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Großes Live-Erlebnis: Bob Geldofs Auftritt in der Tante Ju in Dresden

Großes Live-Erlebnis: Bob Geldofs Auftritt in der Tante Ju in Dresden

Seltsam, unsympathisch, widersprüchlich, genial, mitreißend, bezwingend - so lautet die Quintessenz von Bob Geldofs Auftritt in der Tante Ju. Geradewegs aus Afrika eingeflogen, würgt der Tourmanager die Dresdner Vorband TotoRox, die ihre Sache ordentlich gemacht hat, gnadenlos ab, um dem grauhaarigen Meister den Weg zu ebnen.

Die Mitarbeiter der Crew sehen gestresst aus, die Nachricht, dass Sir Bob ein wenig schlecht gelaunt sei, kursiert im aufgeheizten Rund.

Und prompt beschwert der ehemalige Boomtown Rats-Chef sich direkt nach dem schwungvollen Opener, dass damals, zu Ost-Zeiten, als er mit besagter New Wave Combo in der Stadt war, niemand gekommen sei. Schlechte Erinnerungen also.

Heute immerhin sei er sofort auf seinen Vorschlag, einen Teil der Gage für Dresdner Hochwasseropfer zu spenden, eingegangen, hatte Gunther Relig in seiner Begrüßung verkündet. Und Geldof selbst berichtet, die Bilder von den Überflutungen in England verfolgt zu haben und flechtet immer wieder Zeilen über Dresdens "Bayou" in seine Songs ein.

In Songs, die zünden. Von Anfang an. Da stehen sechs ältere bis alte Männer, die nicht nur ihr Handwerk verstehen, sondern die Zeit, die seit den großen Boomtown Rats-Erfolgen verstrichen ist, genauso gegenstandslos erscheinen lässt wie die Tatsache, dass die gute Musik von heute es nicht mehr in die Charts schafft. Geldof wird es etwas ausmachen, so viel darf vermutet werden - dennoch rockt er die Halle, wie um all diejenigen, die in ihm nur noch den politischen Aktivisten sehen, eines Besseren zu belehren.

"Systematic Pack" ist solch ein Song von der neuen CD "How to Compose Popular Songs That Will Sell". Das knallt druckvoll nach vorn, setzt auf eine verzerrte Gesangsstimme und eine geradezu rockende Geige von Vince Lovepump, dazu eine Bongo von Drummer Jim Russell. Packt, reißt mit - und wird sich dennoch, dem CD-Titel zum Trotz, nicht so verkaufen, wie es verdient wäre. Das gleiche gilt für das wundervoll-sentimale Liebeslied "Dazzled by You", bei dem sich bis auf Bassist Pete Briquette bereits alle Musiker ein Stück weit entblättert haben, Lovepump seinen gewaltigen Oberkörper in feinstem Schiesser Feinripp präsentiert.

Da waren "When the Night Comes" oder "Banana Republic" schon ein anderes Verkaufs-Kaliber. Letzteres sorgte mit seinem Text über Korruption und Missbrauch in der katholischen Kirche auch für gesellschaftliche Diskussionen. Wie Geldof zu diesem Konzertzeitpunkt über die Deutschen, die "fucking krauts", spricht, das kann, muss man aber nicht ironisch nehmen. Das ging durchaus auch als Publikumbeschimpfung durch - zumal er sich vorher auch mehr als irritiert über ein paar Lacher im Publikum gezeigt hatte, als er Vince Lovepump als Simbabwer vorgestellt hatte. Dennoch ist jenes "Banana Republic", so, wie es da zelebriert wird, ein fantastisches Stück sinnhaltiger Tanzmusik. Der Reggae-Rhythmus geht sofort in die Beine, der schön ausgedehnte Instrumentalpart driftet wenig vorhersehbar in die Richtung, die das Konzert von hier an nehmen wird: Große Performance, ganz großes Konzertereignis!

John Turnbull an der elektrischen Gitarre - immer wieder treibendes Moment, aber auch Alan Dunn, hager und stoisch mit Hut hinter dem Keyboard, sie sind neben Geldofs Stimme und - trotz allem! - Charisma sowie Vince Lovepumps Geige und Mandoline die bestimmenden Musiker in diesem Team. Wobei es natürlich die Geige ist, die den Sound oft ein wenig in Richtung Irland - Geldofs Herkunftsland - prägt.

"I Don't Like Mondays", der Über-Mega-Hit, den wirklich jeder kennt, er glänzt und schillert und verzaubert ohne das kleinste bisschen Patina. Von der allerersten Keyboard-Linie an erkennbar, ohne Gitarre, ohne Bass, flirrt der Raum. Und das Stück ist mitnichten als Abschluss gedacht. Schlag auf Schlag geht es weiter: Eine vollkommen abgedrehte Version von "Summer in the City" führt in ein kaum erkennbares "Mary of the 4th Form" der Boomtown Rats, genial eingebunden in ein John Lee Hooker-Cover, und dann "The Rat Trap". Eine wahre Falle... !

Und damit ist erst der reguläre Teil des Abends zu Ende und obwohl die alten Herren nun schon fast zwei Stunden abgerockt haben, bereits einmal Mineralwasser und Handtücher "nachgeliefert" wurden, lassen sie sich nicht lange bitten, sondern bieten noch das "Silly Pretty Thing" der aktuellen CD und einen richtig irischen Rausschmeißer. Drehen noch ein letztes Mal auf.

Und wie sie da so Arm in Arm zur Verabschiedung am Bühnenrand stehen, da kann man nicht anders, als sie mit dem größten lebenden Live-Rocker, mit Bruce Springsteen, zu vergleichen. Und das hier um die Ecke, in Tante Jus Guter Stube!

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.06.2013

Beate Baum

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