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Guter Erzähler: Jan Josef Liefers fand sein Publikum im Alten Schlachthof

Guter Erzähler: Jan Josef Liefers fand sein Publikum im Alten Schlachthof

Selten war bei einem Konzert so wenig Fan-Kennzeichnung zu beobachten. Dazu ist Oblivion noch zu frisch beerdigt, das Nachfolgeprojekt Radio Doria zu neu am Markt.

Ob sich das nach dem ersten von zwei Dresdner Konzerten akut ändern wird, ist fraglich. Das liegt nicht an der Qualität von Show und Musik, sondern eher am noch vagen Image des Sextetts, das noch nicht recht zum Bekennen wie Abgrenzen taugt, um dafür Körperwerbung zu betreiben.

Dabei war die Umbenennung der Band um Kopf Jan Josef Liefers, der textet und komponiert, kein Neustart, sondern liegt rein rechtlich in einem Namensstreit begründet. Ein Jahr ist das her, ein halbes Jahr das neue Album, das bis auf Platz sieben der deutschen Albumcharts kam, alt. Auch die erste Langspielplatte mit Liefers, Oblivion (2002) hieß wie die Band und markiert den Start der Laufbahn als Frontmann.

Nun kam er - wie die ganze Band im schwarzen T-Shirt, aber mit Hütchen und dabei um ein Jahrzehnt jünger wirkend als sein Professor Boerne im Münsteraner Tatort - mit der neuen Platte erstmals nach Dresden - anders als im Schauspielhaus 2011 nun vor zweieinhalbtausend Menschen im flugs ausverkauften Alten Schlachthof - unbestuhlt und mit viel Bühnentechnik. Die Grundidee, eine dezente, fast persönliche Unterhaltungsshow mit viel Musik, die sicher durch schlaflose Nächte geleitet, wird anfangs durch ein Video auf der Bühnenrückwand unterstützt.

Ein herrliches Röhrenradio hilft bei der quietschenden Sendersuche. Dann werden Videos zu den Songs eingespielt. Das wirkt einerseits wie in seligen Stummfilmzeiten, andererseits bedarf es zeitlicher Synchronisation, die fast zwangsläufig live leicht aus dem Ruder läuft. Schnell wird auf das zusätzliche Begleitmedium verzichtet, die Konzentration, abgesehen von einem kleinen Balletttänzchen vor wässrigen Hintergrund, auf die Musik gelenkt.

Ansonsten wird ein breiter Klangteppich ausgebreitet, Liefers greift nur solistisch selbst zur Gitarre und spielt kurz Mundharmonika, so wie jeder Schauspieler, der im Osten studierte. Sein Gesang ist dabei mehr authentisch denn extravagant - es wird schnell klar: Wichtig ist ihm, seine Songs, souverän verpackt, zu transferieren. Diese werden ganz selten zu echter Rockmusik. Aber vermutlich geht es gar nicht um die Entwicklung in eine eigene Musikrichtung, sondern um einen Jungen- wie Jugendtraum. Das endet oft ausufernd im Hymnischen, wofür seiner Stimme eigentlich die Prägnanz fehlt. So sind es die beiden Titel, die er allein in Lagerfeuermanier zur Gitarre darbietet, die am besten wirken. Plus die beiden eingebauten Tribute an Sting und Joe Cocker, die beide ohne Liefers auskommen.

Politische Beliebigkeit und Mutmangel konnte man dem Sympathen noch nie vorwerfen. Mit 25, genau an jenem legendären 4. November 1989, redete er sich auf dem Berliner Alex mit Christa Wolf und Stefan Heym und anderen gemeinsam um Kopf und Kragen. Und er fuhr mit einem Milchtransport ins syrische Aleppo. Wo ihm der Krieg um die Ohren pfiff. Der Sinn erschließt sich nicht jedem, aber mit "Unerhört" ist jetzt ein Friedenslied entstanden. Oder sagen wir besser: Antikriegssong - während die große deutsche Rockgemeinde schweigt oder schläft.

Für das Genre des kreativen Büropop, der sich in den musikalischen Feinheiten, sobald man das musikalische Quintett mal von der Leine lässt, schon deutlich vom Kaiser-Fischer-Schlagersound abhebt, hat er ein weites Spektrum an Stoffen für Texte im Kopf. Und er kann eines besser als Musiker: Erzählen. Auch das manchmal etwas naiv-romantisch bis schwiegermutterlike, aber immer witzig und akzentuiert. Die Geschichte mit dem Fleurop-Nachtdienst zum Geburtstag für die "Muddi" aus Dresden (wie immer im Saal), ist so neu nicht, dafür dürfte der mathematisch durchtriebene Witz mit dem schwierigen Erbe von 17 Kamelen für drei Söhne im Morgenland hängen bleiben.

Für die Show hätte man sich auch ein Durchhalten der Anfangsidee gewünscht: eine anhaltende Reise durch die Radionacht. So bleibt am Ende: Naja.

Zusatzkonzert im Alten Schlachthof Dresden am 15. Mai (20 Uhr)

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.04.2015

Andreas Herrmann

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