Volltextsuche über das Angebot:

14 ° / 7 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
"Halbwegs: Ich" - der freie Multikünstler Utz Pannike im Porträt vor seinem nächsten Soloprogramm

"Halbwegs: Ich" - der freie Multikünstler Utz Pannike im Porträt vor seinem nächsten Soloprogramm

Utz Pannike kennt in Dresden wohl jeder, dem ein Herz für Theater und dessen Künstler innewohnt. Vor anderthalb Jahren war er der omnipräsente und allwissende Hausmeister beim Projekt "Kraftwerk on/off" - es war der offizielle Abschied des Publikums vor dem Neubau von Staatsoperette und Theater Junge Generation in Dresden-Mitte.

Voriger Artikel
Cluberöffnung in Dresden: Das neue Flower Power im Selbstversuch
Nächster Artikel
Tzveta Sofronieva im Hygiene-Museum Dresden: Vom unabgesicherten und vom glücklichen Verweilen

Utz Pannike hatte just zur Wende Halbzeit seines bisherigen Lebens. In seinem Solostück "Halbwegs: Ich" zieht er ab heute eine Zwischenbilanz.

Quelle: Amac Garbe

Damals hatte sich die Freie Szene für eine neue Form der Vernetzung entschieden und organisierte - im Schulterschluss - ein großes Festival mit der sympathisch urbanen Note der Improvisation.

Pannike war damals als Organisator federführend dabei - prädestiniert als Gründer des monatlichen Dresdner Theaterstammtisches und Vorstand des Landesverbandes der Freien Theater in Sachsen. Noch bekannter ist er jedoch als Kopf des Panischen Not-Theaters, das 1999 aus der Lust an Neuem entstand und bis heute regelmäßig auftritt. Dessen Heimstätte ist das Neustädter Projekttheater, "Nathan zu Dritt" oder "Fast Food Classic" sind hier zu Kultstücken geworden. Letzteres läuft seit 2002 und hat schon 60 Vorstellungen in der Chronik. Im vergangenen Jahr löckte er hier wider den "Stachel der Arbeit" - eine siebzigminütige, kraftvolle Ode für oder an den Wutbürger in jedem von uns, der bis vor kurzem noch dachte, fleißige, ehrbare Werktätigkeit reiche für bescheidenes Leben inklusive ein wenig Rente.

Heute feiert im Projekttheater sein nächstes Programm feierliche Uraufführung: "Halbwegs: Ich" ist eine persönliche Transformationsbilanz des im Januar 1963 in Leisnig bei Döbeln geborenen Südostberliners. 26 Jahren DDR- folgten 26 Jahre BRD-Erlebnisse, dazwischen - quasi als Halbzeit - die Wende, die im Osten in nahezu jede Vita maßgeblich eingriff und eine Sensibilität gegenüber kommenden Umbrüchen generiert.

Der Sohn einer Verkäuferin und eines NVA-Offiziers hat - so wie viele Wendeossis der aktiven, also ersten Generation - eine bewegte Erwerbsbiografie: Der erste Berufsabschluss war Maschinen- und Anlagenmonteur mit Abitur in einem Wildauer Zweigbetrieb des Schwermaschinenkombinates Ernst-Thälmann, der Kurbelwellen für Knüppelputzmaschinen für Walzwerke baute. Die normale Jugend in Niederlehme bei Königswusterhausen gipfelte im Karrierestart beim Dramatischen Zirkel des Kalksandsteinwerkes im Ort, die Gruppe gewann bei den Arbeiterfestspielen im Bezirk Rostock eine Goldmedaille - so war die Spur zur Bühnenkunst gelegt.

Nach drei Jahren Armee nahm ihn die DDR-Eliteschauspielschule Ernst Busch. Mit der Abschlussinszenierung "Der gute Mensch von Sezuan" waren sie auch im Westen, so in Salzburg und Stuttgart, zu Gast - mit dabei auch Claudia Michelsen und Claudia Hoppe oder Torsten Ranft und Thomas Schuch - alle ein Jahrgang und just im Sommer 1989 mit dem Studium fertig. Als Gruppe gingen sieben Absolventen, darunter Schuch und er, nach Rudolstadt zu Constanze Lauterbach als Hausregisseurin. Eine eigene Inszenierung als Gruppe pro Jahr hatten sie sich beim Aufbruch aus Berlin in die Provinz vorgenommen - das war ganz schnell obsolet. Zwar wurde Pannike sofort zum Ensemblesprecher gewählt ("Ich wollte das.") und hatte als solcher am 5. November, an dem DDR-weit alle Theaterschaffenden parallel auf die Straße gingen, seinen ersten politischen Auftritt beim örtlichen Polizeichef. "Ich dachte, das war es jetzt vielleicht schon mit Deiner Karriere. Doch dieser war äußerst zuvorkommend und gab gute Tipps: Demonstrieren Sie vorm Rathaus, nicht vorm Theater, dort ist viel mehr Platz!" Bis dahin, so Pannikes Halbzeitbilanz, waren die Osttheater ein Zufluchtsort für Utopisten und Visionäre. "Es war wie ein Lebensmittel - und vor allem: sinnstiftend."

Doch kurze Zeit später fuhren in Thüringen früh halb vier die Busse mit den preiswerten Arbeitskräften zum Otto-Versand nach Nürnberg - das Theater versank in der Bedeutungslosigkeit, bei seinen folgenden Stationen in Bremen, Paderborn oder Saarbrücken fand er jenen Geist nicht wieder. Auch nicht in Radebeul, wo er 1998 anheuerte, als er zuvor eine Inszenierung von Horst Schönemann als keineswegs piefig empfand. Ein Irrtum, wie er schnell erkannte. Schon im zweiten Jahre ließ er sich nicht verlängern und ging in die Freiheit, für die er nun auch drei Theatergruppen leitet oder theaterpädagogische Angebote macht. "Man kommt schon klar", schmunzelt er, auch in Gedanken auf die neue Rücksicht auf Familie samt dem fünfjährigen Sohn Karl, auf die Gretchenfrage nach der Knete.

Doch mit Herz und Geist gehört Pannike weiter auf die Bühne. Wie schon beim "Stachel" unterstützt ihn die preisgekrönte Dresdner Autorin Esther Rölz ("Rattenklatschen") in beratender Dramaturgie- wie Regiefunktion bei den Endproben - und er selbst wird wieder singen. Allerdings kein Requiem, sondern Songs zur E- und Konzertgitarre plus Mundharmonika. Ost-, West- und andere Titel. "Keine Bange, es wird kein Anekdotenabend", verspricht er schmunzelnd.

"Halbwegs: Ich" 10.-12. April und 7.-10. Mai (je 20 Uhr) im Projekttheater Dresden.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.04.2015

Andreas Herrmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr