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Giant Sand waren im Beatpol in gigantischer Spiellaune

Giant Sand waren im Beatpol in gigantischer Spiellaune

In einer Parkettritze regt sich etwas Grünes. Es ist die Ahnung von einem kleinen Kaktus, der sich zur Beatpol-Decke streckt und im Laufe der nächsten Stunde die gefühlte Größe von zwei Metern erreicht.

99 Prozent Luftfeuchte im Saal, 39einhalb Celsiusse, vorn auf der Bühne eine Art Fata Morgana, eine Band aus Tucson/Arizona, die Hitze aus der Heimat nur zu gut kennt. "It's still not hot enough", knödelt der Sänger. Man solle die Klimaanlage langsam herunterfahren oder ganz abstellen. Klimaanlage im Beatpol - alles klar! Am Ende wundert sich Howe Gelb, der Chef dieser x-ten Besetzung mit Namen Giant Sand, dass man in Europa zwar stets sehr aufmerksam sei und der Standard generell höher, nur dass man die komischen Sachen, die er sagt, kaum verstehe. Das Lachen sei sehr nervös. Hahaha, Mr. Gelb, feiner Spruch!

Dass er seine ironische Ader auch mit Miniorchester nicht verlieren würde, war gesetzt. Gelb ist bewusst, dass man hier keinerlei Feinheiten im Text goutieren mag, erst recht nicht, wenn eine "Country Rock Opera" ankündigt ist. Muss er eben Programmhefte verteilen wie bei "La Traviata". Einzig die Musik zählt, und hier bewiesen elf Freunde, dass sie gigantisch spiellaunig Rabatz machen können, trunken in Balladen sich wälzen, dass Mexiko wirklich nur den viel beschriebenen Steinwurf von Arizona entfernt ist, dass Dänen durchaus in Tucson geboren werden können (wie Geigerin Iris Jakobson). Sind sie es nicht, sondern auf Jütland und in angrenzenden Territorien, dann passen sie trotzdem in diese Truppe hinein. Die Deutschen Wenk und Zander beweisen das ja seit Monden bei Calexico, der gar nicht so buckligen Verwandtschaft von Giant Sand. Es geht, und es geht bestens. Mister Gelb, good luck, Sucker! Lassen Sie hören von sich und Ihrem straff durchkonzipierten Werk "Tucson"!

Zunächst, es erklang komplett. Zwar nicht in der vorgeschriebenen Reihenfolge der Stücke, denn es wäre zu billig und dem Giant-Gelb-Konzept nicht angemessen, dafür genial quer gebürstet und in weiten Teilen trefflich ausgaloppiert, gegen Ende gar mit dem Neuklassiker "Shiver" versehen. Muster gab es kaum, und wenn, dann hatten sie keinen Wert. Taumelnd zwischen blitzgescheitem Americana, Free-Rock, Mariachi und Cumbia, Barhocker-Jazz und einer zart ätherischen Variation auf klassische Country-Themen, pulverten sich Giant Giant Sand durchs Material. Elf Frauen und Männer, zum Teil fünf Gitarren, zwei Geigen, Lap-Steel, Gerassel, Standbass, rückgekoppeltes Gefiepe, der Chef ständig am Murmeln und dann wieder am Schmelzen - kurzum: Die Post war weg, sie war abgegangen. Dass es dabei auch im suggestiven "Caranito" eine Mitklatsch-Minute geben durfte, mag den Eisernen in der Giant-Sand-Fraktion durchaus erschrecken, an diesem Abend aber musste er das schlucken.

Die starke Fraktion mexikanisch-stämmiger Tucsonettis ist ein Pfund: Gelb-Zögling Brian Lopez durfte schon im Vorabset vor allem mit seiner geschulten Stimme brillieren, später packte er für "Love Comes Over You" das ganze Herzeleid hervor. Gabriel Sullivan ist zumeist für die Akustik-Gitarren-Glissandi und Akkordeon-Tiraden da, greift dann sehr ans Gemüt mit seiner wuchtigen Cocker-Stimme in "The Sun Belongs To You". Jon Villa ist der Mann für alles Trompeten und Pfeifen und Vorturner einer waghalsig schrägen Version von "Porque te vas", mit dem eine gewisse Jeannette schon 1974 alle jungfeuchten Träume zum Exzess trieb. Nicht wenige, die am Dienstag im Beatpol waren, werden wissen, was mit 1974 gemeint ist. Und die Musiker aus Aarhus wissen, was Howe Gelb meint. Sie touren seit Jahren mit ihm: Asger Christensen, Thøger T. Lund, Peter Dombernowski, Anders Pedersen, Nikolaj Heyman. Bliebe die schöne Lonna Kelley aus Phoenix/Arizona, die auf der engen Bühne etwas Beklemmung zu haben schien. Nur im wunderschönen Solo "Not The End Of The World", das sich wie eine Einladung zum Untergehen anhörte, machte sie sich richtig frei.

Gelb selbst gefiel sich an Keyboard und Diddley-Viereck-Gitarre als Dekonstruktor, der Liebklang nicht allzu lange zulässt. Genau dieses offen zerstörerische Element, diese Hinwendung zu Bruch und Fragmentierung unterscheidet Giant Sand von Calexico, nach denen sie diesmal oft genug klangen - für Momente. Sehr Mutige (man darf auch sagen Fiese) hörten genau darin etwas von Gelbs mutmaßlichem Frust über die Tatsache, dass es eben Joey Burns und John Convertino sind, die aus der alten Giant-Sand-Mannschaft den Schritt hin zu den Tausenden dieser Welt geschafft haben. Was sich mit der neuen Calexico-Platte im September nicht ändern dürfte. Im Gegenteil.

Kümmert es Howe Gelb wirklich? "Immer dieselben, immer anders", lautete der legendäre Spruch von John Peel über Giant Sand. Dem ist, so nüchtern es klingen mag, nichts annähernd Gewichtiges entgegenzusetzen.

Andreas Körner

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.08.2012

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