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Gleich zweimal ließen Schiller im Dresdner Rundkino ihre Klangwelten wirken

Gleich zweimal ließen Schiller im Dresdner Rundkino ihre Klangwelten wirken

Wer Schiller durch seine "Neuen Klangwelten" folgen möchte, muss sich sicherlich von vielen antrainierten Hörgewohnheiten befreien und sich die Zeit nehmen, um Musik aus einem etwas anderen Blickwinkel zu betrachten.

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Ein Mann zwischen Scheinwerfern, die wiederum ihre eigene Rolle spielen: Christopher von Deylen alias Schilller.

Quelle: Patrick Johannsen

"Elektronik pur" ist nahezu alles, was von Schiller in den letzten Jahren zu hören war, schon das ist ein Fakt, der nicht außer Acht gelassen werden darf, bevor die Köpfe in die ausladenden Sessel des Rundkinos gedrückt werden, die Beine bequem übereinanderzuschlagen und die Augen zu schließen sind, soweit die Hinweise auf dem Beipackzettel, welchen Fans gern weitergeben.

Christopher von Deylen spielt mit der Vorstellungskraft seiner Hörer. Immer wieder führt er sein Auditorium an die Grenzen des Wahrnehmbaren und durchbricht im gleichen Augenblick die Mauern, die über Jahre hinweg um die Klassische Musik gebaut wurden. Sein Publikum ist ungemein hellhörig, sucht alle Nuancen der Stücke und beherzigt jene Regeln, wie sich die Suche nach der spürbaren "Ruhe" am besten erleben lässt. Denn: " ... das höchste Glück auf Erden kommt oft nur durch Einsamkeit in das Herz". Eine Situation, in die man zumindest während der Schiller-Konzerte nur ausgesprochen selten kommt. Deshalb bewegten sich die Gäste am Sonnabend bereitwillig aus eigener Kraft in andere Sphären oder ließen sich zumindest dorthin transportieren, indem tatsächlich viele ihre Augen schlossen und sich auf eine ungemein angenehme Reise erster Klasse begaben. Der Rahmen, der den Passagieren geboten wurde, war denkbar schön mit der Akustik eines Kinosaales, der Beinfreiheit und allen anderen Annehmlichkeiten, die kaum so zusammenkommen wie eben in einem Raum im dunklen Rot, ohne Schnörkel und Spielereien, die einem Lustwandler im Wege stehen könnten.

Durch das Dunkel des Abends schickte Schiller die ersten Ohrboten. Was bei Haydn der Paukenschlag war, das ist bei von Deylen der Scheinwerfer, der konträr der zelebrierten Sphäre die Hörer aus der gefunden Sicherheit reißt und hinabstürzt. Vorbei die Aussicht, vorbei die schöne Vertrautheit. Das Konzert beginnt damit so, wie es zwei Stunden später enden sollte, mit langen geradlinigen Klangstrukturen, wie sie keinem konventionellen Instrument zu entlocken sind, pulsierenden Rhythmen, effektreich verzierten Beats und einer theatralischen Inszenierung.

Schillers "Exposition" erinnerte an einen Versuch, zugeschnitten und fokussiert auf ein Kopfkino, welches punktgenau die entsprechenden Klangbilder erzeugt - auch ein schöner Zufall, dass das Rundkino als Ersatzspielstätte für den Kulturpalast passte wie die Faust aufs Auge.

Bei aller Zauberhaftigkeit, die Schillers Musik innewohnt, hinkte das Lichtspiel allerdings der modernen Klangsprache ordentlich hinterher. Streckenweise konnte maximal gemutmaßt werden, dass eine Minimalisierung hier das Gebot der Stunde sein sollte, doch dann wurde das Auge permanent in die Irre geführt, weil die Musik überhaupt nichts von Reduktion versprühte, da ging es vielmehr darum, Klänge und Kollagen zu verdichten - was immer wieder funktionierte und den gefühlten Höhepunkt dann erreichte, als die Atmosphäre einer sich langsam in Bewegung setzenden Stadt als Bett unter die "Gymnopedie no 1 with Helene Grimaud" ausgebreitet wurde - sowohl auf der aktuellen Platte "Opus" als auch im Konzert der Höhepunkt, der selbst mit hinlänglich bekannten Klassikern mangels Chancengleichheit nicht konkurrieren konnte. Selbst das "Glockenspiel", mit dem die Zugabe geschmückt wurde, war dem nicht gewachsen, was Schiller im zweiten Teil seiner gesplitteten Show anbot. Während anfangs vertraute Strukturen im Vordergrund standen, vertiefte von Deylen nach der Pause seine neuen Spielereien, angenehm orchestral, verblüffend stringent und fesselnd modern - eben so, wie ein Ort sich anfühlt, an dem die Ruhe spürbar wird.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 11.11.2013

Stephan Wiegand

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