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Hannelore Hoger las im Schauspielhaus

Hannelore Hoger las im Schauspielhaus

Geburtstagsjubiläum von Anna Seghers im Jahr 2000 präsentierte ihr Sohn Pierre Radvany die bis dahin unbekannte, 1925 entstandene Erzählung "Jans muss sterben" aus dem Nachlass seiner Mutter.

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Hannelore Hoger

Pünktlich zum 100. Seghers wollte nach ihrer Rückkehr aus dem mexikanischen Exil 1947 nur an späten Werken weiterarbeiten und ignorierte, was davor in Rohfassung vorlag, darunter diese Erzählung. Offenbar war es ihr eigener Wunsch, dass "Jans muss sterben" erst im Jahr 2000 publiziert wird. Die Kritik entdeckte darin trotz Abstriche deutliche Zeichen von Seghers schriftstellerischer Begabung und rühmte ihre schon hier vorhandene eigenwillige Mischung aus Mystik und nüchternem Blick auf die Realität.

Und gleich im Jubiläumsjahr entstand auch eine Hörfassung der Erzählung, gesprochen von der Schauspielerin Hannelore Hoger. Ihre Bekanntheit als Kommissarin Bella Block im Fernsehen war sicherlich der Hauptgrund, dass ihre Lesung zum Start der exklusiven Lesereihe "Prominente Schauspieler lesen Jahrhunderttexte" zum 100. Jubiläum des Theaterhauses das Schauspielhaus mühelos füllte.

Ob die Erzählung ein "Jahrhunderttext" ist, sei dahingestellt, doch dank der warmen, tiefen Stimme von Hannelore Hoger, mit der sie Bilder im Kopf malen kann, wirkte der Text bei der Lesung jedenfalls plastisch und in der Thematik seltsam zeitlos.

"Niemand weiß, ob Jans Jansen an diesem Tag hinfiel, weil ihm schwindlig war, oder ob ihm erst schwindlig wurde, als er hingefallen war.", so lautet der erste Satz der Erzählung und deutet schon auf das Unheil hin, das über der jungen Familie Jansen schwebt. Jans ist zu Beginn der Erzählung ein aufgeweckter Junge von sieben Jahren, der in einer Stadt am Fluss aufwächst und wie alle anderen Jungen herumtollt. Doch unter der Brücke am Fluss lauert schon der Tod, denn dort "kletterten die kleinen Knaben herum, die im vorigen Sommer bei diesem Spiel ertrunken waren, ohne es deshalb aufgegeben zu haben". Doch bald kann Jans nicht mehr am Fluss spielen, ist wohl lebensgefährlich erkrankt und muss in seinem Kinderzimmer einsam und allein bleiben. Doch nicht die Krankheit, die hier nicht näher erklärt wird, zermürbt ihn am meisten, sondern die Unfähigkeit seiner Eltern, ihm Halt und Trost zu geben, ihm ihre Liebe zu zeigen.

Auch die Beziehung von Martin und Marie Jansen scheint zu bröckeln. Sie sind beide fremdgegangen, igeln sich ein. Und Jans siecht dahin. Dann lenkt ein Neugeborenes, ein Mädchen, die Aufmerksamkeit der Eltern ab, zumal es dem Jungen wieder gut zu gehen scheint. Eben scheint. Doch Jans nutzt die Gnadenfrist für ein großes Finale, indem er mit letzter Kraft unter der Brücke hindurch klettert - und dann, erst acht Jahre alt, zusammenbricht und stirbt. Die Eltern scheinen zumindest nach seinem Tod in Ansätzen zu ahnen, was dieser Junge für ihre wiedererstarkte Zweisamkeit, für ihr weiteres Leben ohne ihn bedeutet.

Hannelore Hoger las mit Zurückhaltung, doch voller Kraft. Aus der Zurückhaltung hebt sich umso mehr das Besondere in Seghers Stil hervor, wenn Hoger plötzlich lauter wird und mit den Worten eines Jungen "Jans mit den roten Hosen!" ruft. Dann spürt man fast mit Gänsehaut das Staunen der anderen Jungs über diesen ausgemergelten Jans, der so anders ist. Anfangs ist es etwas verwirrend, wenn von "Jans" und dann von "Jansen" gesprochen wird, denn Jans Jansen heißt ja der Junge mit vollem Namen, gemeint ist hier aber der Vater Martin Jansen, um wohl Distanz zu ihm aufzubauen. Irgendwann gewöhnt man sich daran.

Im dem anschließenden Gespräch für die MDR-Figaro-Sendung, das von Michael Hametner moderiert wurde und dem die meisten Besucher der Lesung beiwohnten, zeigte sich Hannelore Hoger als charmante und schlagfertige Gesprächspartnerin. Sie sprach über die Erzählung von Anna Seghers und was sie daran faszinierte - der Stil, die Geschichte vor allem, die wie ein Film sei. Und sie sagte treffend über die Eltern von Jans: "Sie sind nicht schuldig, aber unfähig."

Hoger erzählte auch über ihre lange, bewegte Zeit an verschiedenen Theatern und über die Faszination der Bühne. Und sie verriet, dass sie auch ihre Regieambitionen noch nicht aufgegeben habe.

Leider waren die Fragen von Michael Hametner in einem steifen Korsett gesteckt. So musste Hannelore Hoger oft abwehren wie zu Fragen über Feminismus oder ratlos mit den Schultern zucken, als etwa mehrmals die Frage kam, woran sie denke, bevor sie die Bühne betrete. Die Figur, die sie landesweit bekannt gemacht hat, die Kommissarin Bella Block in der gleichnamigen TV-Reihe, ließ sich natürlich nicht vermeiden - und Hannelore Hoger "bekannte" sich dazu und räumte ein, dass der Erfolg auf vielen Schultern getragen werde, nicht nur auf ihren.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.11.2012

Bistra Klunker

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