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Grillparzers "Jüdin von Toledo" in der Inszenierung von Nuran David Calis im Dresdner Schauspielhaus

Grillparzers "Jüdin von Toledo" in der Inszenierung von Nuran David Calis im Dresdner Schauspielhaus

Die Welt hat sich nicht viel verändert seit den Zeiten der Kreuzzüge. Noch immer stehen sich die Nationen, die sich den großen Religionen der Alten Welt zugehörig fühlen, einander reserviert bis feindlich gegenüber.

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Sonja Beißwenger (Rahel, Tochter Isaaks) und Sascha Göpel (Alfonso VIII.)

Quelle: David Baltzer

Auch dieser Kurz-Schluss lässt sich ziehen angesichts der jüngsten Premiere im Dresdner Schauspielhaus, wo Nuran David Calis jetzt Franz Grillparzers letztes, erst posthum uraufgeführtes Stück "Die Jüdin von Toledo" auf die Bühne brachte. Während Lion Feuchtwanger in seinem gleichnamigen Roman die Geschichte der Mätresse des kastilischen Königs Alfons VIII. sehr differenziert vor dem historischen Hintergrund erzählt, macht Grillparzer daraus eine eher aufklärerische als aufrührerische Story um unlösbare Konflikte zwischen Pflicht bzw. Staatsräson, Sexus und Vernunft, die auch von der Affäre des bayerischen Königs Ludwig I. mit einer irischen Tänzerin inspiriert wurde, und Calis fügt dem nun ein drittes Motiv hinzu, nämlich den Protest einer Frau, die erst in diesem Frühjahr fünf Tage lang auf einem Baum am Berliner Oranienplatz verbrachte, um auf gravierende Mängel im deutschen Asylrecht aufmerksam zu machen.

In ähnlicher Position begegnet also nun Rahel (Sonja Beißwenger), Tochter des Juden Isaak, zum ersten Mal dem jungen König (Sascha Göbel), und dessen salbungsvolle, das Volk lobhudelnde Rede unterbricht sie schrill mit "Propaganda! Propaganda!"-Rufen, um dann doch alsbald um Schutz nachzusuchen für sich und die Ihren. Erst bei der eiskalt abweisenden, ohnehin frustrierten Königin Eleonore von England (Karina Plachetka), dann bei dem leicht verstimmten, aber immer noch leutseligen König, der ad hoc das für Juden verhängte Betretungsverbot des Ortes aufhebt, während die Tagesschau von einer jungen Frau berichtet, die aus unklaren Motiven, aber mit provokativer und womöglich selbstmörderischer Absicht einen Baum im neu eröffneten Englischen Garten bestiegen habe.

Tatsächlich erweisen sich Anachronismen und gut gemeinte Propaganda als die hervorstechenden Züge in einer Aufführung, in der ein durchaus gut besetztes Ensemble über weite Strecken auch rein akustisch kaum zwingend agieren kann. Individueller oder psychologischer Feinschliff hat es schwer, wo mehr oder weniger plakativ alte wie neue Vorurteile und Klischees aufeinandertreffen. Dabei zeichnet Tom Quaas das des wohlhabenden weil einnehmenden, geltungssüchtigen, um seine Töchter besorgten Juden nicht nur in affektiertem Stil, sondern auch mit Wärme und Festigkeit. So achtbar oder auch sympathisch bis liebenswert er und seine verrückte, verträumte, leidenschaftliche Tochter auch daherkommen, sie als Protagonisten im Kampf gegen den Antisemitismus aufzustellen, erscheint mir weniger kühn als naiv. Zumal bei Grillparzer das Motiv der Verachtung gegen den Juden eine eher untergeordnete, das heißt für den Gang der Dinge entbehrliche Rolle spielt. Sein bürgerlicher Humanismus, der wohl auf der Annahme beruht, dass die Christen den Juden die Kreuzigung Jesu verziehen hätten, hat sich hinreichend als unzureichend erwiesen und passt vom Ansatz her nicht mehr in die heutige Zeit.

