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Gespräch mit Lea Fleischmann, die erst in Israel Heimat und Glauben wiedergefunden hat

Gespräch mit Lea Fleischmann, die erst in Israel Heimat und Glauben wiedergefunden hat

Sie ist knapp zwei Jahre nach Kriegsende geboren, verbrachte aber das erste Lebensjahrzehnt in einem Lager. Wie das? Lea Fleischmann, Kind jüdischer Eltern, die den Holocaust überlebten, kam 1947 in einem sogenannten DP-Camp (DP steht für Displaced Persons, d.

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Lea Fleischmann

Quelle: PR

R.) bei Ulm zur Welt und wuchs im bayrischen Lager Föhrenwald auf. Als "Displaced Persons" waren ihre Eltern bis 1957 in einer Art Ghetto untergebracht, hatten kaum Kontakt zur deutschen Bevölkerung, lebten ein jüdisches Leben im Abseits. Erst 1979 beschloss Lea Fleischmann: "Dies ist nicht mein Land". Im gleichnamigen Buch beschrieb sie ihren Weggang nach Israel. Doch sie kommt regelmäßig zu Lesungen in ihr Geburtsland, diese Woche war sie wieder in Dresden, wo Michael Ernst mit ihr sprach.

Frage: Sie haben Ihre Lebensgeschichte schon häufig erzählt - in Büchern, Publikumsgespräch, in Vorträgen an Schulen. Warum immer wieder?

Lea Fleischmann: Das sind natürlich Fragen, die sich wiederholen, aber es sind ja immer wieder andere Leute mit ernsthaftem und berechtigtem Interesse. Jeder Mensch hat seine eigene Biografie, ist aber eingebunden in seine Zeit und in die politischen Verhältnisse - ist also ein Zeitzeuge. Insofern ist es auch ein Stück Geschichte, was ich erzähle. Und wenn ich an Schulen spreche, ist das Geschichtsunterricht, um etwas von der Zeit zu vermitteln, die mich geprägt hat.

Besonders prägend dürften die ersten zehn Jahre im Lager gewesen sein?

In diesen DP-Lagern lebten ja vor allem Holocaust-Überlebende, also Juden. Der gesamte Lebensalltag war geprägt von jüdischer Kultur, selbst die Umgangssprache war nicht deutsch, sondern jiddisch. Man war kulturell abgeschottet, die Menschen blieben unter sich, es gab keinen Kontakt zur nichtjüdischen Bevölkerung. Den hatte ich erst 1957, als wir nach Frankfurt gingen, in der Schule. Für mich war das kein Schock, eher ein Unverständnis.

Meine Eltern und die anderen Juden im DP-Lager waren schwerst traumatisiert, hatten ein ganz anderes Deutschland-Bild im Kopf. Bei mir zu Hause galten die Deutschen alle als Nazis und Verbrecher. Ich habe in der Schule und im Alltag aber keine Nazis kennengelernt, sondern ganz normale Menschen. Und das alles zur gleichen Zeit! Die Deutschen, die ich kennenlernte, waren keine Mörder. Aber meine ganze Familie - Onkel, Tanten, Großeltern - ist umgebracht worden. Das ist auch Realität.

Als Jugendliche beginnt man sich dann zu fragen, was ist da geschehen - aber es gibt keine Antworten. Die Geschichte ist wie ein dunkles Loch.

In Frankfurt haben Sie als junges Mädchen den Geist der 68er gespürt?

Es war eine neue Welt, natürlich. Aber man darf nicht vergessen, als ich zur Schule ging, endete der Geschichtsunterricht mit der Weimarer Republik. Es wurde nie über den Holocaust gesprochen, es gab ja keine Form der Aufarbeitung von Geschichte im damaligen Westdeutschland. Man wollte etwas Neues aufbauen und übte sich im Verdrängen.

Die 68er dann, dieser Aufbruch der Studenten - Frankfurt war ja eine Hochburg -, da begann die Auseinandersetzung mit der Elterngeneration. Das betraf aber vorwiegend die nichtjüdischen Kommilitonen. In erster Linie handelte es sich um Kapitalismuskritik, man wollte das bestehende System und den Konsum bekämpfen.

In vielen Familien wurde damals aber auch nachgefragt, was in den Jahren vor 1945 geschah.

Ja, das begann in den deutschen Familien. Ich konnte meine Eltern ja nicht fragen, was habt ihr getan? Das hat man täglich mitbekommen, dass die krank sind, dass wir keine Familie haben, dass sie hilflos sind. Das Problem bei den jüdischen Kindern war ja, dass sie sich schuldig gefühlt haben für die Eltern. Weil die so bemitleidenswert waren. Wenn man mit ihnen mal Krach hatte, war das immer gleich so, als hätte man was Böses getan.

Diese überladenen Schuldgefühle in den jüdischen Familien standen im Gegensatz zum Schweigen in den deutschen Familien. Man sprach über nichts.

Auch meine Eltern haben nicht erzählt, was los war, um uns Kinder nicht zu belasten. Aber wenn mal Bekannte kamen, wurde immer darüber gesprochen, was im Ghetto los war. Als Kind saß man dann mit großen Ohren da. Es war also nicht so, dass wir gar nichts mitbekommen haben.

