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Giuseppe Sinopoli, der einstige Chefdirigent der Staatskapelle Dresden, wäre 70 alt geworden

Erinnerung Giuseppe Sinopoli, der einstige Chefdirigent der Staatskapelle Dresden, wäre 70 alt geworden

Mut aus Krisen zu gewinnen, Größe sogar – das begleitete Giuseppe Sinopoli bis zum letzten Tag, als er 2001 am Dirigentenpult in Berlin zusammenbrach. Am 2. November 2016 wäre der einstige Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle 70 Jahre alt geworden.

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Giuseppe Sinopoli 1998 bei der Staatskapelle Dresden

Quelle: Matthias Creutziger

Dresden. Dass Venedig seit Jahrhunderten Künstler aller Sparten anzieht und inspiriert, wundert keinen, der jemals die Serenissima an der Adria besucht hat. Nicht ganz so selbstverständlich ist, dass die Lagunenstadt, rein statistisch seit der Mitte des 19. Jahrhunderts nur mehr von mittlerer Größe, bis in die Gegenwart auch selbst wieder und wieder kreative Geister hervorgebracht hat. Giuseppe Sinopoli, der dort vor 70 Jahren geboren wurde, gehört unbedingt dazu, auch wenn er seine Kinderjahre vorwiegend im sizilianischen Messina verbrachte. Doch als es ernst wurde, ans Erwachsenwerden, Studieren und den beruflichen Einstieg ging, sah ihn die Heimat wieder, prägte und formte sein Tun auch, als er längst eine internationale Größe als Dirigent und Komponist, London, Berlin, Bayreuth und im letzten Jahrzehnt Dresden seine Orte geworden waren.

Das Oszillierende, flimmernd-Nervöse, aber damit auch ungeheuer Belebende der venezianischen Atmosphäre hört man in seiner „Lou Salomé“-Oper wieder und erlebte es als elektrisierendes Prickeln selbst dann, wenn er Repertoire dirigierte, das dem Mediterranen so gänzlich fremd ist wie die Sinfonien Schumanns oder Bruckners. Und es verbindet sich, bei diesem Komponisten wie vielen anderen, mit dem leise Morbiden, Dekadenten, dem Wissen, mitten im Leben dem Tode verfallen zu sein; venezianischer Geist auch das, eingesaugt vom alternden Wagner, der Sinopolis Pendelbewegung zwischen Sizilien und Venedig quasi vorweggenommen hatte, von Thomas Mann und vielen anderen.

Dem Musiker aber, der sich nicht nur nebenbei, sondern mit akademischen Würden auch als Mediziner, Psychologe und Archäologe gebildet hatte (wobei dieses Fluktuieren zwischen den Disziplinen schon selbst ein Ausdruck jenes ihn hetzenden wie inspirierenden Überdrucks war, der sein Leben prägte und wohl auch verkürzte), war so etwas nicht nur Atmosphäre, sondern auch Gegenstand intensiver wissenschaftlicher wie poetischer und emotionaler Vertiefung. Dass er den Komponisten des „Fin de Siècle“ – Mahler, Strauss – besonders nahe kam, hat mit solchen inneren Resonanzräumen zu tun und führte im positiven Falle zu einem kompletten (und durchaus auch gefährdet-gefährlichen, vor Abstürzen nie ganz gesicherten) Ineinandergehen von kompositorischer Intention und Interpretation.

Mut aus Krisen zu gewinnen, Größe sogar – das begleitete ihn bis zum letzten Tag. Denn es war ja ein Gedenk- und Versöhnungsdirigat für den einst im Streit verlassenen Weggefährten Götz Friedrich, bei dem er im April 2001 im dritten „Aida“-Akt am Pult zusammenbrach und dadurch die bis heute mögliche Gegenwart – was wäre 70 für ein herrliches Dirigenten-Alter, auch wenn er es, dem aktuellen Brauchtum gemäß, wohl kaum noch an der Elbe gefeiert hätte – abschnitt. Verdi also, von dem er besonders das Frühwerk neu erschloss, hitzig detonierend und dennoch mit souveränem Kalkül, als letztes Wort: Auch das passt. Denn hinter allem Tun und Sich-Verbrennen stand für Sinopoli wie ehedem für den Opern-Maestro die tiefe Liebe zum Menschlichen – und gerade deswegen auch die Neugier auf dessen Extreme.

So dürften das auch die Musiker der Sächsischen Staatskapelle, zu denen er 1992, nach einigen Jahren des allmählichen Heranzoomens, schließlich als Chef gekommen war, und ihre Hörer in Dresden und anderswo gesehen haben. Sinopoli sei, so äußerte sich unter der Erschütterung der Todesnachricht der damalige Orchestervorstand, der erste Dirigent der Kapelle gewesen, der mit der Zeit immer beliebter wurde und es verstanden habe, sich mehr und mehr in die „Seele“ des Ensembles einzuleben. Die Musiker wussten besonders gut, wovon sie sprachen und was verloren gegangen war: hatte sich der Italiener doch damals nach langem Zögern endlich entschieden, auch die künstlerische Leitung der Semperoper unter seine Verantwortung zu nehmen.

Nun ist es müßig, den Musikbühnen- gegen den Konzertdirigenten auszuspielen; glücklicher Weise kannten ihn ja auch die Dresdner seit seiner „Frau ohne Schatten“ von 1996 schon in beiden Rollen – und konnten erleben, wie da einer im Graben nicht nur gleich auf gleicher Höhe agiert wie vor dem puren Orchester, sondern die Qualitäten beider Aufführungsformen – punktgenaue Konzentration wie mitfühlende und -gehende Flexibilität, Führungskraft wie die Fähigkeit, sich einem Ganzen einzuordnen – hier wie dort ins jeweils andere „Medium“ mitzunehmen versteht. Und weil schon das trotz der aktuellen Pult-Prominentenexplosion, sei sie verdient oder nur medial herbeigeschwallt, recht selten geworden ist, spürt man umso mehr, wie sehr er fehlt.

Von Gerald Felber

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