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HalbnackteTatsachen: "Landeier oder Bauern suchen Frauen" in der Comödie Dresden

HalbnackteTatsachen: "Landeier oder Bauern suchen Frauen" in der Comödie Dresden

Die Geräuschkulisse stimmt. Schweine grunzen. Schafe blöken. Federvieh gackert. Aber von entsprechenden animalischen Duftnoten bleibt man in dem Stück "Landeier oder Bauern suchen Frauen", das am Freitag in der Comödie Premiere hatte, verschont.

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Ansehnlich? Philipp Richter, Oliver Geilhardt und Saro Emirze sind Bauern auf Brautschau.

Quelle: Robert Jentzsch

Ganz so weit geht die Beschwörung des Landlebens nicht. Landidylle soll Landidylle bleiben.

Die von Regisseur Dominik Paetzholdt in Szene gesetzte Komödie von Frederik Holtkamp führt mitten hinein in die flache norddeutsche Tiefebenen-Pampa, dahin, wo die Orte Lüjtenbüll heißen und "Moin" auch abends gängiger Gruß ist, die sich aber nicht wirklich von Orten wie Saupsdorf oder Deutsch-Baselitz unterscheiden, die ebenfalls unfreiwillig am Wettbewerb "Unser Dorf soll schöner sterben" teilnehmen. Vier Einwohner hat das Dorf - selbst Lummerland hat mehr -, ausschließlich Männer. Da ist der schon ältere verwitwete Wirt Hein Matic (Herbert Graetke) der rustikalen Dorfkneipe, wo das Geschehen auch spielt. Er zog einst der Liebe wegen aus Berlin zu und ist irgendwie hängen geblieben. Und da sind seine drei besten, weil einzigen Kunden: die zum Glück trinkfreudigen drei Jungbauern Jens Jansen (Oliver Geilhardt), Jan Jensen (Philipp Richter) und Richard Bauer (Saro Emirze). Sie sind zu ihren Kummer samt und sonders unbeweibt. Die Landidylle ist also doch nicht perfekt.

Ist Bauer noch halbwegs gewitzt, so sind Jansen und Jensen das, was man so gern als "Original" bezeichnet. Von entwaffnender Naivität wie einst das Duo Laurel und Hardy. In punkto Körperhygiene mit Sicherheit ungemein verbesserungswürdig, dafür aber das Herz auf dem rechten Fleck. Mit Nutztieren und Trecker-Tuning kennen sie sich aus, mit Frauen nicht. Als Zuschauer ist man alles andere als überrascht, dass Kontaktanzeigen, Ü-30-Partys oder Agenturen den Single-Status bislang nicht beendeten.

Hein, von Graetke famos als väterlicher Freund mit Brummbär-Charme angelegt, will helfen, wird dabei erst von der neuen Postbotin Gertrud Schulze (Astrid Straßburger) unterstützt, dann auch von der kecken Hollandrad-Touristin Lavinia Vogt (Christina Kraft), die vom Regen überrascht wurde und angetan von der Landidylle erst mal hängen bleibt. Man ahnt schnell, welche zwei Paare sich finden werden. Auch sonst halten sich die Überraschungsmomente eher in Grenzen. Aber trotzdem funktioniert die Komödie, selbst die Uraltnummer "Zwei durch eine Tür" ist nicht unfreiwillig komisch. Kein Klischee übers Landleben ist zu breit, kein herb derber Kalauer zu platt (so rät der nicht gerade netzaffine Hein: "Vielleicht braucht ihr eine eigene Homo-Page?") - und doch haben all die, die so frei sind, alle intellektuellen Dämme brechen zu lassen, und dafür sind Komödien ja da, ungemein viel Spaß. Dass Geilhardt und Richter den norddoitschen Akzent gut beherrschen, gibt der Inszenierung auch eine aparte Note.

Im Zentrum des zweiten Teils des Abends steht, nachdem Internet-Werbevideos zwischen Sau und Schaf nichts gebracht haben, eine Stripp-Nummer für einen flotteren Youtube-Clip zwischen Bügelbrett und Herd. Wat mutt, dat mutt, das ist dem Club der unbeweibten Züchter schon klar. Der weibliche Teil des Publikums kreischt und klatscht, johlt und trampelt mit den Füßen vor Begeisterung über die wider Erwarten unfallfrei vorgetragenen Verrenkungen, die dem ehernen Gesetz des Striptease verpflichtet sind: "Es gilt, möglichst viel, möglichst lang auszuziehen!" Man muss kein Prophet sein, um zu ahnen, dass so manche feierwütige Junggesellin in künftigen Vorstellungen mit ihren Freundinnen einen drauf machen wird. An sich ist anders als bei den Chippendales oder California Dream Men gar kein Spiel sorgsam trainierter Muskeln zu bewundern. Die Körper der Akteure in der Comödie sind bürohengstbleich, und wenn sie sich endlich auch der Büx entledigt haben, stehen sie ziemlich unsexy in Socken da wie so viele Männer in deutschen Schlafzimmern. Mag Emirze noch halbwegs durchtrainiert sein, so muss man Geilhardt bescheinigen, dass er bei seinem Körpereinsatz keine Scheu vorm (leichten) Schwabbel kennt.

Wie gesagt, zwei Töpfchen finden ihr Deckelchen. Und die zwei Landeier, die scheinbar zunächst übrig bleiben, finden auch ihr Glück. Sie werden Wirt - und eine Wirtin winkt ihnen auch. Denn eine solche wird sich doch all in den hunderten von Zuschriften finden lassen, die vom Video angetörnt waren. Es liegt nicht nur der Geruch von Gülle in der Landluft, sondern - das Lied "Love is in the Air" bringt's auf den Punkt - Liebe.

nächste Vorstellungen: 15. bis 17. & 22. bis 24.8., jeweils 20.30 Uhr

www.comoedie-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 12.08.2013

Christian Ruf

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