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Günter Baby Sommers "Songs for Kommeno" in Griechenland uraufgeführt

Günter Baby Sommers "Songs for Kommeno" in Griechenland uraufgeführt

Vergessen wir Währungskrise und das Versagen der Politik. Das Versagen der Politik ist allzu oft nur ein menschlicher Makel und hat mit dem widerständigen Mitdenken der Bürger zu tun.

Wachheit, Engagement und Aufklärung statt Abtauchen und geistloses Mitläufertum - wie schön könnte die Welt sein!

In einer Zeit, als kein Deutscher von nichts etwas gewusst hatte und sowieso für nichts etwas konnte, weil er sich brav jedem "Führerbefehl" beugte, da zog das "Volk ohne Raum" quer durch Europa und hierließ eine Blutspur, die auf ewig für Scham sorgt. Die tapfere 1. Gebirgsjäger-Division etwa, nachdem sie im Russland-Feldzug ihren Mann zu stehen hatte, wurde 1943 nach Griechenland verlegt, um Deutschland in den Bergen des Epirus zu verteidigen. Im Zeichen des Enzian. Als eine Kohorte dieser Truppe durch das kleine Dörfchen Kommeno fuhr, wo gerade zwei rivalisierende Partisanenverbände über die Abgabe von Lebensmitteln "verhandelten", gerieten die Militärs beim Anblick eines Maschinengewehrs auf dem Marktplatz vor Schreck in einen Straßengraben. Die Dörfler halfen den Deutschen, ihren VW-Kübelwagen wieder flottzubekommen, die hier Andarten genannten Partisanen flohen zurück in die Berge und eine Abordnung von Bürgermeister, Priester und Lehrer suchte bei der Militärverwaltung sogar noch um eine Verständigung angesichts der natürlich verbotenen Waffe. Man habe die Andarten schließlich nicht eingeladen.

Der Vorfall schien erledigt, wenige Tage später wurden Mariä Himmelfahrt und eine Hochzeit gefeiert. Im darauffolgenden Morgengrauen kamen die Deutschen zurück und suchten Vergeltung. Vergeltung wofür?

Nur wenige überlebten

Darauf wird es nie eine Antwort geben. Fakt ist, dass rund 120 Soldaten und Offiziere über das Dorf Kommeno herfielen und bis zum Mittag das 16. August 1943 wie wahnsinnig ein Blutbad anrichteten. 317 Menschen wurden ermordet, Säuglinge, Kleinkinder, wehrlose Frauen und Männer, die beiden Priester des Ortes, Greise, die gesamte Hochzeitsgesellschaft mit einigen Gästen, die auch von außerhalb kamen. Nur wenigen gelang die Flucht, noch weniger hatten das eigentümliche Glück und wurden verschont, einige waren durch Zufall in Nachbardörfern oder beim Viehhüten.

Kommeno war ausgelöscht, der für diese Aktion verantwortliche Offizier setzte seinen Militärdienst bei der Bundeswehr fort, die ihn 1973 "in Ehren" entließ. Eine offizielle Wiedergutmachung von deutscher Seite gibt es bis heute nicht. Wie sollte die auch aussehen, wo nichts wieder "gut" zu machen ist?

Auf dem Dorfplatz von Kommeno steht inzwischen eine Stele, auf der in alphabetischer Reihenfolge alle 317 Namen eingraviert sind. Daneben die Jahreszahlen, wie alt diese Menschen gewesen sind. Ein Jahr, zwei Jahre, vier Jahre, 78 Jahre-

An jedem 16. August werden all diese Namen in einer Gedenkfeier verlesen, die wenigen Überlebenden des Massakers versammeln sich und finden weder Worte noch eine Erklärung für das Schrecken von damals. Kommeno wird sein Schicksal nicht los. Damit aber das Gedenken nicht in zeremoniellen Ritualen verharrt, gehört seit vier Jahren ein Musikfestival dazu. Günter Baby Sommer, der gleich im ersten Jahrgang 2008 dazu eingeladen war, mochte zunächst nicht wahrhaben, als Deutscher an so einem Ort Musik zu machen (Interview DNN vom 14.8.2012). Doch er besann sich, gab ein Konzert und versprach, die Geschichte Kommenos in die Welt zu tragen. Vor zwei Tagen war es so weit. Mit der Uraufführung der "Songs for Kommeno" hat der Dresdner Schlagzeuger sein Versprechen am 69. Jahrestag dieses Wehrmachtsverbrechens eingelöst.

