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Gestrandet in der Agonie: Andreas Kriegenburgs Dresdner Inszenierung "Was ihr wollt"

Gestrandet in der Agonie: Andreas Kriegenburgs Dresdner Inszenierung "Was ihr wollt"

Präzision ist sicherlich eine hervorstechende Eigenschaft auch dieser Inszenierung von Andreas Kriegenburg und sogar auch in der gewollten Auflösung der Form, bis ins ausuferndste, absichtsvoll überflüssigste Detail.

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In karminroten Uniformen mit Nazioptik: Mathias Bleier, Matthias Luckey, Yohanna Schwertfeger und Duran Özer.

Quelle: Matthias Horn

Doch was ist, was mag sie sein, die Absicht dieser Aufführung von William Shakespeares "Was ihr wollt" im Dresdner Schauspielhaus? Dramaturg Robert Koall macht in seinem mit "Außerhalb der Vernunft" überschriebenen Programmheftbeitrag den Zuschauer ein wenig mit der bitteren Dialektik des Dichters vertraut sowie - ebenso folgerichtig wie im konkreten Falle überflüssig - darauf aufmerksam, dass es sich bei der Insel Illyrien, auf der die schiffbrüchigen Geschwister Viola und Sebastian ohne Wissen voneinander stranden, keineswegs um eine freundlich-verschrobene Idylle handelt. Vielmehr ist es recht eigentlich ein Reich des Schreckens, in dem dieser Herzog Orsino herrscht, der sich doch, so weit noch erinnerlich, nur nach der Liebe der Gräfin Olivia sehnt und verzehrt, hier aber vor allem martialisch die Puppen tanzen lässt.

Nicht nur er selbst, sein ganzer Hof, die Einwanderer wider Willen, die unliebsamen, schmarotzenden Gäste Olivias, der Narr - sie alle sind letztlich nur Chargen in einem persiflierten Militärstaatszirkus, der nach dem Willen des Regisseurs und Bühnenbildners zwischen Bunker- und protzig kalter Säulenarchitektur seine Possen treibt. Wie das Leben so spielt: nichtsahnend mit dieser Bilderflut konfrontiert, aber Helge Schneiders "Mein Führer" noch ganz frisch im Gedächtnis, traf für mich die eine Parodie wie die Faust aufs Auge der anderen: Christian Erdmann, modisch kokettierend bis überdeutlich karikierend, ahmt mehr oder weniger gewollt/deutlich die Diktion des Gröfaz nach, platziert sich auf dem Rücken eines Untergebenen am Schreibtisch und gibt die erneute Werbung um die Gräfin als Tagesbefehl aus. Es herrscht der Zustand allgemeiner ästhetischen Nötigung durch die Optik der Naziuniform, die in der Verfremdung durch operettenhaft erotisches Karminrot noch penetranter und abstoßender wirken müsste, weil damit nur nicht jeder weiteren Persiflage und Verballhornung der Weg gewiesen wird, sondern auch falscher Verniedlichung, Pikanterie und Sentimentalität. Was jedoch entsteht bzw. offensichtlich wahrgenommen wird, ist, neben einer besonderen Art von Durchsichtigkeit, vor allem schrille Maskerade, Event, Pop. Ja gewiss, das Theater darf sich solche Geschmacklosigkeit erlauben, doch zu welchem Zweck?

Um bestätigt zu sehen, dass 75 Jahre nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs der Hitlerei keine neuen Aspekte mehr abzugewinnen sind als der, dass sie mehr oder weniger unbemerkt noch immer eingenistet ist im allgemeinen Kulturverständnis? Die Rune gar ersetzt durch etwas, was an ein umgekehrtes Eurozeichen erinnert. Doch während sich ein Teil des Publikums an jeder noch so winzigen und nebensächlichen Pointe auffällig delektiert, treibt Kriegenburg die Provokation noch weiter, lässt Thomas Eisen als Antonio parodierend russisch agitieren bzw. mit entsprechendem Akzent deutsch radebrechen (fällt da nicht auch das Wort Sotschi?) - und das vor einer auch noch zur Projektion von Übertiteln herhaltenden Trennwand, die doch nur zu eindeutig mit Farbspuren getränkt ist, die nichts anderes als kürzlich stattgefundene Erschießungen suggerieren.

Davon steht natürlich bei Shakespeare nichts, wohl auch nicht in der neuen Übersetzung von Fran-Patrick Steckel. Die gespielte Textfassung jedenfalls, ohne Textbuch nicht immer genau verfolgbar, pendelt zwischen manchmal sogar ein weniger ergreifender Anmutung des Originals und Verfremdung durch Auswüchse in moderner Trivial- bis F-Sprache. Im zweiten, als "sinnlich" apostrophierten Teil geht das bis zum scheinbar selbstironischen Eingeständnis des Sir Toby Bölk alias Holger Hübner, man habe den Faden verloren, worauf dieser bzw. jener per zufällig gerade zur Hand gereichtem Degengriff mit Mutti telefoniert, um sich über den gestrigen Semperopernball auszutauschen.

