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Giovanni di Lorenzo in Dresden: Kritik und Selbstkritik eines Chefredakteurs

Dresdner Reden Giovanni di Lorenzo in Dresden: Kritik und Selbstkritik eines Chefredakteurs

ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo hatte im Dresdner Schauspielhaus gestern einen weitaus gehaltvolleren Auftritt als bei der Präsentation der sächsischen ZEIT-Ausgabe an gleicher Stätte im Jahr 2009. Auch diesmal redete er unvermeidlich unter der angestrahlten goldenen Königskrone.

Archivbild

Quelle: dpa

Dresden.  ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo hatte im Dresdner Schauspielhaus gestern einen weitaus gehaltvolleren Auftritt als bei der Präsentation der sächsischen ZEIT-Ausgabe an gleicher Stätte im Jahr 2009. Auch diesmal redete er unvermeidlich unter der angestrahlten goldenen Königskrone. Aber sein Medienthema behandelte er in eigener Sache und trotzdem ehrlich und mit Abstand. Den zuhörenden Berufskollegen taten nicht nur seine Worte gut. Auch die an den richtigen Stellen applaudierenden Gäste im erneut restlos ausverkauften Haus zeigten, dass im Verhältnis zwischen Medien und ihren Rezipienten noch nicht alles verloren ist.

Selbstverständlich ist auch der seit 12 Jahren amtierende Chefredakteur von „Lügenpresse“-Rufen und dem schwindenden Vertrauen in Medien alarmiert. Eine Auftragsumfrage von infratest dimap ergab, dass nur noch 39 Prozent Medienberichten vertrauen, 60 Prozent wenig oder gar nicht. Ausdruck einer generellen Vertrauenskrise, die die Staatsordnung gefährde. Für diese Entwicklung macht der Chefredakteur sowohl die ahnungslosen oder ignoranten Bürger als auch seine eigene Zunft verantwortlich. Eine Dresdner Rede der Kritik und Selbstkritik.

Der Chefredakteur benannte den fatalen Irrtum, Meinungsfreiheit als Lizenz zur Diffamierung und Beschimpfung zu verstehen. Zur Illustration zitierte er die Fäkalsprache von Pegida-Oberhetzerin Tatjana Festerling, die auch noch als Ausdruck „deutschen Anstands“ gelten soll. Für di Lorenzo sind das „Beschimpfungen aus einer Parallelwelt, wo nur noch die eigene Meinung bestätigt werden will“. Hier sei vor allem im Netz eine fünfte Gewalt am Werk. Hanebüchene Verschwörungstheorien kursieren, nach denen beispielsweise Angela Merkel eine Tochter amerikanischer Juden sei, die nun mit zügelloser Einwanderung am deutschen Volkskörper Rache nehme. Den „Lügenpresse“-Rufern fehle außerdem meist jegliches Verständnis von journalistischen Prinzipien, redaktionellen Abläufen und Rechercheverfahren.

Der Redner glaubt an die Möglichkeit, hier aufklärend wirken zu können. Es wäre schon etwas gewonnen, wenn Leser zwischen Nachricht, Bericht und Kommentar unterscheiden lernten. Als vorbildlich empfindet er die Einladung an zwei Pegida-Anhänger, die einen ganzen Tag in der MDR-Redaktion Leipzig verbrachten und sich als lernfähig erwiesen. Viele wissen auch nicht, dass „Journalist“ keine geschützte Berufsbezeichnung ist. Vielleicht nicht die Hetzer, aber die Skeptiker hält di Lorenzo für erreichbar.

Den größeren Teil widmete der Premium-Journalist der eigenen Branche und dem Kollegenverhalten. Nicht, ohne die deutsche Medienlandschaft insgesamt als „eine der besten und unabhängigsten der Welt“ herauszustellen und auch seine Wochenzeitung indirekt ein bisschen zu loben. Denn diese so geschmähte Medienlandschaft sei auch ein „sich selbst korrigierendes System“.

Die Neigung zur Skandalisierung etwa verstärke bei Lesern letztlich den Trend zu fatalistischen Grundhaltungen, wenn Menschen sich von Übel umzingelt sehen. Im Wettbewerb um Leser und Zuschauer liefen manche Redaktionen heiß. Kampagnen wie die gegen den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff nannte di Lorenzo eine „Neuauflage des mittelalterlichen Prangers“. Etwas ausführlicher hätte der Redner auf das Phänomen eingehen können, dass nicht durch Befehle von oben oder Top-Down-Strukturen, sondern horizontal zwischen Journalisten oft ein „Gleichklang“ entsteht. Schon die Auswahl des „passenden“ Redaktionskollegiums begünstige solche Normierungsprozesse.

Heikelster Punkt ist die Beobachtung, dass mehr Menschengruppen sich und ihre Probleme nicht mehr vertreten fühlen. Auch als Exponent einer eher elitären Wochenzeitung warnte Giovanni di Lorenzo vor Herablassung und einer unverständlichen Sprache. Mehr noch vor dem „Kleinschreiben“ oder gar der Selektion von Themen wegen vermeintlicher politischer Inkorrektheit. „Probleme werden nicht durch Erwähnen, sondern durch Verschweigen groß“, mahnte der Chefredakteur. Die Fähigkeit, Fehler einzuräumen und zu korrigieren, billigt er aber seinen Kollegen zu. Beispielhaft führte er die Entschuldigung des ZDF für die späte Berichterstattung über die Kölner Silvesternacht an. „Wir sind die Staatsanwälte der Information, die Leser sind die Richter“, fasste er sein Ethos in ein Bild. Das Verhältnis zwischen beiden hält er in kleinen Schritten für verbesserungsfähig.

Völlig inakzeptabel aber bleiben die verbalen und physischen Attacken auf Journalisten. Es sei nicht hinnehmbar, wenn die Leipziger Internetzeitung ihre Live-Berichterstattung einstellen muss, weil der dafür nötige Polizeischutz nicht gewährt werden kann. Diese primitiven Hasser zielen auf den Staat, „der nur so lange akzeptiert wird, wie seine Regeln für alle gelten“. Die krasse Polarisierung und die im Präsidentschaftswahlkampf zutage tretenden Umstände in den USA gelten di Lorenzo als Warnung.

Einen Aspekt vermissten auch im Foyergespräch die informierteren Hörer. Der Redner sagte nichts zu Personaleinsparungen und Honorarkürzungen bei vielen Medien insbesondere im Printbereich, die einen Qualitätsjournalismus erschweren. Vielleicht kann man das vom Chefredakteur eines florierenden Blattes mit einer stabilen Halbmillionenauflage und üppigen Gehältern und Honoraren auch nicht erwarten. Giovanni di Lorenzo schloss mit der Ermunterung an seine Zuhörer und alle Sachsen, überall ihre humanistischen Überzeugungen zu vertreten. „Sachsen braucht Sie!“

Von Michael Bartsch

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