Vor gut tausend Gästen begründete der Künstler sein Engagement und widmete das Projekt den Menschen von Kommeno: "Ich glaube an eine bessere Welt und will ein kleines Stück dazu beitragen. Was ich geben kann, ist Musik." Er gab diese Musik gemeinsam mit vier griechischen Musikern, vor allem aber mit einer der letzten Überlebenden dieses Massakers. Die damals zehnjährige Maria Labri, die ein ergreifendes Klagelied für die dieser Tage erscheinende CD "Songs for Kommeno" eingesungen hat, trug diese die Schreckensgeschichte ihres Dorfes bei der mitternächtlichen Uraufführung live auf dem Marktplatz vor. Eine unbeschreiblich nahegehende Szene.

Um diese sehr urtümliche Musiksprache herum arrangierte und komponierte Sommer sein Klangprojekt, bei dem ihn die Sängerin Savina Yannatou, der Klarinettist Floros Floridis, der Bassist Spilios Kastanis sowie Evgenios Voulgaris an Yayli Tanbur und Oud begleiteten. Innige Dialoge, gespeist aus dem leidvollen Schicksal, wechselten mit kraftvollen Ausbrüchen und ziemlich konkreten Anspielungen auf den geschundenen Ort. Sommers Röhrenglocken etwa erinnerten sehr konkret an die von den deutschen Gebirgsjägern zerstörte Kirche am Ortseingang, deren seither zum Schweigen verurteilte Glocke wie eine quälende Mahnung aus dem Mauerrest ragt. Doch auch Marschrhythmen in "Andartes", womit sich der Schlagzeuger donnernd auf die Partisanenkämpfe bezog, wurden sehr wohl verstanden und verhehlten ihre Wirkung so wenig wie der den Kindern gewidmete "Children Song" oder das außerordentlich positiv gestimmte "Kommeno Today", das mit musikalischen Mitteln Mut machen soll, trotz aller Last der Geschichte das Leben zu wagen. Mit einem "Lullaby" verabschiedete das Quartett um Günter Baby Sommer die vielen Menschen in eine laue Nacht. Was da erklang, darf durchaus Botschaft genannt werden, eine Botschaft für den Frieden.

Projekt tourt um die Welt

Die Dorfgemeinschaft war begeistert und nahm die nicht eben wenigen deutschen Gäste mit berührender Herzlichkeit auf und lud ein, im nächsten Jahr zum Gedenken an den siebzigsten Jahrestag des Gedenkens an das Massaker wiederzukommen. Vorher werden die als Projekt des Dresdner Jazzclubs Tonne von der Bundeskulturstiftung geförderten "Songs vor Kommeno" ihre Reise um die Welt antreten und bereits Anfang November beim Jazzfest Berlin sowie in Zürich und Wien erklingen. Für 2013 sind Aufführungen in Dresden sowie in den USA in Planung.

Kein Wort von Währungskrise und dem Versagen der Politik? Angesichts des von Deutschen über Griechenland gebrachten Leids und angesichts der dennoch von zahllosen Griechen für das "Wirtschaftswunderland" geleisteten Arbeit könnte, nein sollte auch in den aktuellen Diskussionen ein Umdenken einsetzen. Michael Ernst

CD "Songs for Kommeno", Intakt Records, Best.-Nr. 2922356

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.08.2012

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