Rahel indes soll weit mehr sein als nur die widerborstige exotisch verführerische, be- oder verzaubernde Gespielin. Vordergründig und kaum nachvollziehbar ist sie mal nur übertrieben mutwillig, mal die blanke Anarchistin und dann, ach wie verrucht, femme fatal im luxuriösen Amüsiertempel (Bühne Irina Schicketanz). So kann Beißwenger am Ende kaum noch glaubwürdig die liebende, aber enttäuschte ernüchterte Frau zeigen, deren angedeuteter Selbstmord übrigens durchaus plausibel wäre. Sascha Göpel als junger Mann im Selbstfindungsprozess kommt ihr kaum wirklich nahe, steht ebenso neben seiner eigentlichen Rolle bzw. der Contenance des Königs. Im billig knallroten Jackett überm Campinghemd (Kostüme Ellen Hofmann) erscheint er zu Staatsgeschäften, zur angestrebten Versöhnung mit der Königin gar in ärmellosem Feinripp und Rangerhose - durchaus in Übereinstimmung zu Gestik wie Körpersprache, die bald eher mit Rummachen als mit Verzeihung heischender Anbetung zu tun hat - der krasse Gegensatz zu seiner Gemahlin und zu Manrique, Gräfin von Lara. Die tritt auf, weil Calis ihren Gatten totgesagt hat und sie dessen Rolle spielen muss. Für Hannelore Koch ergab sich so die (eindrücklich genutzte) Chance, eine unerbittliche graue Eminenz im ebenso intimen wie diplomatisch raffinierten Verbund mit der Königin zu zeigen.

Es könnte fast verwundern, wie treu Regie bzw. Dramaturgie (Beret Evensen) zumal zum Finale hin der Textvorlage folgen. Das Original wird jedoch mit einer mehr oder meist weniger plausibel korrespondierenden neuzeitlichen Folie überzogen. Die oft sehr dominanten Videoeinspiele (Sami Bill) bringen freilich, auch abgesehen vom geschmacklosen Boulevardstil, mit dem die Affäre Alfonso-Rahel verfolgt wird, kaum Gewinn. Die Mischung aus politischer Live-Kolportage und Zitat zu aktuellen Konflikten zieht Zusammenhänge (etwa zu Assad und Syrien) eher an den Haaren herbei als dass sich Bedeutsamkeit verdichtet. Um an derselben keine Zweifel zu lassen, lässt der Regisseur mitten im Stück die Darsteller vor den Eisernen Vorhang treten, um Auszüge tatsächlich höchst erschreckenden Inhalts aus Briefen deutscher Staatsbürger an den Zentralrat der Juden in Deutschland zu verlesen. Doch wie und wer auch immer auf diese Weise von der Notwendigkeit des Engagements gegen den Antisemitismus überzeugt werden soll - der konkrete Inhalt verwandelt sich auch hier ins Klischee, wie das leider mit vielen Szenen geschieht, die schlicht und einfach ihres dramaturgischen Kontexts beraubt werden. Einige Figuren wie Alfonsos Freund Don Garceran oder Ester, Rahels sittsamere, aber einsichtsvolle Schwester (Laina Schwarz), können in einer über weite Strecken undurchsichtigen Dramaturgie zwangsläufig kaum Profil entwickeln, dabei verkörpert ja letztere den elementaren Lösungsansatz für globale Konflikte, nämlich den Verzicht auf Gewalt. Nicht angesprochen wird, dass das Streben nach höchstem Gewinn auch auf Kosten anderer - also Neid und Gier als gesellschaftliches Wachstumspotential verstanden - die Ausgrenzung als unausweichliche Folge nach sich ziehen, aber immerhin bringt Manrique den Dünkel aus der Mitte der Gesellschaft subtil auf den Punkt. Dem König, der Garceran beauftragt hat, Isaak und dessen Töchter zu schützen sagt sie süffisant: "Ich denke hoher Herr, dass meinen Sohn Ihr eben jetzt so fein als streng bestraft - als Hüter ihn bestellend diesem Pöbel."

Die Frage wäre, wer im Publikum sich dadurch wie angesprochen fühlte. Der nicht gerade enthusiastische Schlussbeifall konnte allenfalls als Gradmesser dafür dienen, wie weit die Protagonisten zu überzeugen wussten, und auch darin war man sich anscheinend nicht vollkommen einig.

Aufführungen: heute, 7., 15. und 30.5.; 24.6., Schauspielhaus

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.04.2014

Tomas Petzold

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