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Grün ist das neue Blau der Kunstfabrik

Umzug Grün ist das neue Blau der Kunstfabrik

Eigentlich ist es undenkbar, sich jene Blaue Fabrik, die rund 22 Jahre an der lauschigen Prießnitz hauste und dort ein arteigenes Biotop am Rande der Neustadt bildete, in dem sich Kunst und Musik als Nische so gemütlich wie produktiv einrichteten, ohne je in den ganz großen Fokus zu rücken, ohne das angestammte Ambiente vorzustellen.


Quelle: Anja Schneider

Dresden. Eigentlich ist es undenkbar, sich jene Blaue Fabrik, die rund 22 Jahre an der lauschigen Prießnitz hauste und dort ein arteigenes Biotop am Rande der Neustadt bildete, in dem sich Kunst und Musik als Nische so gemütlich wie produktiv einrichteten, ohne je in den ganz großen Fokus zu rücken, ohne das angestammte Ambiente vorzustellen.

Doch damit war es – nach zähem Ringen über zwei Höhepunkte der anhaltenden Wirtschaftskrise hinweg – schon 2013 angesichts der in ganz Dresden unglaublich ausmaßenden Gier von überflüssigem Geld vorbei: Das neue Exil im einst wichtigen Post-Gebäude an der Königsbrücker Straße war als Interim kleiner und ebenso in den Fängen einer der großen Immo-Schrecken, die in scheinseliger Treuhand-Manier wie bewährt weitermachen.

Dennoch, so beteuert Holger Knaak, der seit 2008 als Fabrikant und seit 2011 Vereinsgeschäftsführer wirkt, war diese Zeit ungemein wichtig, um nun überhaupt die nächste Etappe zu erleben: „Das Post-Exil war sicher nicht optimal, aber wir brauchten die Räume, um unser Vereinsleben generell zu erhalten.“ Am Freitag war dieses Exil nun auch offiziell vorbei, denn mit der öffentlichen Einweihung der so genannten Grünen Villa, einem blassen Reichsbahngebäude mit Baujahr 1839 zwischen Altem Leipziger und neuem Neustädter Bahnhof (und wie alles Alte in Sachsen denkmalgeschützt), begann die dritte Episode unter dem ungeschriebenen Arbeitstitel: Grün ist das neue Blau der Fabrik, was mit einigen Farbspielen, natürlich abseits der Fassade, untermalt wird.

So führt eine blaue Pinnwand auf der Eisenbahnstraße 1 zum Eingang, wo links ein Büro in noch umzugswüsten Zustand und geradehin eine Posterwand mit den großen Ereignissen der Geschichte des Vereins wartet, die einiges an Wandel zeigt. Hier auch, ganz oben, der Hinweis auf die erste Ausstellung: Eröffnung am 1. Dezember 1991, 11 Uhr, mit 30 Künstlern – steht da auf recht kargblauem Plakat, bevor es an einer halbrunden Pförtnerloge vorbei in die erstaunlich hellen Innenräume geht.

So ist Knaak später, als die rund 200 Gäste nach Bewunderung der wirklich gelungen-großzügigen Galerie mit Wandelgang im Atrium und einem 80-Quadratmeter-Saal bei Bionade oder Lößnitzpils den Klängen im Garten lauschen, sichtlich zufrieden. Denn mit 750 Quadratmetern Nutzfläche ist das neue Domizil sowohl der Post (mit 300 qm) als auch der Fabrik (rund 500 qm) weit überlegen, was sich auch in der aktuellen Präsentation – einer flockigen und sinnig gehängten Auswahl von Hauskünstlern in der fabrikeigenen Serie „parablau“ – widerspiegelt.

Wichtig ist auch, dass die 13 Ateliers – zwischen 10 und 50 Quadratmeter groß und mit zehn Euro warm nicht ganz billig – bereits alle vermietet sind. Zwei Drittel an Musiker, ein Drittel an Künstler – unter den Musikern sind traditionsgerecht rund 90 Prozent Jazzer im eigentlichen wie weiteren Sinne. Auch der Garten – umzingelt von Bahngleisen, Pflasterstraße und wild-urbaner Industriebrache – leuchtet in blauem Scheinwerferlicht und zeugt von weiter Wohnhausfreiheit, die auch längere Freiluftmuggen – so wie zur Eröffnung mit dem New Town Swing Orchestra und The Soldiers – verspricht.

Die Aufwartung machten auch etliche Geschäftsführerkollegen aus dem Kulturvereinsleben, während die lokalen Promis der Chargen B, C und DD erwartungsgemäß fehlten. Alle sahen Vorzüge wie Risiken des Gebäudes. Größtes Problem sollte der Erhalt der institutionellen Förderung für den Verein sein – 25 000 Euro sind es bislang. „Bei 6000 Euro Monatsmiete möchte diese sich möglich nicht verringern,“ lädt Knaak zum Nachrechnen ein. Denn sein Verein mit rund 20 Mitgliedern hat viel vor: Für die Bands gibt es schon jetzt einen fast fertigen Gastraum zur Übernachtung, der gleichgroße Eckraum gegenüber ist noch zu sanieren und soll im nächsten Jahr Residenzkünstler – gern auch Musiker – anlocken, für die noch extern ein Stipendium und eine Wohngelegenheit gesucht werden.

Zuvor freut er sich jedoch auf die kommenden Ereignisse: Nach den Konzerten von Wooden Syndicate (22. September) oder dem Lutopia Orchestra im Rahmen vom Neustadt-Art-Festival (24. September) gibt es ab 7. Oktober große tschechische Kunst: Die Ausstellungen „Brána naděje“ von Jindřich Štreit und „Eulenburger Land“ von Svatopluk Klesnil werden wohl für hyperlokale Aufmerksamkeit sorgen und zeigen, ob die logistisch eigentlich perfekte Lage hinter Bahnhof und -damm für Neustädter ein mentales Hemmnis darstellt.

Es gibt also genügend Gesprächsstoff, wenn der Verein dann am 1. & 2. Dezember sein 25. Jubiläum feiert. Zumal bis dahin die Dresdner Haushaltsdebatte am Überkochen sein dürfte – und sicher auch noch einmal die tiefen Gräben zwischen bestens besoldeter Hoch- und meist prekär gewürdigter Subkultur beleuchten wird.

Von Andreas Herrmann

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