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"Glück, Glanz und Gloria" feierte Premiere im Dresdner Theaterkahn

"Glück, Glanz und Gloria" feierte Premiere im Dresdner Theaterkahn

An Selbstbewusstsein hat es dem lyrischen Ich bei Robert Gernhardt nie gemangelt. Dieses hat sich nicht nur im Trakl-Ton und im Heine-Gewand auf die Spuren der Größten vor ihm, sondern gleich noch Aug' in Aug' mit dem Herrgott persönlich begeben: "Preise endlich meinen Namen, / Denn sonst setzt es etwas.

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Ahmad Mesgarha liefert hieb- und stichfeste Argumente pro Robert Gernhardt.

Amen." Mit dem Preisen des 2006 Verstorbenen sollten sich die Feuilletons allmählich sputen, denn obwohl im Dezember Gernhardts 75. Geburtstag ansteht, obwohl der Fischer-Verlag in vorbildlicher Manier mittlerweile auch den Nachlass und die poetologischen Schriften ediert und obwohl längst nicht mehr nur Titanic-Leser und Fans der frühen Otto-Filme reichlich Gernhardt zu zitieren wissen - als Vollwertdichter gilt hierzulande keiner, der die gut getimte Pointe ebenso beherrscht und wertschätzt wie die alkäische Odenstrophe und den reichen Reim.

Anlässlich der Premiere von "Glück Glanz Gloria", dem von Holger Böhme inszenierten Gernhardt-Abend auf dem Theaterkahn, gruselt es einen zu Beginn denn auch ein wenig an- gesichts des staatsmännischen, in Sepia getauchten Porträtfotos vom Dichter selbst, das im Hintergrund der Bühne als Altarbild angebracht ist. Gernhardt als Ehrenparteivorsitzender der deutschen Dichtkunst, Sektion "Humor und sonstige Heiterkeitsanlässe"? Bewahre! Zumal dort, wo "Humor" angekündigt, im Programmheft verordnet und mit Tusch erzwungen wird, sich im Laufe eines Abends so manches einstellen mag, aber Humor mit Sicherheit nicht.

Zum Glück gibt den Nachlassverwalter hier nicht die lokale Karnevals-Spaßguerilla, sondern Dresdens glänzendster Komödiant, Ahmad Mesgarha - und bei dem ist Gernhardt in den mehr als nur fähigen Händen eines großartigen Schauspielers, der sich selbst mitsamt mephistophelischem Rollenimage auf die Schippe zu nehmen weiß. Musikalisch unterstützt von Benjamin Rietz und Marc Dennewitz, nimmt sich Mesgarha, Ensemblemitglied am Staatsschauspiel und dort u.a. als hinreißender Benedikt in "Viel Lärm um Nichts" und Schmieren-Hamlet in "Sein oder Nichtsein" zu erleben, Gernhardts Werk vor, ohne in Ehrfurcht zu erstarren.

Dramaturgisch sind Freud und Leid eines (Dresdner) Schauspiellebens zwar eher ein blassrosa Fädchen als ein wirklicher roter Faden, doch wen stört das, wenn der zeitlose Vers so brillant rezitiert, das Timing so gut eingehalten und die Musik so virtuos dargeboten wird? Das Trio arbeitet sich augenzwinkernd durch Reggae, Chanson, "El Condor Pasa" und die Klischees des Rockkonzerts (Dennewitz' groß angekündigtes Solo besteht aus zwei Noten), ohne dass Zweifel aufkommen, dass das hier vor allem die Mesgarha-Show ist. Wie der als Deklamations-Chippendale schwitzt und rackert, den flinken Kostümwechsel meistert, in Kurzvignetten noch Hommagen an den just verstorbenen Deep-Purple-Gründer Jon Lord, an Jethro Tulls Zauberflöter Ian Anderson, Charlie Chaplin und Bob Marley einbaut und schließlich ein trinkfestes Solo auf der Flasche bläst, das muss man gesehen haben. Dass Gernhardt-Texte durchaus schwierig zu dramatisieren sind und keinesfalls als humoristische Selbstläufer taugen, davon konnte man sich vor ein paar Jahren sogar am Berliner Ensemble ein Bild machen - in deren Gernhardt-Programm ("Gespräche mit dem Engel") gerieten sogar Klassiker wie das "Diät-Lied (mit Ohrfeigen-Begleitung)" zur Pointen-Oase.

Nach der Pause rücken andere Schattierungen in den Vordergrund, bastelt das Trio unter anderem aus Gernhardts melancholischen Gesängen vom Falter und vom Lebensfenster bezaubernde Chansons mit Ohrwurm-Qualität, die nicht bloß die Greatest Hits vom Begründer der "Neuen Frankfurter Schule" abfeiern. So gibt es zwar ein Stelldichein mit dem Anti-Sonett, dem Traum vom Warzenschwein-Dasein und dem Hohelied auf die schwäbische Einöde ("Dich will ich loben: Häßliches, / du hast so was Verläßliches."), jedoch nicht mit dem masturbierenden Kragenbären oder dem auf Malertarif pochenden Picasso. Die Textauswahl schafft den von Gernhardt beschworenen "Späten Spagat" (so der Titel des berührenden letzten Gedichtbands) zwischen stilvoller Schweinigelei und den ernsten Tönen, die Gernhardt vor allem in seinen letzten Jahren seit dem Buch "Körper in Cafés" anschlagen sollte.

Ein nuancenreiches, zur Premiere mit viel Begeisterung aufgenommenes Programm, das sich ausgesprochen gut in das Repertoire des Theaterkahns einfügen dürfte, wo auch Gernhardts Vorreitern Kästner und Ringelnatz gehuldigt wird. Noch so zwei Humorverdächtige, die für den Lorbeerkranz eigentlich zu schade sind.

Wieland Schwanebeck

nächste Vorstellungen: 20. & 21.7. im Tom-Pauls-Theater (Pirna), 1. & 2.9. auf dem Theaterkahn

www.theaterkahn-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.07.2012

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