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Hannes Wader, Urgestein des politischen Protestliedes, kam mit neuen und alten Songs ins Wechselbad in Dresden

Hannes Wader, Urgestein des politischen Protestliedes, kam mit neuen und alten Songs ins Wechselbad in Dresden

"Money makes the world go around", das war schon Liza Minelli alias Sally Bowles klar. Geliebt aber wird der schnöde Mammon nicht. Das schlechte Gewissen, dass man dem Lockruf des Goldes gefolgt ist, zieht seine Verdammung nach sich.

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Der aus der ostwestfälischen Provinz stammende Hannes Wader, Relikt aus alten untergegangen linksalternativen WG-Welten, begann seinen Auftritt in Dresden mit dem Lied, mit der fast jedes Konzert beginnt, nämlich "Heute hier, morgen dort".

Quelle: Dietrich Flechtner

In Krisenzeiten schwillt das Unbehagen am Kapital an zur großen Koalition aller billig und gerecht denkenden. Dann werden auch die Lieder der alten Barden aus dem Pleistozän des Protestsongs wieder gehört, jene "politischen Künstler", die einen Beitrag zur Umwälzung der Gesellschaft zur Gesellschaft leisten wollen: Franz Josef Degenhardt, stets im Dienst der Revolution stehender Politruk alter Singe-Schule, der ganz genau wusste, sein ganzes Liedermacherleben lang, dass die Diktatur des Proletariats wie die Neuauflage des Faschismus unmittelbar bevorstanden, ist vor einem Jahr gestorben.

Hannes Wader ist noch aktiv. Hat nach einer Pause von sechs Jahren sogar mal wieder eine neue Platte (mit dem Titel "Nah dran") eingespielt, mit hoffnungslos altmodischen, selbstreflexiven, nostalgischen und rumpelpolitischen Liedern, wie sie nicht nur bei K-Gruppen Anklang finden. Und kam damit in die Charts, füllte nun am Montag das Wechselbad bis auf den letzten Platz.

Um es vorweg zu nehmen, das gelegentliche Pathos diverser Wader-Texte mit ihrem oft holprigen Reim wurde nur durch den schlichten und eben vollkommen uneitlen Vortrag des Troubadours erträglich (halbwegs jedenfalls), weil er es noch immer schafft, das politische Lied vom scheppernden Ernst-Busch-Pathos zu befreien. Aber ein Lied von Louis Fürnberg macht unfreiwillig deutlich, dass der noch ganz andere, nicht ganz so peinliche Reime verfasst hat wie "Die Partei hat immer recht". In "Nah dran" bilanziert Wader mit mäßigem Witz seine bescheidenen Erfolge in der Disziplin Frauen-Erobern. Im Reggae-Rhythmus soll diese "Zwischenbilanz" über sein Verhältnis zu den Frauen sein, aber letztlich ist da so wenig Reggae drin wie Blut in einem "Twilight"-Vampir. Immerhin ist es der Versuch, mal nicht das übliche Akkorde-Einerlei zu spielen. Lied reiht sich an Lied, das Geklampfe ist ein monotoner Fluss, selten, dass mal spieltechnische Finessen aufblitzen. Teflon-Programm nennt man so was: Fast nichts bleibt haften, krallt sich nachhaltig im Gedächtnis fest.

"Das Lied vom Tod" ist eine banale Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit, in deren Vorfeld u.a. geklärt werden muss, was etwa mit den Organen geschehen soll. Überhaupt kokettiert der Protestlied-Veteran gern mit seinem Alter, etwa wenn er zu einem Lied mitteilt, dass er es einst vor langer Zeit geschrieben habe. "Anfang der siebziger Jahre. Des vorigen Jahrhunderts." Das neue Lied "Boulevard St. Martin" ist hingegen ein passables Denkmal des Altlinken für Peter Gingold, einen jüdischen, in der Resistance mitkämpfenden Deutschen, dem es im besetzten Paris gelang, der Gestapo zu entkommen.

In Zeiten, in denen alles und jedes aufs Copyright abgeklopft wird, ist es nicht verkehrt, zu benennen, wer welchen Anteil an einem vorgetragen Lied hat. Aber Wader war schon immer die ehrliche Haut, die weiß, was sich gehört, nämlich akkurat mitzuteilen, dass es ein Lied seines Berufskollegen und alten Freundes Reinhard Mey ist, das er zu singen gedenkt (nämlich "Mädchen in den Schänken"), wobei Mey wiederum an sich da einen Text von François Villon umgedichtet hat.

Die Stärke des Relikts aus alten untergegangen linksalternativen WG-Welten liegt letztlich noch immer beim Folksong. Wader, der genau die Autorität war, nach der sich die einstigen Antiautoritären in den Siebzigern sehnten, übersetzt Tom Paxtons "The Last Thing On My Mind" als "Ich werd' es überstehn" und "Autumn Leaves", seinerseits aus dem durch Yves Montand bekannt gewordenen Chanson "Les Feuilles Mortes" hervorgegangen, als "Die welken Blätter". Von Pete Seeger übernimmt der "Festival des politischen Liedes"-Atmosphäre verbreitende Barde die biblische Weisheit, dass jedes Ding seine Zeit hat, ohne jetzt daraus Folgen fürs eigene Tun abzuleiten. Natürlich fehlt - trotz alledem - auch der Wunsch nach "einem neuen Sozialismus" nicht. Einen besseren als den alten natürlich. Als ob es nicht schon Versuchsreihen am lebenden Objekt gegeben hätte. Aber das Kapital, das die Ungerechtigkeit in die Welt bringt, muss eben bekämpft werden. Blöd nur, dass die Grenzen zwischen Kapitalisten und Kommunisten so fließend sind. Auf wie viel Geld bringt es doch gleich noch mal die ehrenwerte Familie von Chinas Noch-Regierungschef Wen Jiabao? Angeblich 2,7 Milliarden US-Dollar. Keine schlechte Rendite für einen Genossen.

Christian Ruf

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.11.2012

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