Nicht dass der Eindruck entstünde, Hübner und die anderen Schauspieler hätten keinen Spaß an der Sache. Eher im Gegenteil nutzen sie allzu reichlich nicht nur die Chance, dem sprichwörtlichen Affen Zucker zu geben. Sie sind nicht allein ihren Figuren befangen, sondern stehen zugleich daneben oder sogar scheinbar darüber. Besonders bei Philipp Lux als Malvolio fällt das viel mehr ins Gewicht als etwaige Sittenstrenge. Nach Erhalt des gefälschten Briefs seiner Herrin demontiert er sich geradezu gewaltsam, wie sehenden Auges, und begibt sich einer bis dahin vermuteten moralischen Überlegenheit als einzige männliche Zivilperson bzw. in einem nicht gerade puritanisch wirkenden Haushalt. Da behält Kammerfrau Maria (Anna-Katharina Muck) zwar nicht nur in Sachen Intrige die Übersicht, aber sie genehmigt sich nicht nur selber gern ein Gläschen, sondern stachelt die wilde Hatz auch noch an. Nur wenn die Saufkumpane Toby und der schlottrige, aber früher vielleicht gar nicht so unsympathische Sir Andrew Wahnwange (Benajmin Pauquet) zu sehr über die Stränge schlagen, kühlt sie die erhitzten Gemüter ab, notfalls mit dem Feuerlöscher.

So sehnt man sich in Illyrien, immerhin, noch nach Liebe, ist aber reichlich spät dran. Orsino macht gegenüber Cesario gar keinen Hehl daraus, Olivia (Sonja Beißwenger), weit entfernt vom gängigen Bild, lässt durchblicken, dass ihre peinliche Abschottung von der Wahrnehmung des eigenen Alterns diktiert ist. Ihr Sinn steht eher nach geistigen Getränken, bis eben die junge, als Cesario verkleidete Viola (Yohanna Schwertfeger) auftaucht und die Lebensgeister neu entfacht. Da gelingen der einen ersichtlich gemischte Gefühle, der anderen ein paar "erstaunliche" Verwandlungen, die aber auch die Gabe der analytischen Selbstbetrachtung sichtbar machen, mit der hier fast alle Figuren nicht nur ihrer Naivität beraubt werden, sondern auch der Chance, sich Mitgefühl oder wenigstens Einfühlung zu verdienen. Bis auf den Narren (Nele Rosetz) vielleicht, der mit seinen Tricks unter doppelter Maske erst recht als wahrer Überlebenskünstler erscheint und einen letzten Hoffnungsfunken am Glimmen hält.

Bis zur letzten Konsequenz treibt Kriegenburg ansonsten das dramaturgische Konzept der ätzenden, aber oberflächlich erheiternden Agonie einer nichtsnutzigen, erstarrten, brutalisierten Gesellschaft. Was gegenüber dem Stück doch recht problematisch erscheint, weil einerseits der Nichtstuer in Uniform zu einer neuen Qualität aufsteigt und so erst reale Gefährlichkeit entwickeln kann, weil anderseits die Jagd nach Liebe als Urtrieb und Auslöser geistiger wie emotionaler Höhenflüge schlicht auf der Strecke bleibt. Auch das Spiel mit der Magie gleichgeschlechtlicher Anziehung kann sich in dieser streckenweise doch so hipp gebenden Sicht kaum entfalten, kein Wunder aber, wenn die Verstellungskomödie gleichsam bürokratisiert wird. Da ist so recht kein Platz für ein süßes Geheimnis, das Viola mit Olivia hüten und dauerhaft verbinden könnte. Wider jede Vernunft und ohne nachvollziehbare Anziehung durch Orsino wird sie diesem schließlich die Hand reichen, sozusagen als Strafe für erwiesene Feigheit. Während Malvolio ewige Rache schwört und Orsinos Häscher mit der Misshandlung Antonios fortfahren.

Das Ensemble hätte sich mehr als den eher spärlichen Beifall verdient. Ungeachtet dessen gestehe ich, für den Moment jeder Lust am Theater beraubt zu sein, weil ich mich aus Gründen der politischen Korrektheit bzw. Fairness genötigt sehe, noch so naheliegendes Weiterdenken äußerst zu beschränken und die eigene Fantasie weitgehend auszuschalten.

nächste Aufführungen heute sowie am 27. Februar und 7. März

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.02.2014

Tomas Petzold

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