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Gestolpertes Gedenken - Benefizkonzert in der Scheune Dresden sammelt Geld für Stolpersteine

Gestolpertes Gedenken - Benefizkonzert in der Scheune Dresden sammelt Geld für Stolpersteine

Groß ist er nicht, so ein Stolperstein. Auch stolpert man nicht drüber, sondern muss schon nach unten sehen, um das Metallviereck aufblitzen zu sehen. 108 von diesen 10 mal 10 Zentimeter großen Betonblöcken mit auf einer Messingplatte eingraviertem Namen, Geburtsjahr und Schicksal des Opfers wurden bisher in Dresdens Boden eingelassen.

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Claus Dehtleff organisiert das Benefizkonzert.

Quelle: Heike Isenmann

Wenn es nach Claus Dethleff geht, werden es einmal fast 5000 sein. Einer für jedes jüdische Opfer des Nationalsozialismus in Dresden. Dethleff ist nicht nur Vorsitzender des Stolpersteine für Dresden e.V., sondern war auch mal ein paar Jahre lang so etwas wie ein Rockstar. Deshalb organisiert er am Wochenende ein Benefizkonzert in der Scheune, bei dem der Saal nichts kostet und alle Künstler ohne Gage auftreten. Mit dem Erlös sollen ein paar weitere Erinnerungen in die Bürgersteige gelegt werden.

Eine Patenschaft für so einen Stein kostet 120 Euro, inklusive Anreise vom Erfinder der Gedenkaktion, dem Kölner Künstler Gunter Demnig, der auch im Ausland immer persönlich erscheint, um bei der feierlichen Steinlegung dabei zu sein. Es sind mittlerweile 45 000 Stück in 15 verschiedenen Ländern, sagt Dethleff, auch in Russland oder Norwegen pflastern sie den Alltagsweg. Die Dresdner Scheune hat so eine Patenschaft übernommen, das vegane Restaurant Falscher Hase auch. Fast alle angefragten Musiker sagten sofort zu. Als Ergebnis steht eine interessante Mischung auf dem Programm, allen voran die Dresdner Garagenrocker The Naked Hands, an denen man gerade nur sehr schwer vorbeikommt. Dazu spanisch gesungener Poprock von enVivo, zurückgenommene Gitarrenmusik von Lestat Vermon, elektronische Interpretationen einiger Shakespeare-Sonette von Hallam London & Band und der Organisator selber, Claus Dethleff. Gemeinsam mit dem Pianisten Markus Zimmermann singt er Lieder von Tom Waits und nennt es "Invitation to the Blues".

Zu sehen ist von der Veranstaltung bisher nur das Plakatmotiv von Siebdrucker Lars P. Krause. "Die Hand bedeutet im jüdischen Glauben so etwas wie Abwehr von Bösem", sagt Dethleff. Ein Symbol, das sowohl Juden als auch Muslime benutzen. "In Israel hat das jeder Zweite am Auto." Es sei das Auge der Fatima und schützt im islamischen Volksglauben Nordafrikas und des Nahen Ostens gegen den Bösen Blick, sagt Wikipedia. Dieses Siebdruckplakat von Lars P. Krause jedenfalls wird man auf dem Konzert auch kaufen können. Die beiden kennen sich aus der Medienwerkstatt des Riesa Efau. Dethleff arbeitet dort als Dozent für Mediengestaltung. Er sagt, er hat bisher drei Leben gelebt. Im ersten war er Architekt in Wien und Hamburg. Seit 1991 lebt er in Dresden und arbeitete noch als Architekt, wollte aber längst keiner mehr sein.

Er wollte Rockstar werden, das war von jeher sein Traum. "Ich glaube, ich war näher an diesem Traum dran als viele andere, denn ich tourte anschließend sechs Jahre lang erfolgreich mit dem Rockkabarett 'Spielvereinigung Turn und Taxis'." Sie vertonten ein Buch über die Erfahrungen seines Kollegen Kalla Wefel als Taxifahrer in Hamburg. Das kam so gut an, dass sie es eine Woche in der "Schmidt Mitternachtshow" auf dem Tivoli spielten oder gemeinsam mit den hessischen Komödianten von Badesalz auftraten. "Wir dachten uns, wenn wir das deutsche Arschloch kritisieren wollen, dann stellen wir es doch einfach auf die Bühne und lassen es sprechen." Auch das eine deutliche Botschaft gegen rechts. Aber irgendwann hatte Dethleff die Nase voll vom Touren, konnte keine Hotelzimmer mehr sehen, wollte nicht mehr ins Restaurant gehen, kein Bier mehr trinken. 2000 fing dann sein drittes Leben an. Er machte eine Ausbildung zum Mediengestalter und wurde, da, wo er einst Schüler war, zum Lehrer.

Nun tritt er wieder auf. Aber eigentlich nur, um für seine neue Herzensangelegenheit Geld aufzutreiben. Für die Stolperstein-Aktion recherchierte er unzählige Dresdner Opfergeschichten, von Juden und anderen Verfolgten und von Deserteuren. "Ich wollte nur mal schnell nachgucken, doch es hat mich total gepackt." Im Dresdner "Buch der Erinnerung" ist die traurige Geschichte der Dresdner Juden dokumentiert. "Am Anfang gab es rund 5000 Juden, am Ende vielleicht noch 120. Es stehen fast 4000 Schicksale darin. 1940 gab es 20 Judenhäuser. In Dresden, das sich 1942 rühmte, die erste judenfreie Stadt zu sein, weil alle Übriggebliebenen ins Internierungslager Hellerberge gebracht worden waren, wo sie in Zwangsarbeit Munition herstellen mussten." Daher leitet sich auch der Name "Dresden Nazifrei" ab, der heute von linken Gruppen zur Gegenwehr benutzt wird. Am 11. September werden neue Stolpersteine verlegt. "Wenn das Geld vom Benefizkonzert nicht reicht, gibt es möglicherweise noch eins, ich hätte Lust, auch mal ein klassisches Konzert zu organisieren."

Benefizkonzert, Sa, 21 Uhr in der Scheune

www.benefiz.headlog.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.05.2014

Juliane Hanka

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