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Gewissensfragen mit Hagen Rether im Dresdner Schauspielhaus

Gewissensfragen mit Hagen Rether im Dresdner Schauspielhaus

"Na, wie ist die Freiheit?" Hagen Rether lässt die Frage zu Beginn seines Auftritts im Dresdner Schauspielhaus genüsslich im Raum stehen und muss weder tagesaktuelle Schlagzeilen noch Bilder aus blumenbekränzten Feierstunden beschwören, damit die vergiftete Gratulation zum Mauerfall-Jubiläum richtig begriffen wird.

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Hagen Rether

Quelle: dpa/Daniel Karmann

Wer mit bundespräsidialer Bräsigkeit über "Unrechtsstaaten" faselt und warme Worte ins Mikrophon säuselt, während die BRD ihren Rohstoffhunger am Hindukusch stillt, darf das gern tun, wird aber dafür von Rether erbarmungslos vorgeführt.

Wenn Kabarett das bequeme Mit-dem-Finger-Zeigen auf Pseudo-Skandälchen aus der Tagespresse ist, dann ist Hagen Rether wohl kein Kabarettist. Ihm geht es um Grundsätzliches, weswegen große Teile seines Programms "Liebe", mit dem er seit mehr als zehn Jahren auf Dauertournee ist, leider zeitlos bleiben und immer wieder dargeboten werden können. Die Übel, gegen die der studierte Pianist agitiert, bleiben dieselben: die Doppelmoral, die Geschichtsvergessenheit, der Antisemitismus. Wie wir Nullsätze schlucken und lähmende Dauerempörung mit politischem Engagement verwechseln. Wie wir bereitwillig unsere Orwell-Lektüre in den Wind schießen und biometrische Personalausweise sowie Payback-Überwachung akzeptieren, bei der Androhung eines fleischfreien Wochentags aber plötzlich Totalitarismus wittern. Rether ist kein Zyniker, aber der erklärte Feind einer zynischen Welt, und einer, der die Meta-Wut zelebriert: den gründlichen Zorn auf die Zornigen, die christliche Barmherzigkeit predigen und vielleicht noch die Ringparabel aufsagen können, aber leider nicht nach ihr handeln. Der brillante Rhetoriker, dessen Markenzeichen das von einigen Bananen geschmückte Klavier sowie der Bürostuhl sind, mit dem er es umkreist, bewegt sich abseits des Watschenbaums und treibt nicht die gleichen Säue durchs Dorf wie die Kollegen der Zunft. Wenn er doch einmal über Günther Oettingers Meucheleien an der englischen Sprache spottet (der schwäbelnde Euro-Fighter hat erst neulich übers "Wurstkäs"-Szenario philosophiert), dann schwingt beinah schon Mitleid für die derart Vorgeführten und Ausrangierten des politischen Betriebs mit.

Weit nachhaltiger ist Rethers Verbitterung über die Gesellschaft, die solcher Pseudo-Debatten und belangloser Amüsierhäppchen bedarf. Beschwört er als Kontrastfolie die politisierten 80er Jahre herauf - also eine Zeit, "als es noch ein Briefgeheimnis und Achselhaare gab" -, dann spricht da kein Nostalgiker, sondern einer, der noch erlebt hat, wie die Opposition und der kritische Verstand um parlamentarische Akzeptanz kämpfen mussten und tatsächlich etwas bewegen konnten. Heute geht das aufgeklärte Bionade-Biedermeier besserem Wissen zum Trotz in den Supermärkten einkaufen, deren Zulieferer indische Bauern in den Suizid treiben, und enthebt sich resignativ ("Wir ändern doch eh nix!") jeglicher Verantwortung. Vielleicht findet es sich deswegen auch im wie immer ausverkauften Gastspiel Rethers wieder, um zumindest eine Andeutung von Katharsis (wenn auch nicht Absolution) zu erfahren und wieder zu lernen, dass man kämpfen muss - um Souveränität und um Gerechtigkeit. "Bei Pest oder Cholera", so analysiert Rether nachvollziehbar, "da wähl ich doch Cholera - mit Dünnschiss wird man fertig!" Hieraus erklärt sich auch sein Aufruf, ungeachtet aller Strukturprobleme des parlamentarischen Betriebs wählen zu gehen. Das sei wie beim Zähneputzen: "Wenn du's nicht machst, wird's braun."

Nach der Pause drosselt Rether sein eigenes Tempo, nimmt das Publikum, das ihm an diesem Abend beinah vier Stunden lang die Treue hält, aber umso mehr in die Pflicht und verabreicht Pointen allenfalls noch in homöopathischen Dosen ("Glauben Sie nicht, dass Sie lachen müssen, bloß weil das hier ,Kabarett' heißt!"). Mit Liedern von einer besseren Welt ("Blackbird" von den Beatles sowie "Over the Rainbow") entlässt er die Besucher, auf dass sie ihre andauernde Suche nach Mündigkeit fortsetzen mögen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 11.11.2014

Wieland Schwanebeck

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