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Gleichnis für den aufrechten Gang - Zum 80. Geburtstag des Dresdner Bildhauers Helmut Heinze

Gleichnis für den aufrechten Gang - Zum 80. Geburtstag des Dresdner Bildhauers Helmut Heinze

Im Jahr 1972 trat der Bildhauer Helmut Heinze die Nachfolge seines hochverehrten Lehrers Hans Steger an der HfBK Dresden an und blieb dort als Leiter einer Bildhauerklasse bis zu seiner Emeritierung 1997. Das allein belegt schon die besondere Kontinuität des "nie angekommenen Suchers", des heiteren Streiters für die Kunst, der sich und den Idealen des Humanismus treu geblieben ist und unbestechlich durch die Jahre der Bevormundung mutig seinen Weg ging.

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Helmut Heinze bei der Arbeit an der Plastik "Chor der Überlebenden" im November 2011.

Quelle: Ludwig Heinze

Viele seiner Schüler sprechen anerkennend von ihm, erinnern sich an ihn als angenehm-einfühlenden Lehrer und Künstler mit großem Charisma. Einer seiner Studienfreunde war Gerhard Richter, mit dem er nach der Teilung und dem Fall der Mauer eine alte Freundschaft wieder aufnahm. Mit vielen bedeutenden Persönlichkeiten von Kunst und Politik ist er in wacher Gemeinsamkeit verbunden. Heute begeht der Bildhauer seinen 80. Geburtstag.

Für das Werk von Helmut Heinze, das in langer Tradition steht, waren Hans Stegers Prinzipien der Bildhauerei und Plastik wegweisend. Als konsequenter Geist offenbarte sich Steger mit besonderer Kraft im Porträt in seinem allseitigen Denken. Er war Schüler von Wilhelm Gerstel in Berlin, der in seinem unveröffentlichtem Buch über Plastik sinngemäß schrieb, dass "wirkliche Körperlichkeit", das Volumen, wichtiger sei als Oberfläche und Detail. Gerstel trug mit seiner Auffassung die Idee von der figürlichen Plastik weiter. Neben Hans Steger waren Hermann Blumenthal, Fritz Cremer, Waldemar Grzimek und Gustav Seitz seine bekanntesten Schüler.

Helmut Heinze arbeitet aus dem Porträt heraus. Die charakteristische Form des Kopfes bildet mit dem Körper eine Einheit, die der Künstler beachten und sichtbar machen muss. Auf diese, von der Natur vorgegebenen Gesetzmäßigkeiten der plastischen Kunst bezieht sich Helmut Heinze in seinem gesamten Werk, wenngleich er sich auch an abstrakt-informellen Herangehensweisen erprobt, bei der die Form des Körpers nadelförmig gestreckt wird und durch den Guss ihre eigenwillig-krustig-schütteren Oberflächen mit ihren partikelhaftigen Kräuselungen erhält. Helmut Heinze umschreibt dies mit dem Begriff der "psychisierten Materie". Das bedeutet auch, dass, wie es so eindrucksvoll Thomas Mann in seiner Erzählung "Die vertauschten Köpfe" (ein Lieblingswerk von ihm) dargestellt hat, die Psyche den Charakter des Körperlichen bestimmt. Das entsprach der "angewandten Psychologie" (H.H.) seines Lehrers Hans Steger. Neben einer vertikalen Streckung und Betonung des Aufrechten ist Helmut Heinzes Arbeit vor allem realistisch, wie die charakteristische Statuette von "Dr. Fritz Löffler" (1996/97) oder der "Angler (1959, Bronze). Die Bronze "Don Quichotte stürzend" (1999) verweist auf die Bedeutung Giacomettis für Heinze.

Bekannt geworden aber ist der Bildhauer vor allem durch seine Porträts des Schauspielers Friedrich Wilhelm Junge (1976, Bronze) und des Malers Bernhard Kretzschmar (Porträt, 1972 und Statuette 1973), seinem großen Anreger in Lebens-und Kunstdingen. Sein enger künstlerischer Bezug zur eigenen Familie drückt sich in den Bronzen seiner Söhne Christof (als Soldat in schweren Zeiten) und Ludwig in zahlreichen Knabentorsi aus. Damals war es ihm durch die Nähe zu seinen Söhnen möglich, sich auf sein Wesentliches zurückzuziehen und ideologiefern arbeiten zu können. Mit dem Porträt von Rose Hoffmann (1975), der Frau des Bildhauers Eugen Hoffmann, die als Jüdin Flucht, Krieg und Emigration erlebte, und dem "Janus Objekt" (2000) mit der Totenmaske von Friedrich Nietzsche erreichte der Künstler einen seiner künstlerischen Glanzpunkte.

In den 60er Jahren entstand bereits die einfigurige Plastik "Überlebender" (sowie Zeichnungen und Bronzegüsse) für ein geplantes Mahnmal für die Opfer der Bombenangriffe auf Coventry und Dresden. Danach schuf Heinze 1981/82 zweifigurige Bronzen (sie waren 1985 in einer Ausstellung der Staatlichen Kunstsammlungen zu sehen), 2008 eine beachtenswerte siebenfigurige Bronze und nochmals eine zweifigurige Gruppe in Bronze. Für die abstrahierenden Formen der solitären Körper haben ihn die Ruinen nach dem Angriff inspiriert, die stehengebliebenen Teile von Häusern, die wie verletzte Säulen in den Himmel ragten. Der zweifigurige Bronzeentwurf von 2008 entstand im Wachsausschmelzverfahren, wie auch die anderen Entwürfe: In dem bekannten "War Requiem" von Benjamin Britten, das zur Einweihung der neuen St Michael's Cathedral in Coventry 1962 erklang, treffen sich ein britischer und ein deutscher Soldat und können keinen Hass mehr füreinander empfinden. Der Gedanke der Begegnung und der Versöhnung zweier Überlebender auf dem Trümmern des Krieges klingt in diesem Bronzeentwurf besonders anschaulich an.

Helmut Heinzes Credo "vom Abbild zum Sinnbild" verweist auf seine beharrliche Suche in der Begegnung mit dem einzelnen Menschen, dem konkreten Erlebnis. Dabei hat er ein besonderes Talent zur Freundschaft entwickelt, die Kollegen und Freunde an ihm schätzen. Dort liegen übrigens auch seine schöpferischen Potenzen als Bildhauer, auf dem Weg vom Modell zum Partner und Gegenüber, der ihm oft Freund war oder es wurde. Seine figürlichen Plastiken, besonders die "Stehenden" sind ein Gleichnis für den aufrechten Gang als eine Haltung, die nur dem Menschen eigen ist: Körperlich und seelisch-moralisch. Nur so, im Fallen und Aufstehn von Generation zu Generation, gestaltet sich Geschichte zu einem lebendigen Prozess.

Ausstellung: Helmut Heinze, Chor der Überlebenden - Entwürfe für die Opfer der Bombenangriffe auf Coventry und Dresden, Erika Simmank-Heinze, Kostümentwürfe für das Theater

Bis 1.7., Galerie im Geburtshaus Ernst Rietschels, Rietschelstr. 16, Pulsnitz.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 25.04.2012

Heinz Weißflog

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