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Großes Kino ohne Schiffsuntergang: Erin Costeloim Blue Note

Großes Kino ohne Schiffsuntergang: Erin Costeloim Blue Note

Halifax - Hauptstadt der kanadischen Provinz Nova Scotia im äußersten Süd-Osten des riesigen Landes - hat nur 160 000 Einwohner, wozu allerdings noch einmal gefühlt die gleiche Anzahl Studenten kommt. Die sich abends auf die zahlreichen Pubs, Bars und Clubs verteilen. Kein schlechtes Pflaster für talentierte Musiker.

Dresden. Erin Costelo, aufgewachsen auf der zu Nova Scotia gehörenden Insel Cape Breton, arbeitet als Dozentin an zwei Colleges der Stadt, vor allem aber ist sie mit ihrer eigenen Musik unterwegs: mit dem Sinfonieorchester Nova Scotias in Konzertsälen und Radio-Studios, mit der Kammermusik-Formation Blue Engine String Quartet auf größeren Bühnen, aber immer wieder auch mit Clive MacNutt - Partner im Leben wie bei der Musik - an der Gitarre, in kleinen Clubs. In Halifax, in Nova Scotia, in Nordamerika, in Europa. In Dresden, im Blue Note.

Der erste Eindruck: Sie sieht komplett anders aus als auf sämtlichen Fotos, trägt einen sportlichen, blonden Kurzhaarschnitt und eine große Brille. Der zweite: Die vielgelobte Soulstimme überzeugt anfangs nicht wirklich. Zu gepresst wirkt sie bei den lauten Passagen des Openers "The Birds that Wake the Day". Dafür aber ist man von den ersten Klängen an fasziniert von dem speziellen Zusammenspiel der beiden Musiker. MacNutt, der neben der extroviertierten Costelo sehr zurückhaltend, fast schüchtern wirkt, spielt eine herrlich komplexe eigene Melodie auf der E-Gitarre; vereint mit Costelos Klavierakkorden ergibt das einen anspruchsvollen Americana-Sound, wie man ihn so selten gehört hat.

Erin Costelo liebt die emotionale Musik der 60er Jahre ebenso wie die großen Singer/Songschreiber - und sie scheut sich nicht, Vorbilder und Einflüsse zu benennen. So klingt denn "Give a Little" auch mehr als ein bisschen nach den Supremes, und "Weak Like Us" sehr nach J.J. Cale. Ihr Gesang dabei scheint komplett aus einer anderen Zeit zu stammen und überzeugt ohne Wenn und Aber.

Welcher Musiker würde nicht zugreifen, wenn ihm der staatliche Radiosender anbietet, Stücke für ihn zu schreiben? Erin Costelo erzählt, dass sie allerdings zurückschreckte, als sie erfuhr, dass ein Song sich mit der Titanic - die ja vor der Küste Nova Scotias gesunken war - beschäftigen sollte. Zu gegenwärtig war ihr die Celine Dion-Schnulze. Was sie letzten Endes aus der Vorgabe gemacht hat, zeigt, dass es auch anders geht: "Lord Come And Take Me Home" erzeugt beim Zuhören eine Gänsehaut, für die frau sich nicht schämt.

Dem einzigen Cover des Abends - Carole Kings "Will You Still Love Me Tomorrow" - folgt das Highlight des Konzerts: "Is It Real" erinnert ein wenig an King, trägt aber ganz eindeutig Costelos eigene DNA. Zu dem wieder großartig unüblichen, inspirierten, technisch perfekten und emotional packenden Zusammenspiel von Klavier und Gitarre singt sie da Zeilen wie: "31 now and living on rewind" oder "Twenty-something's just a state of mind". Großes Kino ganz ohne Schiffsuntergang.

Kostproben aus der kommenden CD im zweiten Set versprechen weitere großartige Instrumentierungen zu intelligenten, literarisch inspirierten Texten - "Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen", zitiert sie zu Beginn von "The Line" William Faulkner; "Love-affair With the Moon" beschäftigt sich hübsch-ironisch mit der geringen Bevölkerungsdichte - vor allem, was junge Männer angeht - auf Cape Breton. "We Can Get Over", Titelsong des aktuellen Albums, für das sie im April den Ecma-Award der Musikindustrie Ost-Kanadas erhalten hat, ist der stimmige Abschluss, dem das fast noch schönere "Go Home" folgt, bei dem die Sängerin sich allein am Klavier begleitet. Und es bleibt nur, ein Dankeschön über den Atlantik zu schicken, ins hübsche Halifax, das mit seiner lebendigen Kultur solche Talente prägt.

Beate Baum

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