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Gespräch mit Geschäftsführer Wolfgang Rothe über Gegenwart und Zukunft der Dresdner Semperoper

Gespräch mit Geschäftsführer Wolfgang Rothe über Gegenwart und Zukunft der Dresdner Semperoper

Wolfgang Rothe: Ich denke, wir haben im Team ganz gut zusammengefunden. Die Lage, in die man durch einen Todesfall gerät, schweißt auch besonders zusammen, man ist sich der Verantwortung bewusst, die man für den Betrieb zusätzlich übernimmt.

Frage: Wie ist die Situation am Opernhaus?

Wie weit war die Planung mit Frau Hessler für die Spielzeiten gediehen?

Die Premierenplanung bis zum Ende ihrer Vertragszeit als Intendantin im Sommer 2015 stand fest, auch welche Linien weitergeführt oder wieder aufgenommen werden sollten. Natürlich ergeben sich dazu immer wieder Veränderungen. Derzeit sitzen wir an der Finalisierung der Detailplanung für 2014/15.

Aber es muss ja längst auch die Vorplanung für die Spielzeiten danach laufen?

Ja, das stimmt. Ein bestimmtes Gerüst steht, wir wissen bspw., welche Produktionen wir aus Salzburg übernehmen, auch die Pläne mit Thielemann sind fixiert. Natürlich drängt die Zeit für den Gesamtbetrieb Semperoper, zu dem auch das Ballett gehört und für das ein ganzer Spielplan mit Abonnementsangeboten etc. erstellt werden muss. Wir haben deshalb für die Zeit nach 2014/15 Probenphasen für Neuproduktionen vorgeplant, und für das Repertoire gibt es bereits eine Grobplanung.

Die Premieren könnte dann der künftige Intendant oder die Intendantin festlegen?

Ja, aber dafür müssen sehr bald Entscheidungen fallen, denn die Engagements von Regieteams, von Dirigenten und Sängern laufen längerfristig. Das haben wir auch gegenüber dem Ministerium deutlich gemacht.

Gehören Sie der Findungskommission an?

Nein, und das finde ich korrekt. Natürlich sind Anhörungsrechte gewährleistet. Zum Beispiel für Christian Thielemann. Und für mich als Geschäftsführer der Sächsischen Staatstheater, denn man muss ja dann zusammenarbeiten. Dazu wird es vereinbarungsgemäß, wenn eine engere Auswahl steht, Gespräche geben.

Wer könnte/sollte denn Intendant der Semperoper werden?

Die Auswahl an Personen ist nicht so groß. Die Branche ist international, und auch wir sind ein international aufgestelltes Haus. Da ist es wichtig und richtig, dass man auch international sucht.

Welche Gründe würden Sie nennen, dass man das Amt in Dresden übernehmen sollte, welche sprechen dagegen?

Zuallererst ist es ein renommiertes Haus mit hervorragendem künstlerischen Potenzial. Die Staatskapelle, der Staatsopernchor und auch das Ballett haben sich hervorragend entwickelt. Mit diesem Potenzial arbeiten zu können, wäre das herausragendste Argument dafür. Das zweite sind die Mitarbeiter, die sich so sehr mit dem Haus identifizieren, wie ich es bisher nirgends erlebt habe, und über die Maßen engagiert sind. Und dann ist ja Dresden als Stadt alles andere als unattraktiv.

Das alles spricht dafür, aber was dagegen? Ich will ja niemanden verschrecken. Natürlich sind die starke Identifikation mit dem Haus und die starke Ausprägung der einzelnen Sparten etwas Besonderes. Es braucht also jemanden, der bereit ist, mündige Sparten und Mitarbeiter zu akzeptieren, mit denen man ernsthaft künstlerisch arbeitet.

Dann ist es sicherlich ein Spagat zwischen den zum Teil konservativen Erwartungen des Publikums und dem Auftrag, auch programmatische Erneuerung durchzuführen. Damit korreliert, dass man diese Arbeit auch in einem bestimmten Rahmen von personellen und finanziellen Ressourcen bewerkstelligen muss. Wir sind ein Haus, das traditionell eine hohe Auslastung und ebensolche Karteneinnahmen hat, diese aber auch braucht, um zu funktionieren. Man muss also bereit sein zu Kompromissen, ohne seine künstlerischen Ziele aus dem Auge zu verlieren. Und man muss das Publikum auf diesen Weg mitnehmen.

Die Publikumsresonanz ist ja nicht immer gleich und auch nicht immer wirklich vorauszuplanen?

Natürlich wissen wir, dass ein Henze-Schwerpunkt nicht 98 Prozent Auslastung bei höchsten Preisen erzielen kann. Aber man muss den Spagat wagen. Wir sind eines der großen Repertoirehäuser, und wir pflegen Tradition in einer Breite, die das Publikum erwartet. Und wir spielen wesentlich mehr als manches andere vergleichbare Haus.

