Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 2 ° wolkig

Navigation:
Google+
Grönland in Dresden: „Sumé – The Sound Of A Revolution“ im Film und Nive Nielsen live

Konzert und Kino Grönland in Dresden: „Sumé – The Sound Of A Revolution“ im Film und Nive Nielsen live

Nive Nielsen war noch lange nicht geboren, als Sumé dem kalten Norden eingeheizt haben. Die direkten Einflüsse von Grönlands einflussreichster Rockband auf die Musik der jungen Interpretin kann man hinterfragen. Wenn Nive Nielsen Ende Februar mit ihrer Band The Deer Children zum zweiten Mal nach Dresden kommt, ist Gelegenheit dazu.

Dresden. Nive Nielsen war noch lange nicht geboren, als Sumé dem kalten Norden eingeheizt haben. Vielleicht wurde Nives Eltern und Großeltern heiß, wer weiß? Selbst die direkten Einflüsse von Grönlands einflussreichster Rockband auf die Musik der jungen Interpretin wären zu hinterfragen. Wenn Nive Nielsen Ende Februar mit ihrer Band The Deer Children zum zweiten Mal nach Dresden kommt, ist Gelegenheit dazu. Bis dahin aber werden viele Musikfreunde sicherlich das erste Mal überhaupt von Sumé gehört haben. Anlass ist ein sehr gelungener porträtierender Dokumentarfilm, der an nur zwei Tagen im Kino im Dach zu sehen ist.

Ein roter Bühnenlautsprecher wird als eine Art „running object“ über die Leinwand gereicht. Er steht auf Felsen und Eisschollen, in Dörfern und Räumen. Rock’n’Roll kommt aus ihm heraus. Und der klingt, wie er am Anfang der Siebziger vorwiegend geklungen hat: gitarrenlastig, schnörkellos, psychedelisch, später dann mit trommelnden Einflüssen von Grönland-Folk. Beherzt gesungen ist das alles sowieso! Die Texte sind brisant und auf Grönländisch gebracht. Das regte auf, das regte an!

Klare politische Ansage

Sumé, gegründet 1972 vom 20-jährigen Malik Høegh und dem drei Jahre jüngeren Per Berthelsen, machten aus ihrer klaren politischen Ansage keinen Hehl. Besonders Høeghs Statements waren eindeutig genug, Berthelsen aber kam eher als einer daher, der sich um Akkordfolgen scherte, nicht so sehr um die Folgen der dänischen Kolonialpolitik. Heute ist Høegh Tontechniker, Berthelsen aber Politiker …

Schon 20 Jahre vor Sumé wurde die Insel offiziell als Kolonie des Königreichs Dänemark „abgemeldet“. Von Selbstbestimmung und Unabhängigkeit konnte indes keine Rede sein. Auch später würde man sich nur auf eine Autonomie einlassen, 1979 war das. Die Musik auf dem Weg dorthin kam vor allem von Sumé. Und wieder wurde schwer diskutiert: Der Einfluss globaler Rockmusik auf die Politik im Allgemeinen stand gerade in den Sechzigern im Fokus, wurde belächelt, groß- wie kleingeredet, geradezu beschworen. In Grönland jedenfalls sind Schmelz-Spuren im Eis noch zu sehen und zu fühlen.

Sumé waren Pioniere

Regisseur Inuk Silos Høegh musste nicht lange suchen. Er sagt: „Das erste Mal, dass ich Sumés Musik hörte, war 1972 mit meiner Mutter auf einer Protestkundgebung für Grönlands Souveränität. Es war warm und angenehm – in ihrem Bauch.“ Høegh wurde wenig später geboren … Mit seinem Film will er die Elterngeneration noch einmal neu verstehen und damit auch sein Volk. Er traf für „Sumé – The Sound Of A Revolution“ Menschen, Frauen besonders, die Sumé-Fans waren, denen noch heute das Herz höher schlägt, wenn die kraftvollen Lieder aus besagter roter Box kommen. Einem von Sumés Managern, Erno Aronsen, klappt gar seine linke Hand fast automatisch zur Faust dabei. „Wow“, ruft er, bevor die Tränen kommen.

Sumé waren Pioniere. Die Bandmitglieder studierten in Kopenhagen, waren also wie so viele ihrer Landsleute ins 3300 Kilometer entfernte „Mutterland“ gegangen. In Gedanken hatten sie sich keinen Schritt von der Heimat entfernt. Das Cover ihrer ersten LP „Sumut“ (deutsch: Wohin?) war eine gezielte Provokation an die Kolonialzeit (ein Inuit präsentiert sich auf einem Holzschnitt aus dem 19. Jahrhunderts mit seiner Trophäe, einem getöteten Wikinger). Diesem Stil blieben sie sich in den vier Jahren ihrer Existenz treu. Die Songs handelten vom großflächigen Umsiedeln der grönländischen Bevölkerung, dem Weglocken junger Menschen, von der Leere der Gedanken, fremder Macht, der Verlorenheit des Westens.

