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Götz Alsmann in Dresden: Reverenz an die große Zeit des Broadway

Amerikanische Musical-Nummern und deutsche Jazz-Schlager Götz Alsmann in Dresden: Reverenz an die große Zeit des Broadway

Es kam, wie es kommen musste. Und so bekamen Götz Alsmann und seine Bandkollegen, als sie in ihren rosa Sakkos mit schwarzem Aufschlag stolz wie Bolle durch New York spazierten, von modisch nicht ganz so durchgestylten Bauarbeitern zu hören: „Na Jungs, ist wieder Christopher Street Day?“

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Götz Alsmann.

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden.  Es kam, wie es kommen musste. Und so bekamen Götz Alsmann und seine Bandkollegen, als sie in ihren rosa Sakkos mit schwarzem Aufschlag, die sie soeben beim Herrenschneider ihres Vertrauens abgeholt und gleich angezogen hatten, stolz wie Bolle durch New York spazierten, von modisch nicht ganz so durchgestylten Bauarbeitern zu hören: „Na Jungs, ist wieder Christopher Street Day?“

War es nicht. Alsmann war nach New York gekommen, um im Sear Sound Studio, dem ältesten Aufnahmestudio der Metropole, im „Mutterland des Air-Conditioning“ Broadway-Klassiker aufzunehmen, einschlägige Hits aus Musicals und Revuen, die je nachdem irgendwann zwischen den 1930ern und 1950ern die Massen entzückten. Nun wäre Alsmann natürlich nicht Alsmann, wenn er die Songs nicht auf seine spezielle Weise künstlerisch neu interpretieren würde. Der Entertainer mit der markanten Haartolle hat die Broadway-Klassiker – die von berühmten Komponisten wie George Gershwin, Cole Porter, Jerome Kern oder etwa auch dem Autorengespann Rodgers & Hart stammen – in deutscher Sprache eingesungen. Am Donnerstag gastierte er nun mit seinem Programm „Götz Alsmann am Broadway“ im Schauspielhaus, dabei „versichernd“, dass der Höhepunkt des Tourneejahrs also bereits Anfang März erfolge. Nun ja, wäre er in Castrop-Rauxel oder Löbau gewesen, er hätte um keinen Deut anders dick aufgetragen und seinen Fans Honig ums Maul geschmiert. Aber Alsmann ist eben ein Gentleman der alten Schule, für den nicht nur Stil, sondern auch Charme kein Fremdwort ist.

Alsmann hat nicht selbst umgetextet. Das besorgten andere, schon in den 30ern oder 50ern, allerdings verschwanden diese Adaptionen trotz aller einstigen Popularität wieder in der Versenkung. Einer dieser Textdichter war etwa Günther Schwenn (eigentlich Günther Franzke), den Nat King Cole eines Nachts heimgesucht und gebeten habe, seine deutsche Knittelfassung von „Nature Boy“, die Alsmann nur vom Blatt ablas („Es gibt Dinge, die will man nicht auswendig lernen“), doch noch einmal zu überdenken. Schwenn nutzte die zweite Chance, traf dann doch deutlich besser Geist und Charme von Coles Hit.

Alsman, dessen ganzes Wirken nahelegen könnte, dass er mit spätmodernem Zeitgeist und sonstigem hippen Kulturbetrieb-Kokolores eher wenig am Hut hat, grub die Texte von anno dazumal aus und verwandelte die Musical-Nummern in deutsche Jazz-Schlager – vielfach mit unüberhörbarer Neigung zu lateinamerikanischem Kolorit. Hier kommt die exzellente Band ins Spiel, die man sich insofern nicht nur gut in einem Broadwaytheater vorstellen könnte, sondern auch in einem Club in Havanna, in den Fünfzigern, als Kuba noch nicht vom Sozialismus ruiniert war. Die Band, das sind außer Alsmann am Klavier Altfrid Maria Sicking an Vibrafon, Xylofon und Trompete, Rudi Marhold am Schlagzeug, Markus Paßlick an den Percussions und Ingo Senst am Bass, alle samt und sonders Meister ihres Fachs.

Nun ist Alsmann, der, das Leben kann ja so grausam sein, „im Münster der 70er-Jahre pubertierte“, so etwas wie der Peter Frankenfeld der Posthistorie. Ein Mann, der mit den Mitteln der Musik und der geschliffenen Rede ein Millionenpublikum zu verzaubern vermag. Eloquent parlierend reichert er die Musiknummern mit einigen Anekdoten zu den Musicals oder zum New-York-Trip seiner Band an. Eine Kombination, die, garniert mit hübschen, manchmal geradezu kabarettreifen Sprüchen („Ich weiß ja nicht, ob Sie überhaupt schon einmal in einem Theater waren.“) und eloquenten, jedes Rechtschreibprogramm durch enorme Herausforderungen stellende Wortschöpfungen wie „tentakulöse, nosferatutistische Finger“ beim Publikum gut ankommt.

Die Stücke, die Alsmann mit einer Menge Herzblut punktgenau präsentiert und in denen mal eine Mondnacht am Meer, mal das „höchste Glück der Welt“, nämlich „zu lieben und geliebt zu sein“, beschworen werden, entzücken sowohl Musikliebhaber, die jeden einzelnen Ton genießen, als auch Otto-Normal-Besucher, der einfach einen unterhaltsamen Abend erleben und im Rhythmus mitwippen. Vier Zugaben gibt man den Zuhörern mit auf den Nachhauseweg. Zwei davon klampft Alsmann solo auf seiner Banjo-Ukulele. Darunter das von Bruce Low verfasste „Leise rauscht es am Missouri“, das dem Nischen-Genre „Bundesdeutsches Nachkriegs-Cowboylied“ zugeordnet werden muss, einer Gattung also, mit der man im Tal der Ahnungslosen einst einfach keine Bekanntschaft machen konnte.

Von Christian Ruf

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