläne haben Sie?

Weiter so wie bisher.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.10.2014

Ullrich Bemmann

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