Lieder bekommen großen Raum

So wie Jahrzehnte später die isländische Band Sigur Rós eine Tour durch ihre Insel unternahm, dabei auch in entlegensten Dörfern spielte (gern auch an der frischen Luft, dokumentiert im Film „Heima“) waren auch Sumé auf Grönland unterwegs. Hin zu ihren Landsleuten, direkt in ihre Herzen.

„Sumé – The Sound Of A Revolution“ arbeitet mit vielen Super8- und anderen Archivsequenzen, um ein Zeitgefühl zu zeigen, das weit über die bloße Existenz einer Rockband hinausreicht. Gespräche von einst und heute rücken Fakten und Emotionen zurecht, Lieder bekommen großen Raum. Erhellend sind jene Szenen, da die vier Sumé-Originale von Chancen erzählen, international Karriere zu machen. Die englischen Kunstrocker Procol Harum hatten damals für eine Monate andauernde Welttour als Vorprogramm gebeten. Bassist und Drummer hätten liebend gern mitgemacht, doch Malik Høegh wollte sein Studium beenden, Per Berthelsen hatte schlichtweg Angst. 1975 aber spielten Sumé dann doch im Ausland – in „Østberlin“ …

„Hi! Mein Name ist Nive“

„Hi! Mein Name ist Nive. Ich bin ein Inuk, ein Eskimo aus Nuuk, Grönland. Ich schreibe Songs und singe sie mit meiner Band, meistens mit einer kleinen roten Ukulele. Ich liebe Cowboystiefel. Und Spaziergänge im Schnee.“ 40 Jahre nach Sumé erdete sich Nive Nielsen ganz und gar unpolitisch. Ihre Sache ist allein die Musik. Mit ihrer hervorragenden CD „Nive Sings!“ (2012, Glitterhouse) spielte sie vor drei Jahren ihr feines Dresden-Debüt im Societaetstheater. Unbeschwert war es, Motto: Welt, ich komme! Trotzdem sind bei der Nielsen auf Platte wie auch live jene Momente am nachdrücklichsten, in denen auch sie Kalaallisut, also Grönländisch singt. Da sie sich völlig selbstbewusst präsentiert und die Angst des Kollegen Berthelsen nicht zu kennen scheint, waren schon auf der ersten CD fast 30 internationale Musiker beteiligt, darunter Howe Gelb, Patrick Carney und John Parish. Tchad Blake hatte auf stimmige Weise gemixt. Und alle hatten einen Narren an Nive Nielsens Art gefressen. An ihrer Art zu singen und zu sein.

Ende letzten Jahres ist „Feet First“ erschienen (Glitterhouse), die schwere zweite internationale Platte in schweren Zeiten für Platten. Es ist ein würdiger Nachfolger, denn sie ist leicht geworden. Nicht leichtfertig eingespielt, flüchtig oder unter Druck. Entstanden ist „Feet First“ in einem Zeitraum von drei Jahren dort, wo Nive Nielsen sein wollte: Belgien, England, Dänemark, daheim in Grönland, in mehreren Regionen der USA. Nielsen: „Es war eine enorme Erfahrung, für diese Platte unterwegs gewesen zu sein. Wenn du dich immerfort veränderst, steckst du einfach nicht in Gewohnheiten und Ideen fest. Meine Songs sollten mit mir wachsen während dieser Reisen.“

Also ist Tucson/Arizona genauso elementar wie Ummmannaq im Norden Grönlands, Howe Gelb oder John Parish genauso wie Begegnung mit zwölfjährigen Zwillingen daheim. „Feet First“ zeigt eine feinfühlige Komponistin und Sängerin in griffigen, extrem variablen Arrangements. Akustisch dominierte Lieder sind es, lebendig begleitet und von einem Füllhorn instrumentaler Elemente bereichert. Banjo, Pumporgel, Bläser, schräge elektrische Gitarren, Nielsens rote Ukulele. „Zart-verwittert, spritzig-witzig“ schrieben DNN 2013. Es bleibt gültig!

„Sumé – The Sound Of A Revolution“ läuft am 15. Februar (17 Uhr) und 16. Februar (19 Uhr) im Kino im Dach

Nive Nielsen And The Deer Children, Sonntag, 28. Februar, 20 Uhr, Dreikönigskirche

Von Andreas Körner

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr

  • Semperopernball
    Semperopernball

    Alle Infos, alle Highlights, die schönsten Bilder - der Semperopernball in Dresden. mehr

  • 13. Februar

    Ob Gedenken, Täterspuren oder Menschenkette: Alle Infos finden sie in unserem Special zum 13. Februar in Dresden mehr

  • Onlineabo

    "DNN-Exklusiv" heißt das Online-Premiumangebot der Dresdner Neuesten Nachrichten, dass Sie überall und rund um die Uhr nutzen können - zu... mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die DNN in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten DNN das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr