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Glanzzeit der Dresdner Oper: Erinnerung an Generalmusikdirektor Ernst von Schuch zum 100. Todestag

Glanzzeit der Dresdner Oper: Erinnerung an Generalmusikdirektor Ernst von Schuch zum 100. Todestag

Insgesamt 42 Jahre wirkte Ernst von Schuch in Dresden. 25-jährig kam der am 23. November 1846 in Graz Geborene, der dort sowie in Wien Musik und Jura studiert hatte, in die Elbestadt.

Eine fünfjährige Theaterlaufbahn als Anfänger in Breslau, Würzburg, Graz und Basel lag hinter ihm, als er im Frühjahr 1872 als musikalischer Leiter einer italienischen Operntruppe mit Aufführungen von Donizettis "Don Pasquale" und Rossinis "Barbier von Sevilla" in dem vom Volksmund gern als Bretterbude bezeichneten Interimstheater in Dresden gastierte. Dieses hatte man nach dem Brand des ersten Semperbaues am 21. September 1869 am Zwingerwall rasch errichtet.

Bis zur Eröffnung der zweiten Semperschen Spielstätte am 2. Februar 1878 residierte hier die Königliche Hofoper, an die der junge, auffallend erfolgreiche Dresden-Debütant sogleich per 1. August 1872 als Musikdirektor verpflichtet wurde. Schon im Folgejahr erhielt er die Berufung als Hofkapellmeister, zunächst neben dem alternden Julius Rietz (bis 1877) und dessen Nachfolger Franz Wüllner (bis 1882). Schuch, der sich als geborener Theater- und ebenso hervorragender Konzertdirigent erwiesen hatte, erklomm mit den Ernennungen zum Operndirektor (1882) und schließlich zum Generalmusikdirektor (1889) in Personalunion die Karriereleiter am Hause bis ganz oben. Es begann die Ära Schuch, eines der wohl wichtigsten, zugleich nachhaltigsten Kapitel der Dresdner Operngeschichte. Der auch vom Dresdner Hof Geschätzte wurde 1897 mit dem österreichischen Erbrechts-Titel geadelt. Die sächsische Adelsanerkennung erhielt er 1909.

Das souveräne Wirken des Künstlers an der Spitze der Dresdner Oper und der Hofkapelle war einzigartig. Sein musikalisches Können und Temperament, die selbstlose Amtsführung, immense Einsatzbereitschaft, der Spürsinn und das Geschick, ein hochgelobtes Ensemble trefflicher Einzelpersönlichkeiten zusammenzustellen, Sängertalente zu entdecken und zu fördern, in der Orchesterbehandlung neue Qualitätsmaßstäbe zu begründen, verschafften ihm und den von ihm geführten Ensembles weltweites Ansehen. Seine ganze berufliche Konzentration und Bindung galt dem Dresdner Institut. Dafür wurde er von seinem künstlerischen Personal hoch geschätzt. Keinem anderen Opernhaus gelang es je, Schuch von Dresden wegzulocken. Er war kein Reisedirigent, auch wenn er nach 1900 gelegentlich in Wien, Berlin, München, New York dirigierte, gar in Italien und Russland gastierte.

Von Anfang an galt der Repertoire-Erneuerung Schuchs ganzes Augenmerk. Herkommend von der italienischen Oper, für die er schon in jungen Jahren ein besonderes Gespür entwickelt hatte, näherte er sich zunehmend auch der Spiritualität und Eleganz des französischen Musiktheaters, ohne zugleich die deutschsprachige Opernproduktion zu vernachlässigen. Selbst Raritäten wie Robert Schumanns "Genoveva" (1882) und C. M. von Webers "Die drei Pintos" (in der Bearbeitung Mahlers 1888) wurden aufgeführt. Auch für das slawische Opernschaffen, insbesondere das russische und tschechische, aber auch polnische, zeigte er spürbares Interesse.

Geradezu Unternehmungsgeist und Mut bewies er mit der Entdeckung zeitgenössischer Bühnenwerke. Bei 51 Uraufführungen und 117 Erstaufführungen neuer Stücke in seiner Amtszeit kam es natürlich auch zu Rückschlägen, so etwa bei dem beharrlichen Einsatz für August Bungerts Tetralogie "Homerische Welt" (1889-1903), mit der der aus Mülheim an der Ruhr stammende Dichterkomponist vergeblich versuchte, sich neben Wagners "Ring des Nibelungen" zu stellen. Andere Komponisten wie Anton Rubinstein, Wilhelm Kienzl, Felix Draeseke, Karl Goldmark, Leo Blech, Max von Schillings, Ignaz Paderewski, Eugen d'Albert, Ernst von Dohnányi und Engelbert Humperdinck hatten größtenteils mehr Glück mit ihren Schöpfungen, wenn sich Schuch für deren Aufführungen entschied. Mit der "Rigoletto"-Premiere im Dezember 1874 begann der Dirigent den Aufbau seines Verdi-Repertoires und anderer italienischer Komponisten, so Puccini, den er in Dresden einführte.

Bereits im September 1872 und im Januar 1873 hatte er Vorstellungen der Wagner-Opern "Lohengrin" und "Rienzi" geleitet. Im Laufe seiner Dresdner Zeit dirigierte er schließlich sämtliche Opern des Komponisten, 1886 zum ersten Male auch drei komplette "Ring"-Aufführungen und anlässlich Wagners 100. Geburtstags im Mai 1913 die erste Serie der zweiten "Ring"-Aufführungen in der Inszenierung Georg Tollers. Vorausgegangen war zu seinem eigenen 40. Dienstjubiläum am 22. September 1912 eine Aufführung der "Meistersinger von Nürnberg". Seine letzte Dresdner Wagner-Premiere galt am 24. März 1914 dem "Parsifal".

Richard Strauss bezeichnete Schuch zunächst als ein "großes Dirigiertalent, jedoch als eine recht bescheidene Kapellmeister-Subalternität" und etwas später gar "als alten Routinier". Das änderte sich, als sich der Dirigent immer mehr als großer Förderer und gar als Freund des Komponisten erwies, der vier seiner Opern, "Feuersnot" (1901), "Salome" (1905), "Elektra" (1909) und "Rosenkavalier" (1911) uraufführte und darüber hinaus seine sinfonischen Werke in den Konzerten der Dresdner Kapelle, der Strauss nach eigenem Zeugnis die "schönsten Erfolge" verdankte, systematisch aufführte. Damit hatte Schuch zugleich deren hohes Niveau und ihren Ruf als eines wahren Strauss-Orchesters begründet. Und schließlich war Strauss mit dem "gewissenhaften Wunder Schuch" zufrieden, kritisierte aber immer noch boshaft dessen Zurückhaltung als Begleiter der Sänger, "habe er doch diese löbliche Tugend soweit gesteigert, dass selbst Wagnersche Partituren etwas unbedeutend klangen". Während der "Elektra"-Proben drängte er ihn sogar ständig, "mit mehr Schwung zu dirigieren". Doch am Premierenabend war dann "alles tadellos".

An anderer Stelle heißt es bei Strauss: "Schuchs Spezialität waren Striche, er hat nie eine Oper ohne Striche dirigiert und war besonders stolz, wenn er an einer neuen Oper gleich einen ganzen Akt weglassen konnte". Selbst nach dem Riesenerfolg der "Rosenkavalier"-Premiere sei Schuch sofort daran gegangen, "die furchtbarsten Striche" vorzunehmen. Diese wurden dann von den anderen Theatern kopiert. Strauss musste jahrelang kämpfen, um sie wieder rückgängig zu machen. Kein Geringerer als Max Reinhardt, der in letzter Minute für die Dresdner Inszenierung noch zur Hilfe Gerufene, hatte Regie geführt. Ein denkwürdiges Sängerensemble gab dem Werk Glanz und Tiefe. Angeführt wurde es von Margarethe Siems (Marschallin), Eva von der Osten (Octavian), Minie Nast (Sophie) und Karl Perron (Ochs auf Lerchenau). Wochenlang brachten Sonderzüge die Scharen begeisterter Theaterbesucher aus Berlin, Leipzig und Prag nach Dresden. "Es war das letzte ganz sorgenfreie internationale Theaterfest des Europas vor dem 1. Weltkriege", wie der österreichische Schriftsteller und Theaterwissenschaftler Joseph Gregor bekundete, der bekanntlich die Libretti zu Strauss' Spätwerken "Friedenstag", "Daphne" und "Die Liebe der Danae" schrieb.

