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Hans Falladas Sohn aus Dresden erzählt von einer ambivalenten Beziehung zum Vater

Hans Falladas Sohn aus Dresden erzählt von einer ambivalenten Beziehung zum Vater

"Das bist du deinem Vater schuldig." Es ist dieser Satz, der vor fast 60 Jahren einen Jungen in einem Esszimmer im mecklenburgischen Carwitz in Tränen ausbrechen lässt.

Die Musiklehrerin, eine ehemalige Opernsängerin, hatte an der Dorfschule das Fach "Gutes Benehmen" eingeführt. Und Achim war auserkoren, den anderen, den Kindern von norddeutschen Bauern, zu zeigen, wie es geht. Wie man eine Dame zum Tanz auffordert, wie man Wein eingießt, wie man sich bei Tisch benimmt. Geprobt wird auch zu Haus, die Lehrerin und die Mutter des Jungen sind befreundet. Und so sitzen sie zusammen am Mittagstisch und weisen ihn darauf hin, wenn er wieder das Messer falsch hält oder nicht gerade genug sitzt. Und wenn er nicht mehr kann oder nicht mehr will, kommt dieser Satz. Der noch oft gesagt wird zu anderen Gelegenheiten. Und schon früh der Grund dafür ist, dass der Sohn eine Distanz aufbaut zu jenem Vater, den er nie wirklich kennengelernt hat, der schon lange tot ist und doch gegenwärtig auf eine bedrängende, fordernde Weise.

Natürlich tut man es bei einer ersten Begegnung, das Gesicht dieses Gegenüber abforschen nach dem anderen, das darunter liegt, wie bei jedem von uns, das Gesicht der Eltern in den eigenen Zügen zu erkennen, ist mal vage, mal deutlich. Aber es muss gar nicht lange gesucht werden, Achim Ditzen hat eine offensichtliche Ähnlichkeit mit seinem Vater. Der Mund, der kantige Gesichtsschnitt.

Aber sicher sieht es nur, der weiß, dass der 71-Jährige der Sohn Hans Falladas ist. Seit 53 Jahren lebt Ditzen in Dresden, und wegen des unterschiedlichen Namens lange quasi inkognito, von Kollegen und Freunden abgesehen, denen er es erzählt hatte. Im vergangenen Jahr allerdings war es dann doch ein wenig vorbei mit der nicht bewusst gesuchten, aber doch sehr genossenen Anonymität. Mehr als 60 Jahre nach seinem Tod kam Fallada zu unerwartetem, grandiosem Nachruhm und sein Sohn zu einer gefragten Zeugenschaft. Falladas 1946 in nur vier Wochen geschriebenes letztes Buch "Jeder stirbt für sich allein" wurde zum Bestseller vor allem in den USA und Großbritannien, aber auch zum Beispiel in Frankreich und Israel. Ein amerikanischer Verleger mit dem Gespür für die Brisanz eines Stoffes und die Zeit, in der sich Brisanz entfalten kann, hatte das fast vergessene Buch entdeckt und ins Englische übersetzen lassen. Die "New York Times" bezeichnete das Erscheinen des Romans um das einst hitlertreue Berliner Arbeiterehepaar, das 1940 zum Widerstand gegen die Nationalsozialisten aufruft, dazu handgeschriebene Zettel und Postkarten verteilt und dafür zum Tode verurteilt wird, als "literarisches Großereignis". Achim Ditzen versteht, warum es Jahrzehnte brauchte, ehe dieses Buch seine Zeit fand. "Heute braucht man kein Schwarz-Weiß-Bild mehr von dieser Epoche, man akzeptiert auch die Grautöne", sagt er.

In dem Jahr, als Hans Fallada dieses Buch schrieb, besuchte Achim ihn mit seiner Mutter in Berlin. Er war fünf und erinnert sich, wie er in dem überfüllten Zug von Neustrelitz im Gepäcknetz saß, sicher und frei über dem Gedränge unter ihm. Und dann die nächste Erinnerung, ein Garten und ein Mann, mit dem er vor einem Obstspalier steht, an dem eine Birne hängt. Er weiß noch, wie die Birne aussah, nicht aber, wie der Vater ausgesehen hat in diesem einzigen Moment, den die beiden allein waren miteinander.

Achim war im Jahr 1940 geboren worden, die Ehe der Eltern wurde 1944 geschieden, ein Jahr später zog der Vater nach Berlin, wo er mit seiner neuen Frau lebte. In Carwitz, einem idyllisch an Seen gelegenen kleinen Ort nahe Feldberg, blieb er "der Ditzen". Und ausgesprochen wurden die zwei Wörter in jenem herablassend-triumphierenden Tonfall, mit dem über Gescheiterte, Gestrauchelte berichtet wird, die man früher beneidet hat, nie verstanden, aber nun wenigstens verurteilen kann. Im August 1944 hatte Fallada in einem Streit mit seiner Frau in ihre Richtung geschossen. Er traf den Tisch und wurde daraufhin - wieder einmal - in die Psychiatrie eingewiesen.

Von all dem erfuhr der Sohn erst spät. Früh begann er die Bücher des Vaters zu lesen, zuerst die Kinderbücher, dann all die großen Romane. "Für mich ist "Wolf unter Wölfen" das beste Buch von ihm", meint er. Auf die Frage, ob er je stolz war auf seinen Vater, antwortet er: "Ich habe ihn als Schriftsteller bewundert, sehr bewundert. Aber stolz war ich nicht. Stolz kann man meiner Meinung nach nur auf etwas sein, was man selbst geschafft hat."

Nur war es für den Sohn anfangs nicht leicht, er selbst zu sein. "Ich hatte einen Spitznamen in der Grundschule in Carwitz", erzählt er. Das, was er Spitznamen nennt, war der Schriftstellername seines Vaters. Die Kinder riefen ihn "Fallada", nie bei seinem Vornamen. "Das wollte ich nicht, ich wollte Achim sein", sagt der Mann.

Der von einer schönen Kindheit berichtet. "Wir waren immer draußen in der Natur, konnten Boot fahren", sagt er. Dass er der Mutter in der Landwirtschaft helfen musste, Schweine füttern, Heu machen, habe er nie als Belastung empfunden. Das gehörte eben dazu. Die Mutter, hoch geachtet in dem Ort dafür, wie sie so vieles ganz allein schaffte, brachte die Familie als selbstständige Bäuerin durch. Die Mutter sei eine starke Frau gewesen, sagt der Sohn. Sie war die erste im Dorf, die sich ein Auto kaufte. Kümmerte sich um die Flüchtlinge, die in das Haus der Ditzens eingewiesen worden waren. Und sie nahm die Mutter ihres Ex-Mannes auf, pflegte sie bis zum Tod.

Über den Vater erzählte sie Achim nichts. "Ich kann mich nicht erinnern, dass sie mit mir je über ihn gesprochen hätte. Außer kurz vor ihrem Tod, als nur noch das Langzeitgedächtnis präsent war." Aber sie sagte den Kindern auch nichts Schlechtes über den Ehemann, den Trinker, den Drogenabhängigen, den exzessiv Labilen, der sie schließlich verließ für eine 30 Jahre jüngere Frau. Und für den Schriftsteller setzte sie sich ein, dass er nicht vergessen wird, sprach mit dem Verlag, arbeitete an Veröffentlichungen mit. Es scheint, als sei es ihr gelungen, vollkommen trennen zu können zwischen Rudolf Ditzen und Hans Fallada, als hätten die zwei nichts miteinander zu tun.

Auf die Frage, ob Werke von Fallada schon in seiner Schulzeit Unterrichtsstoff gewesen seien, sagt Achim Ditzen: "Nein, zum Glück nicht. Das wäre mir ziemlich peinlich gewesen." Er sei kein sehr guter Schüler gewesen, meint er, habe keine Lust auf Schule gehabt. Vielleicht eine Art Verweigerung gegen den ewigen Vorwurf: "Was sollen die Leute denken, Du bist doch der Sohn von Fallada." Aber möglicherweise war es auch ganz anders, er ein Teenager wie andere, die anderes im Kopf haben.

