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Gut gemixt, leicht bekömmlich - Sächsische Staatsoper serviert einen "Liebestrank"

Gut gemixt, leicht bekömmlich - Sächsische Staatsoper serviert einen "Liebestrank"

Rätselhafte Überraschungen, wohin man sieht. Dirk Becker hat einen Ballsaal auf die Bühne der Semperoper gebaut, der ganz sicher bessere Zeiten sah. Das muss lange her sein, jetzt herrscht hier entweder Krieg, oder das kleine baskische Dorf, in dem Gaetano Donizettis Melodramma "L'elisir d'amore" Anfang des 19. Jahrhunderts spielt, wurde von schweren Unwettern heimgesucht.

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"Liebestrank" mit Staatsopernchor, Komparsen, Nadja Mchantaf (Adina), Romy Petrick (Gianetta) und Marco Vinco (Dulcamara).

Quelle: Matthias Creutziger

Die Fenster des Saales sind mit Brettern vernagelt oder zugemauert, die Stuckdecke ist eingestürzt, und hinaus kommt man nur über eine schmale Eisentreppe, die zum winzigen Schlupfloch oben unter der Decke in schwindelnder Höhe führt. Hinein, das wird sich später zeigen, kommt man aber auch ganz anders, wie ein Maulwurf, direkt durchs abgetanzte Parkett.

So jedenfalls gelangt Sergeant Belcore in diese wundersame Welt. Der schneidige Bilderbuchsoldat macht Eindruck auf die lethargische, verschlafene Dorfgemeinschaft. Romy Petrick als Gianetta schwingt die Hüften noch ein wenig mehr, auch die kluge, belesene Adina kann sich der Wirkung dieses liebenswerten Aufschneiders nicht entziehen. Nadja Mchantaf wird sich gesanglich als Adina im Verlauf des Abends steigern, hell, schlank und sicher führt sie ihren Sopran, etwas mehr an sanfter, lyrischer Grundierung dürfte es noch sein. Christopher Magiera erscheint als Belcore in achtfacher Gestalt. Zusammen macht das neun Köpfe, für nicht viel mehr geschaffen, als geschmückte Helme zu tragen. Die Herren der Statisterie machen das wunderbar, nur singen muss ihr Oberkopf allein.

Völlig allein fühlt sich jetzt aber Nemorino. Giorgio Berrugi spielt und singt diesen naiven jungen Außenseiter mit weichem Herz und herzerweichendem Blick. Seine Töne sind betörend, sein Spiel ist ergreifend, er liefert sich diesem völlig aus der Zeit gefallenen Menschen aus und gelangt so zu einer ganz und gar nicht unverbindlichen Darstellung. Dieser Mensch ist eine sanfte Provokation.

Und so gewinnt das heitere Spiel mit der beschwingten Musik an doppeltem Boden. Das Spiel geht gut aus. Marco Vinco als Dulcamara strandet auf Noahs Arche direkt im Saal. Als hätte er sein mythisches Gefährt gerade wie einst im Film Klaus Kinskis übers Gebirge gehievt, präsentiert er als sympathischer deus ex machina mit jugendlich geläufigem Bass einen billigen Bordeauxwein als Liebestrank.

Und damit nicht genug. Nemorino, der arme Tropf, ist plötzlich reich, er hat geerbt, das wissen alle, nur er nicht und Adina, die beiden macht allein die Liebe reich. Wer's glaubt, wird selig. Aber das ist in der so fantastischen wie an verblüffenden Details so reichen Inszenierung von Michael Schulz nicht allein entscheidend. Wichtiger ist, dass wir in etwas mehr als zwei Stunden so etwas wie die wunderbare Errettung einer ganzen Gruppe von Menschen erleben. Und noch wichtiger, wir erleben es lächelnd, wir sehen staunend und hören beglückt, wie Donizettis südlich durchglühte Musik tänzerisch schmettert oder als sanfte, melancholische Kantilene uns berührt.

"Una furtiva lagrima" singt Georgio Berrugi, und wer wollte sich der eigenen Träne schämen, die man auch gar nicht verstohlen verbergen muss. Auf dem Theater ist die Welt plötzlich nicht mehr mit Brettern vernagelt, das Leben im Ballsaal ist bunt und skurril, dafür sorgen die unzähligen Kostüme von Renée Listerdal und die Damen und Herren des Chores, die mal wieder nicht nur toll singen, sondern es sichtlich genießen, als verdrehte oder verträumte Typen ihrer Spiellaune freien Lauf zu lassen. Zudem können sie sich darauf vertrauen, hier ist ein Regisseur am Werk, der verlässliche Grenzen setzt. Michael Schulz arbeitet genau im Detail und hat das Ganze im Blick. Zufällig ist nichts. Manches erschließt sich nicht sofort, aber die kleinen Rätsel lenken nicht ab. Da sind der alte Mann und seine Begleitung am Klavier. Als hülfen sie immer wieder ein, so begleiten sie die Rezitative. Als erwarte er die rettende Botschaft von weit her, telefoniert der Mann am historischen Münzautomaten, und wie Noah die Taube fliegen ließ, sendet er beharrlich weiße Luftballons durch die Löcher im Dach. Dass sie zerplatzt herunterfallen, entmutigt ihn nicht. Einer wird aufsteigen.

Hörbaren Spaß bereitet es der Sächsischen Staatskapelle, dieses italienische Buffo-Genre mit ihren an romantischem Klangsinn geschulten Traditionen zu veredeln. Fürs forsche Tempo sorgt der italienische Dirigent Riccardo Frizza.

Fazit: In der Semperoper wird ein Liebestrank serviert, der ist bekömmlich. Genuss, Vergnügen, Denken, das Rezept klingt einfach, es kommt auf die Mischung an und auf die Liebe zum Detail.

Aufführungen: 1., 4., 11., 13., 23., 25.5.; 9.6. www.semperoper.de

CD Empfehlung: Hilde Güden, Giuseppe di Steffano, Ferrando Corena, Renato Cappechi, Luisa Mandelli; Orchestra & Coro di Maggio Musicale Fiorentino, Dirigent: Francesco Molinari-Pradelli (Original DECCA 1955, Urania Milano 2006)

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 30.04.2012

Boris Michael Gruhl

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