Anfang Dezember 1913 leitete Schuch die beiden Einakter "Das Glockenspiel" von Jan Brandts-Buys und "Der Liebhaber als Arzt" von Ermanno Wolf-Ferrari als seine letzten Uraufführungen. In einer Aufführung des "Barbier von Sevilla", in der zudem seine Tochter die Rosina verkörperte, stand Ernst von Schuch am 26. April 1914 letztmalig am Pult der Dresdner Hofkapelle. Am 10. Mai 1914 verstarb er in seiner Villa in Kötzschenbroda (heute Radebeul-West) auf der inzwischen nach ihm benannten Straße in unmittelbarer Nähe zu den Landesbühnen. Auf dem dortigen Friedhof ist er in der Familiengruft beigesetzt.

Keinesfalls vergessen sei in der Würdigung des großen Dirigenten weder seine 1875 erfolgte Eheschließung mit Clementine Schuch-Procháska (genannt Proska; 1850-1932), die in den Jahren 1873 bis 1904 als angesehene Koloratursopranistin dem berühmten Opernensemble ihres Mannes angehörte, noch beider Tochter Liesel von Schuch (1891-1990), die von 1914 bis 1935 das lyrische Sopran- und Koloraturfach ebenfalls höchst erfolgreich im Dresdner Ensemble sang und auch als geschätzte Konzertsängerin, so bei Kreuzchor und Philharmonie, in Erscheinung trat. Am 12. Dezember 1988, ihrem 97. Geburtstag, wurde sie zur Ehrenbürgerin der Stadt Dresden ernannt und damit das Wirken einer ganzen Familie für die Dresdner Oper geehrt.

Ausstellungen

Im Dresdner Stadtmuseum ist ab Sonnabend die von Andrea Rudolph kuratierte und gelungene Sonderausstellung "Die Schuchs - eine Künstlerfamilie in Dresden" zu sehen. Sie basiert auf dem glücklichen Umstand, dass die weit verzweigten Schuchs zahlreiche Stücke aus ihrem persönlichen Besitz, gerettet über Feuersbrünste, Nachkriegswirren, Flucht, Umzüge und mehr, dem Museum übereignet haben und damit ermöglichen, die Geschichte dieser prägenden Familie mit authentischen Zeugnissen zu erzählen. Wie enthusiastisch sich die Nachkommen dem Erbe des berühmten Hofkapellmeisters verbunden und verpflichtet fühlen, zeigt, dass zur Ausstellungspräsentation gestern u.a. zwei betagte Enkelinnen Ernst von Schuchs, Brigitte Bela und Sabine Lämmel, sowie drei Urenkel gekommen waren. Die Ausstellung im Stadtmuseum läuft bis 28. September (Di-So 10-18 Uhr, Fr 10-19 Uhr). Es gibt Vorträge, Führungen, Musikveranstaltungen; im Sandstein Verlag ist zudem ein sehr lesenswertes Begleitbuch erschienen (14 Euro im Museumsshop).

Anlässlich des 100. Todestages Ernst von Schuchs und des 150. Geburtstages des Komponisten Richard Strauss zeigt das Robert-Sterl-Haus in Naundorf die Ausstellung "Alles stark faszinierend": eine Auswahl der besten Schuch-Zeichnungen und -Lithografien aus dem Künstlernachlass (Robert-Sterl-Straße 30 in Naundorf, Do-So 10-17 Uhr).

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 09.05.2014

Dieter Härtwig

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