Denn trotz des allgegenwärtigen Vaters, der Mann passt nicht in die Kategorie Berühmtenkind, das im Schatten des großen Erzeugers verkümmert wäre. Denn während andere ein Leben lang verzweifelt versuchen, sich den Vorgaben des familiären Vorbildes mit eigenen, möglichst kongenialen Leistungen zu nähern, hielt Ditzen Abstand. Wenn er von Hans Fallada erzählt, hat man bisweilen den Eindruck, als berichtete er von einer Romanfigur, einer Figur, mit der er Mitleid empfinden kann, die aber unwirklich ist.

Nie der Gedanke, selbst Schriftsteller zu werden. Dafür wurde er Schriftsetzer, und das eher durch Zufall. Ein Dresdner Druckereibesitzer war als Urlauber Gast im Hause Ditzen. Er machte Achim ein Angebot, und so ging der 1958 nach Sachsen, machte die Lehre, studierte später Polygrafie und arbeitete als Technologe im damaligen Grafischen Großbetrieb Völkerfreundschaft. In dem übrigens auch Bücher von Hans Fallada gedruckt wurden.

Mit den Jahren ließ die Distanz zum Vater nach. Sie war auch nicht mehr nötig, er musste sich nicht mehr schützen, er hatte sein eigenes Leben. Der Beruf, die Familie, zwei Kinder, die Heimat fern des Ortes, wo man ihm "Fallada" hinterhergerufen hatte. Und jetzt konnte er sich auch beiden nähern: Hans Fallada und Rudolf Ditzen. Seit einigen Jahren arbeitet Achim Ditzen in der Fallada-Gesellschaft, bereitet gerade eine Ausstellung mit vor. Er schaut sich die alten Familienfotos an, liest Briefe, Dokumente. Und kann manches zurechtrücken, was sich über Jahrzehnte an Geschichten über Ditzen/Fallada gehalten hat. "Dass ihn sein Vater nie unterstützt hat, stimmt einfach nicht. Auch wenn er oft enttäuscht war, hat er immer zu ihm gehalten", erzählt er. Sie haben einen Vertrag aus dem Jahr 1918 gefunden, den Achims Großvater, ein Richter, mit dem Sohn geschlossen hatte. Es ist ein Vertrag für ein schriftstellerisches Lehrjahr, finanziert mit einer Summe über 3000 Mark. Achim Ditzen erzählt von der Sehnsucht des Schriftstellers nach einer bürgerlichen Existenz, nach Normalität, aus der er doch immer wieder ausbrechen musste. Wir sprechen auch über das wohl dramatischste Ereignis im Leben des Vaters. Mit 19 hatte der mit seinem Freund Hanns Dietrich von Necker beschlossen, einen als Pistolenduell getarnten Doppelsuizid zu begehen. Der Freund starb, Fallada nicht. Es folgte sein erster Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik.

Achim Ditzen berichtet, dass der Anlass für die Tat eine Zurückweisung von Verlagen gewesen sei. Der junge Mann hatte ein Manuskript eingereicht, und das war abgelehnt worden. "Lieber romantisch sterben, als gescheitert leben", kommentiert der Sohn. Fast klingt es, als bewundere er - so aus der Ferne - die Fähigkeit des Vaters zur bedingungslosen Passion, der Passion des Schreibens. Aber er weiß natürlich auch um die Gefahren solcher Leidenschaft. Auf die Frage, ob er je Angst hatte, die Fragilität des Vaters geerbt zu haben, sagt er sofort: Ja. Aber er sei nicht derart seinen Emotionen ausgeliefert wie Hans Fallada. Er könne vieles über den Verstand, die Vernunft regeln. Achim Ditzen wirkt jünger, als er ist, vielleicht wegen der Gelassenheit, die er ausstrahlt, die nicht alleinig Altersgelassenheit zu sein scheint. 18 Jahre ist der Sohn jetzt schon älter, als der Vater geworden ist.

Hans Fallada erlebte nicht mehr das Erscheinen seines Romans "Jeder stirbt für sich allein". Er starb am 5. Februar 1947. Allein, was sonst.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.11.2011

Heidrun Hannusch

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