Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 8 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Gut verspannt: In Extremo gastierten im Alten Schlachthof in Dresden

Gut verspannt: In Extremo gastierten im Alten Schlachthof in Dresden

Grollen bahnt sich langsam den Weg von der Bühne zum Publikum. Der Schwarze Vorhang kommt allmählich in Bewegung und aus der Dunkelheit sind die ersten Geräusche zu vernehmen.

Voriger Artikel
Kritik: Zentrale Koordinierung für Dresdner Kulturkraftwerk fehlt
Nächster Artikel
maihof-Puppentheater in Dresden-Weißig führt Schneewittchen-Märchen auf

Feuriger Folk: In Extremo rockten mit ihren teils nicht ganz alltäglichen Instrumenten den Alten Schlachthof.

Quelle: Dietrich Flechtner

"Nicht nur dunkel ist die Nacht, wenn ein Feuer ist entfacht ... Meine Damen und Herren, In Extremo!" So erklingt die eigene Ankündigung aus dem Off. Damit ist das Startsignal gefallen zu einer wilden Ballerei, einheizenden Feuerfontänen, gepaart mit Knalleffekten wie am Schnürchen. In Extremo schickten gleich zu Beginn mehrere Raketen übers Publikum und stellten klar, dass sie nicht angetreten sind, um einen besinnlichen zweiten Advent zu feiern, sondern ihnen ging es um einen ganz besonderen Metal, eine Mischung aus Folk, Mittelaltermusik und brachialen Attitüden. Ihr "Wind" der Veränderung ist wie geschaffen, genau diese Musik zu offerieren.

In Extremo haben sich Mitte der 90er in Rheinland-Pfalz gegründet. Schon einige Jahre zuvor war ihr Sänger äußerst umtriebig. Michael Robert Rhein hat eine typisch ostdeutsche Biografie, wie sie viele derer, die in der Nähe von Nordhausen oder einer anderen entsprechenden Kleinstadt geboren sind, durchlebten, wenn sie sich für unkonventionelle Musik interessierten. Erst kam die Gitarre, dann die eigene Band und kurze Zeit später der Konflikt mit der Staatsgewalt. Zweiter Anlauf, neuer Name, die gleichen Musiker und hoffen auf eine Besserung, die sich 1989 einstellte. Und jetzt? - waren die Wege offen, aber die vielen Reisenden verstopften die Straßen in Richtung Glück und Erfolg. Einigen Bestand garantierte die Mittelalterszene, die sich in den Nachwendejahren immer größerer Beliebtheit erfreute.

Genau in diesem Dunstkreis bewegte sich auch Rhein, genannt "Das letzte Einhorn". Gemeinsam mit Mike Paulenz, der als Teufel mit Corvus Corax und Tanzwut bekannt wurde, unternahm er die ersten musikalischen Gehversuche. Nicht viel länger als eine Saison waren beide als Mittelaltermusiker und Gaukler im Land unterwegs. Was aus dieser Zeit blieb, war der ernstzunehmende Impuls, eine eigene Band zu gründen - damit wurde In Extremo aus der Taufe gehoben.

Heute, knapp 20 Jahre später, hat sich einiges verändert. Aus dem anfänglichen Drei-Mann-Betrieb entwickelte sich eine siebenköpfige Band, und die Umschreibung Mittelaltermusik trifft längst nicht mehr den Stil von In Extremo. Mit Pfeifen, Schalmei, Hackbrett, Flöte, Bass, Gitarre und Schlagzeug zelebriert die Band heute eine Art Maniacshow, als wären sie allesamt ihrer Zeit etwas voraus und hätten immer die Chance, sich noch einmal umzudrehen, was da früher mal war. So klingt heute auch ihre Musik. Im Spiel stellen sie fest: "Ja, die Freiheit ist was wir lieben", keine Ketten, keine Schubladen und gut gerüstet für jede Form der Auseinandersetzung, so selbstbewusst können In Extremo in den "Sängerkrieg" ziehen.

Das ist genau der Konflikt, den das Einhorn und sein Gefolge lieben. Einerseits lässt sich so die Brücke nach Thüringen schlagen, denn immerhin ist die entsprechende Textsammlung auf der Wartburg entstanden, und andererseits kann mit der Symbolik hervorragend kokettiert werden. Was damals im 13. Jahrhundert zusammengetragen wurde, ist bis heute so eine Art thüringische Identität. Wer in dieses Fahrwasser einsteigt, geht entweder unter oder kann auf einer Welle der Begeisterung reiten - wie die vergangenen Jahre zeigen, hat sich In Extremo ausgesprochen gut über Wasser gehalten.

Das Stück mit dem Namen "Sängerkrieg" ist wohl auch das ausdrucksstärkste, welches im Repertoire der Band zu finden ist und eine gute Leistungsschau der eigenen Fertigkeiten. Nicht nur, dass zu diesem Stück die Feuerbälle quer über die Bühne geschossen werden können und Effekte den eigenen Habitus unterstreichen - es bietet auch musikalisch viel Spielraum. Beispielsweise Florian Speckhardt, der vor ca. zwei Jahren das Erbe von Reiner Morgenroth antrat und seitdem die Drumsticks in den Händen hält, hat die Bänder gut verzurrt, damit nichts aus dem Rahmen fällt. Seine Art, das Schlagzeug zu bedienen, ist pointiert und gut gefärbt, so dass zwischen 13. und 21. Jahrhundert keine Lücke klafft.

Auf diese gut hörbare Weise sind In Extremo nicht hängengeblieben im Gauklerschick, verzetteln sich nicht im Dudelsackgepfeife und überlagern das Konzert nicht mit einer Feuershow, sondern lassen es genau dort knallen, wo es drauf ankommt - der notwendige Vorrat an musikalischem Pulver ist ausreichend.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 11.12.2012

Stephan Wiegand

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr