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Grundschulprojekt "Jedem Kind ein Instrument" ist auch in Dresden segensreich, aber noch nicht optimal

Grundschulprojekt "Jedem Kind ein Instrument" ist auch in Dresden segensreich, aber noch nicht optimal

"Musik ist wie eine Brücke -", singen JeKi-Schüler in Freital, von Musiklehrern begleitet bei einem kleinen Kon- zert vor den Herbstferien. Es hat sich etwas getan an Grundschulen in den drei Jahren sachsensweiter Modellphase des Projektes "Jedem Kind ein Instrument".

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Kinder probieren im Rahmen des Programmes "Jedem Kind ein Instrument" eine Geige aus.

Quelle: Rolf Vennenbernd, dpa

Vor allem auf dem "flachen Land", auch wenn es in diesem Fall in Freital-Wurgwitz eher auf dem Berg liegt. In Lenz bei Großenhain ist sogar ein kleines JeKi-Streichorchester entstanden. Geigen, bald auch Bratschen, Celli und sogar ein Kontrabass ungefähr in Cellogröße sind vertreten. Vorn sitzen Kinder aus der dritten und vierten Klasse, die schon elementaren Instrumentalunterricht genossen haben, hinten die Anfänger, die leere Saiten zupfen oder streichen. Geprobt wird sozusagen Chorsinfonik, denn die Erstklässler singen "Grün, ja grün sind alle meine Kleider -" dazu.

In Lenz ist auch Ingmar Scheidig dabei, Leiter der Kreismusikschule Meißen und Pionier des Jeki-Projektes. Schon vor 2009 setzte er die aus Nordrhein-Westfalen und letztlich aus einem Straßenkinder-Projekt in Venezuela stammende Idee mit Partnerschulen um. Im ersten Schuljahr schnuppern die Schüler ein Stunde pro Woche an den verschiedensten Instrumentengruppen. In der zweiten Klasse erhalten sie dann durch Musikschullehrer Elementarunterricht auf einem Instrument möglichst ihrer Wahl. "Unser Beweggrund war, auch Kinder an Instrumente heranzuführen, wo Musizieren in der Familie nicht selbstverständlich ist", sagt Scheidig. Er freut sich, dass dies in solcher Breite vor allem in ländlichen Räumen mit mittlerweile 44 Partnerschulen gelungen ist. Musikschulen seien gewachsen und hätten in einigen Orten regelrechte Zweigstellen an Grundschulen eingerichtet. Dort erhalten Kinder der dritten und vierten Klassen Anschlussunterricht auf ihren Instrumenten.

"Jedes Kind nimmt etwas mit, auch wenn es nicht lebenslang ein Musikinstrument weiterspielt", betont auch Jörg Clemen, Geschäftsführer des Musikschul-Landesverbandes, den Eigenwert dieses Projektes. Clemen weiß aber auch, dass der Anschluss an eine "normale" Musikschulausbildung ab der dritten Klasse eine der heikelsten Fragen bei der unzweifelhaften Fortführung von JeKi ist. Die Instrumentenbeschaffung ist durch die 350 000 Euro im Haushaltstitel für kulturelle Bildung im Kunstministerium weitgehend gesichert, sagt Clemen. Dringender sei es, begeisterungsfähige Pädagogen für den externen Unterricht in den Schulen zu gewinnen. Auch beim Musikrat oder dem Sächsischen Kultursenat wird auf ein personelles wie finanzielles Problem hingewiesen. Vor allem in den großen Städten könne der Mehrbedarf meist nur mit schlecht bezahlten Honorarkräften gedeckt werden. Und die relativ teure Musikschulausbildung ab Klasse drei sei für manche Eltern ein Geldproblem.

Das müsse angesichts der Sozialermäßigungen kein Hinderungsgrund sein, meinen Jörg Clemen und Ingmar Scheidig übereinstimmend. Schon in der zweiten Klasse zahlen Eltern für den JeKi-Instrumentalunterricht einen Jahresbeitrag von 120 Euro. Im vergangenen Schuljahr betraf das 530 Schüler, die von 1230 Kindern aus den JeKi-1-Klassen im zweiten Schuljahr weitermachten. Von diesen bleiben nach Erkenntnissen des Landesmusikschulverbandes nochmals etwa die Hälfte ab der dritten Klasse bei ihrem Instrument, so dass bei rund einem Fünftel der beteiligten Grundschüler das JeKi-Angebot auch dauerhaft auf fruchtbaren Boden fällt. Wo es nicht ausreichend Musikschullehrer gebe oder sich Eltern die Gebühren nicht leisten könnten, käme auch eine fortgesetzte Betätigung in Kantoreien, Posaunenchören oder Spielmannszügen in Frage, rät Ingmar Scheidig.

An diesem Punkt aber muss wieder das Engagement der Eltern einsetzen, das die Schule ihnen in den ersten beiden Jahren abgenommen hat. Solche Fragen klingen im ersten begleitenden Foschungsbericht der Leipziger Pianistin und Musikpädagogin Prof. Ines Mainz auch an. Er enthält zunächst nur die Auswertung der Lehrer-Fragebögen. Bis Weihnachten wird der zusammenfassende Evaluationsbericht des Landesmusikschulverbandes erwartet, der auch die Resonanz bei Eltern und Schülern berücksichtigt. Zwei Drittel der Instrumentallehrer stimmen demnach der JeKi-Konzeption voll und ganz zu, ein Viertel zumindest teilwei- se. Ihre Probleme beziehen sich unter anderem auch auf die Elternunterstützung und das Üben der Kinder. In Lenz allerdings traf man nur begeisterte Orchesterschüler, die behaupteten, mindestens eine Stunde täglich zu üben. Manche Lehrer sind auch den Unterricht in solch großen Gruppen nicht gewohnt. Die Auswertung von Prof. Mainz gibt Anregungen zur inhaltlichen Gestaltung des JeKi-Unterrichts und plädiert für mehr Bewegungs- und Rhythmusformen der elementaren Musikerziehung oder eigene Kompositionen.

Wenn 70 Prozent der Schulleiter eine Integration dieses Unterrichts in die Stundentafel befürworten, ist damit zugleich ein systematisches Problem benannt. Denn das Projekt, jedes Grundschulkind mit einem Instrument vertraut zu machen, läuft parallel zum regulären Musikunterricht an den Schulen, so er denn abgesichert werden kann. Nicht überall verstehen sich offenbar Instrumentallehrer und Musiklehrer persönlich so gut wie in Lenz. Bemängelt wird auch, dass der JeKi-Unterricht nach Schulschluss zur Mittagszeit stattfinden muss, wo die Konzentration der Kinder deutlich nachlässt. Jörg Clemen vom Musikschulverband räumt hier Abstimmungsbedarf zwischen dem federführenden Kunstministerium und dem für die Schule zuständigen Kultusministerium ein. Von letzterem kommt auf entsprechende Nachfrage nur eine ausweichende Antwort mit dem Hinweis, man sei ja im Projekt-Beirat vertreten.

Rund 5000 Schüler haben in der dreijährigen Modellphase zumindest einen sinnlichen Kontakt zur Welt der Musikinstrumente erfahren. Trotz der Detailprobleme stellt niemand die Fortführung im laufenden Schuljahr in Frage. Nach entdeckten Begabungen zu fragen, kollidiert eigentlich mit dem breit angelegten kulturellen Bildungsanspruch des Projektes. Von einer "wichtigen sozialen Funktion" spricht auch Paul Korn, Geschäftsführer von Margon. In Freital-Wurgwitz wartete er mit Getränken auf die JeKi-Konzertbesucher. Nicht nur mit Flaschen, auch mit einem Scheck über 5000 Euro, um Lücken bei der Instrumentenbeschaffung zu schließen. Michael Bartsch

Das Dresdner Heinrich-Schütz-Konservatorium wird am 5. November, 17 Uhr, in der Aula über die "MusiKids" diskutieren, wie das JeKi-Projekt in Dresden heißt.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 03.11.2012

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