Wie wurden solche Erfahrungen in Ihrer Familie verarbeitet?

Nach dem Krieg war bei meinen Eltern immer eine latente Angst da. Man traute niemandem. Sie blieben bis zuletzt fest davon überzeugt, es könnte jederzeit wieder etwas geschehen. Wenn es antisemitische Schmierereien gab, die NPD auftrat, das waren Ängste, die man nicht wegreden konnte. Das war tief in der Seele drin. Auch wenn es vorher schon latenten Antisemitismus gab, konnte sich doch niemand vorstellen, was unter den Nazis geschah - dass man die Menschen aus ihren Häusern geholt, sie umgebracht oder in Arbeitslagern wie Sklaven behandelt hat!

Ich habe meine Eltern mal gefragt, ob sie keine Angst vorm Tod hatten? Nein, hatten sie schon nicht mehr. Meine Mutter ist in Jerusalem begraben, sie wollte auf gar keinen Fall in Deutschland begraben werden. Das war ihr sehr wichtig.

Heute bewundere ich auch die Kraft, die meine Eltern hatten. Nach dieser Katastrophe wieder anzufangen, eine Familie zu gründen, Kinder zu bekommen... Früher sah ich in ihnen nur das Schwache. Heute begreife ich auch ihre große Stärke.

Trotzdem wollten Sie nicht in Deutschland bleiben, gaben 1979 Ihre sichere Anstellung auf und gingen mit den Kindern nach Jerusalem, wo Sie heute zu Hause sind?

Im Moment halte ich Deutschland für eingebunden in Europa und sehe keine Gefahr für die Demokratie. Im Moment! Jetzt geht es Deutschland gut. Aber wir wissen nicht, was sein könnte, wenn es den Menschen wirtschaftlich schlecht gehen würde, wenn es Auseinandersetzungen gäbe. Ich weiß nicht, ob dann wieder radikale Parteien an die Macht kämen.

Das Problem, wie ich es sehe: Sie haben hier einen außerordentlichen Beamtenapparat. Damit können Sie jedes Gesetz, jede Verordnung durchsetzen, unabhängig davon, ob der Einzelne es für richtig hält oder nicht. Ich war ja Beamtin. Und dieser Beamtenapparat hat mir Angst gemacht.

Wenn Sie Verordnungen aus dem Dritten Reich lesen, diese Sprache fand ich hier wieder. Aber das ist jetzt nicht mehr meine Frage. Ich lebe nicht hier. Ich habe meine Entscheidung getroffen und bin weggegangen.

Haben Sie je mit einem Holocaust-Leugner gesprochen?

Mit einem Leugner? Nein. Das ist für mich kein Thema. Da kann ich nichts machen. Ich würde auch nie zu Rechtsradikalen gehen und dort über das Judentum oder den Schabbat sprechen. Es gibt Dinge, die kann ich nicht ändern. Ich kann mit Menschen sprechen, die Interesse haben. Die kommen auch zu meinen Veranstaltungen.

Was bedeutet für Sie persönlich Judentum heute?

Als ich nach Israel ging, war ich überhaupt nicht religiös, war sehr weit weg vom Judentum. Das hatte für mich immer nur mit Verfolgung zu tun. Erst in Jerusalem fand ich den Weg zur Religion. Durch die hebräische Sprache habe ich mich mehr damit beschäftigt und ich begreife, warum die Thora, die ja dreieinhalbtausend Jahre alt ist, für mich zur Lebensweisung geworden ist und so viel Kraft hat.

Es gab 1938 den Erlass, dass alle Juden den Namen Israel oder Sara annehmen mussten. Verfasst von hochkarätigen Nazis, die an der Wannseekonferenz beteiligt waren und die Nürnberger Gesetze mit verabschiedet haben. Aber was bedeutet Israel? In diesem Wort liegt eine Botschaft: Du kämpfst und du siegst. Dieselbe Wurzel wie Sara. Beide Namen haben dieselbe Bedeutung. Wie kommen Nazis, die ja an ihre Endlösung glaubten und vor Siegeszuversicht trunken waren, auf diese Idee? Ich kann es mir nicht erklären, vielleicht ist es irgendwas Göttliches gewesen. Nur diejenigen, die hebräisch sprachen, haben diese Botschaft verstanden. Das Volk Israel wird überleben.

Können Sie sich eine Welt ohne Religion vorstellen?

Für mich persönlich nicht mehr. Judentum ist nicht nur Glauben. Judentum ist auch die geistige und die intellektuelle Auseinandersetzung mit der Schrift, mit der Thora. Je mehr ich mich damit beschäftige, umso mehr begreife ich die Tiefe dieses Werkes. Ich spüre und verbinde mich mit dieser geistigen Kraft. Wissen Sie, wenn ich aus Jerusalem komme und hier etwas über den Schabbat erzähle, dann bin ich verbunden mit Jesaja. Ich bin dankbar, dass ich den Menschen etwas davon mitteilen kann.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 09.11.2013

Michael Ernst

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