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Halleluja für Rocklegenden: Das Neujahrssingen in der Dresdner Scheune

Halleluja für Rocklegenden: Das Neujahrssingen in der Dresdner Scheune

Die Rockmusik lebt von den Toten. Wer am Freitag und Sonnabend das 5. Dresdner Neujahrssingen in der doppelt ausverkauften Dresdner Scheune beehrte, wurde das Gefühl nicht los, dass die seligen Legenden vollkommen ausreichen, um ein unverbesserliches Potpourri zu zelebrieren, in dessen Phalanx die lebenden Untoten nie mehr eindringen können.

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Barde Dieter Beckert bot die Dresdner Ode an den Musikerhimmel: Er ehrte - gemeinsam mit Hanna Helene und Maxi Kerber - Franz Bartzsch, der einst "Wind trägt alle Worte fort" schrieb, was Lift lange im Repertoire hatte.

Quelle: Patrick Johannsen

Denn die fünfte Auflage der hiesigen Weiterentwicklung jener Erfindung Hallenser Gastronomen, die es als Weihnachtssingen zelebrieren, nahm sich als Thema "Hits from Heaven" zur Brust und widmete die Nacht den "lebenden Toten". An Mikro und Rampe angekündigt waren "Szene-Haie, Hechte und Guppys aller Couleur", auf die Bühne traten - neben echten Könnern - zahlreiche Semiprofis, also Leute, deren Hauptberuf es aus Zeitmangel oder anderweitigem Reichtum nicht hergibt, sich der allerliebsten Profession zu widmen. Drei Urquellen lassen sich anhand der Akteure als Schnittstellen ausmachen: die persönlichen Umfelder von Bands wie Dekadance und Free Little Pigs, die des Dresdner Stadtmagazins SAX und die Inhaber einiger Neustädter Kultbars wie Blue Note, Newtown oder Bar Holda.

Dahinter wartete eine achtköpfige Begleitband, die als echte Profis durchweg rackern: Unter Leitung von Tom Vogel generiert das Dresdner Neujahrsorchester (diesmal ganz in Weiß) eine reife Soundgrundlage, auf deren Basis 31 Interpreten 32 Titel in reichlich drei Stunden anbieten können, wobei übliche Verdächtige wie Janis Joplin, Louis Armstrong, James Brown, Johnny Cash, nähere Verluste wie Tamara Danz, Rio Reiser oder Reinhard Lakomy, aber auch Perlen wie Patsy Cline und Kurt Cobain relativ stilecht gewürdigt wurden.

Titelauswahl und Interpreten bleiben stets bis zur Show ein Geheimnis, wie gewohnt wird dramaturgisch darauf geachtet, dass sich nach der Pause die Stimmung noch steigert und dass die Band selbst auch einige Perlen liefert: Gitarrist Frank Engelmann zelebriert so Jimi Hendrix' "Fire", Backgroundsängerin Maxi Kerber gibt Donna Summers "Hot Stuff" ebenso kraftvoll wie Hanna Helene Jim Morrisons "Light my Fire". Orchesterchef Tom Vogel gönnt sich John Lennons "Strawberry Fields". Dies wird per außergewöhnlichen Arrangement zur ausufernden Rocknummer - und zur musikalisch wertvollsten Nummer des Abends.

Souveräne Gesangleistungen gab es etliche, wobei Sascha Austs INXS-Huldigung ("Mystify") ebenso hervorstach wie Anja Schumanns Amy-Winehouse-Version ("Rehab") oder Barde Dieter Beckert, der in berührend klarer Weise Franz Bartzschs Song "Wind trägt alle Worte fort" interpretierte - und damit den lokalen Himmelsgruß setzte. Denn er zelebrierte damit zugleich ein Markenzeichen von Lift. Für gefeierte Showhöhepunkte sorgten das Postermodel Klaus Weichelt alias Czeslaw Njemen sowie Olaf Schubert und Jochen Barkas als synchrontanzendes und echtsingendes Popduo Milli Vanilli. Auch die fünf witzigen Herren von Ernst S., einst große Dresdner A-Capella-Vorbilder für die jungen Leipziger "Herzbuben", die sich heute als "Die Prinzen" sehen, hatten eine eigene, urostdeutsche Wendeversion von Frank Zappas "Bobby Brown" parat. Echte Überraschungen waren zwei anderen Herren vorbehalten: Seb Beisserts nahezu unheimliche Darbietung von Falcos "Jeanny" und Michael Heinemanns musicalreife Neubelebung von Nina Simones "Feeling Good".

Natürlich gab es durch die Setzung etliche Reminiszenzen an die vier früheren Jahrgänge, wo die Reise erst rein geografisch ins wilde Amerika (2010), ins gediegene London (2011) und hernach heim ins Schlandreich der Dichter (2012) ging, um sich im Vorjahr in der Filmmusikwelt zu verfangen. Nun hieß die Klammer verstorbene Helden - und bot ein weitaus größeres Spektrum, das die bisherigen Rahmen locker sprengte. So geriet die fünfte Edition - auch dank seltener Mitmach-Übergriffe aufs geneigte Publikum und einer souverän-straffen und klugen Moderation von Hendryk Proske - die gemeinsam, also 39-köpfig, mit Bob Marleys Outinghymne "No Woman, No Cry" und Freddie Mercurys Knierockfall endete - zur musikalisch bislang reifsten. Zudem bot sie en passant die wichtige Erkenntnis: Die Dresdner Musikantenszene lebt - und zwar fast noch komplett.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.01.2014

Andreas Herrmann

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