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Gucci, Pass und Rollstuhl: Die Ausstellung "Supermarket of the Dead" in Dresdens Residenzschloss

Gucci, Pass und Rollstuhl: Die Ausstellung "Supermarket of the Dead" in Dresdens Residenzschloss

Die unsanierten Festräume des Residenzschlosses hinter dem Riesensaal beherbergen neuerdings einen "Supermarkt". In dem fällt zunächst ein scheinbar endloses Damenschuhangebot ins Auge.

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Auch Werkzeuge und Taschenlampen aus Papier sind im Residenzschloss in der Ausstellung "Supermarket of the Dead" zu sehen.

Quelle: Matthias Hiekel

Es ist faszinierend. Erst der zweite Blick offenbart: Es sind sorgfältig gearbeitete papierne Attrappen, die etwa Originalen aus den Häusern Gucci und Prada folgen. Auch die entsprechenden "Handtaschen" findet man. Aber das ist nur der kleinere Teil der "Supermarkt"-Präsentation. Essbares vom Seafood bis zum Hamburger ist ebenso vertreten wie Computer und neueste iPhones, aber auch Küchengeräte, Schusswaffen sowie Rollstühle und Medikamente, Pässe und Geld. Aber wofür das alles, das, wie die Schuhe, ausnahmslos aus Papier besteht - auch dann, wenn es sich scheinbar um Goldmünzen handelt?

Jedes einzelne Stück ist dazu bestimmt, sich in Rauch und möglichst staubfeine Asche "aufzulösen". Denn mit diesem "Supermarket of the Dead" - ab heute ist die Ausstellung geöffnet - wird ein seit mindestens 1300 Jahren gepflegter Brauch chinesischen Volksglaubens, den keiner der vielen Kaiser und auch nicht Mao ausmerzen konnte, "verhandelt". Gerichtet ist er an die Ahnen, Geister und Götter im Jenseits: Mit dem Brandopfer der papiernen Nachbildungen von Geld und Gütern sollen sie günstig gestimmt oder auch ihre Nöte gelindert werden. Denn in der chinesischen Tradition ist das Jenseits eine Spiegelung der wirklichen Welt, in der auch die Geister der Ahnen Freuden und Leiden erleben. Und so kann man bis heute in China sowie in chinesisch geprägten Communities von Macao bis New York beobachten, das kleine Feuer brennen. Menschen bringen Brandopfer, weil sie sich sorgen oder einen neuen Lebensabschnitt beginnen, suchen deshalb die Verbindung mit den Geistern ihrer Ahnen.

Entstanden ist dieser Brauch aus der Sitte der Grabbeigaben, wozu zunächst Geld und anderes Wertvolles, aber auch Speisen gehörten. In prächtigen Trauerzügen stellte sich in alter Zeit der Adel zur Schau. Da sich aber in der Folge besonders die Grabräuber freuten, wandelten sich die Grabbeigaben unter Einfluss von Konfuzius in Abbilder aus Papier. Erfahren konnte man das alles und mehr gestern von Wolfgang Scheppe, der nach den Projekten "Die Dinge des Lebens" und "Logical Rain" nun "Supermarket of the Dead" präsentiert - alles begleitet von umfangreichen Publikationen und ermöglicht von der Museum & Research Foundation.

Wie schon zuvor wurde Scheppe auch im Zusammenhang mit dem bisher wenig bekannten, geschweige denn erforschten und publizierten Kult des Brandopfers in den Depots der Museen für Völkerkunde in Leipzig und Dresden fündig. So trifft man in der Schau im Residenzschloss nicht zufällig auf 44 kunstvolle Objekte, wovon einzelne bis 206 v.u.Z. (Han-Zeit) zurückreichen.

Mit den vielen Exponaten aus unseren Tagen wird deutlich, wie die globalisierte Konsumwelt auch diesen Brauch beeinflusst. Der Markenkult ist hier nicht weniger gegenwärtig als im Alltag. Im Opferkult spiegele sich, so Wolfgang Scheppe, wie in der globalisierten Gesellschaft Marken zu Fetischen, zum "Surrogat für Lebenssinn", würden. Es sei eine "gigantische Hybridbildung", dass sich die eigenen Wünsche in Papiergegenständen ausdrückten. Wer denkt da nicht an Marx' Überlegungen zum Warenfetischismus, der sich wohl gerade in der beschriebenen Fetischwerdung auf extreme Weise realisiert.

Natürlich ist auch diese erneute Forschungsreise ins Depot, die von mehreren tausend zeitgenössischen Stücken begleitet wird, kein Selbstzweck. So verwies Hartwig Fischer, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, gestern unter anderem darauf, dass die 1,5 Millionen Objekte der von ihm geführten 14 Museen der "Neugier auf Welt" seitens unserer Vorgänger zu verdanken sind und dass es heute, vor dem Hintergrund der Globalisierung, Aufgabe sei, die hier vorhandenen "Stimmen der Kulturen der Welt miteinander ins Gespräch zu bringen".

bis 10. Mai, geöffnet täglich (außer Di) 10-18 Uhr

www.skd.museum

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.03.2015

Lisa Werner-Art

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