Vergessen wir nicht: Die Dresdner Strauss-Tradition wurde vor ungefähr 100 Jahren begründet, und damals war Strauss kein Mainstream. Man muss auch heute die Tradition von morgen wagen. Also das Publikum in seinen Erwartungen bedienen, es aber auch fordern; nicht belehren, sondern überzeugen. Also nicht nur Wagner, Strauss, Mozart, Weber, Verdi, sondern auch Zeitgenössisches bieten.

Werden Sie nervös, wenn sich andeutet, dass die Ränge leer bleiben?

Ein ungutes Gefühl hat man, weil man es offensichtlich nicht geschafft hat, das Publikum zu überzeugen. Aber wir sind nicht so blauäugig zu glauben, das alles gleich gut geht. Wichtig ist die Mischung. Der Planungsprozess ist ja nicht ein rein künstlerischer, da spielen auch Marketing und Vertriebsfragen eine gewichtige Rolle. Denn wir sind ein Betrieb und haben eine wirtschaftliche Verantwortung, der Öffentlichkeit und unseren Mitarbeitern gegenüber.

Wie ist das Verhältnis Abonnenten zum Freiverkauf?

20 zu 80 Prozent. Rund 50 Prozent des Publikums kommen aus Dresden und der Region. Über einen längeren Zeitraum gesehen, ist es tendenziell so, dass der Anteil des Abonnements in den Theatern abnimmt. Weil die Besucher kurzfristiger entscheiden wollen oder müssen. Wir haben bei uns also rund 50 Prozent touristisches Publikum, wobei touristisch kein qualitatives Bewertungsmerkmal und keinesfalls abwertend gemeint ist. Es ist ein gehobener Städte- und Kulturtourismus.

Wo steht die Auslastung der Oper?

2012 waren es 90,7 Prozent. Das Haus ist mit seinem großen Vorstellungsangebot ja eigentlich für eine Stadt wie Dresden zu groß dimensioniert. Deshalb muss der Anteil des auswärtigen Publikums bei uns auch so groß sein. Es wird ja immer noch - leider auch von Dresdnern - von der Semperoper als Touristenoper gesprochen. Aber das Haus könnte gar nicht so funktionieren, wenn wir das touristische Publikum nicht hätten. Auch Dresden würde es ohne die Touristen, die jedes Jahr kommen, wirtschaftlich wesentlich schlechter gehen. Und der Freistaat Sachsen hätte viel größere Probleme, das Haus zu finanzieren.

Wie hoch ist der Kostendeckungsgrad der Staatsoper?

Knapp unter vierzig Prozent. Das ist ein guter Wert, der Durchschnitt der Kostendeckung durch Eigeneinnahmen bei Theatern in Deutschland liegt bei 18 Prozent.

Hat die Person Christian Thielemann positive Auswirkung, was den Besucheransturm auch von außerhalb betrifft?

In der Oper können wir beobachten, dass es einen gewissen Thielemann-Effekt gibt. Er und die Künstler, mit denen er auftritt, haben ja Fans. Und die Staatskapellkonzerte sind ohnehin meist ausverkauft.

Welche Schwierigkeiten entstehen für die Oper dadurch, dass die Staatskapelle nun jedes Jahr mehrere Wochen bei den Salzburger Osterfestspielen gebunden ist?

Es war im ersten Jahr schwierig wegen der Kurzfristigkeit der Planungsumstellung, aber jetzt kann man ja den Spielplan besser entsprechend einrichten. Zum Beispiel war das Ballett "Romeo und Julia" ein großer Erfolg und toll verkauft.

Aber Sie mussten ein Gastorchester engagieren...

Was wir von den Salzburgern erstattet bekommen. Das war dem Umstand geschuldet, dass wir das Salzburg-Engagement nicht rechtzeitig einplanen konnten. Aber in Zukunft haben wir ja Gestaltungsmöglichkeiten, eine solche Konstellation muss also nicht zum Nachteil werden.

Welche Gestaltungsmöglichkeiten meinen Sie?

Man kann den Schwerpunkt Ballett entwickeln, zumal wir beobachten, dass Mehrteiler immer besser gehen. Oder Barockoper, bei der Musiker der Staatskapelle spielen und außerdem ohnehin Spezialmusiker engagiert werden müssen.

Welche der Salzburger Neuinszenierungen mit Thielemann und der Staatskapelle kommen nun wann nach Dresden?

Als nächstes kommt 2014 "Arabella" in Salzburg, die dann im Herbst in Dresden gezeigt wird. Aber einen "Parsifal" wie 2013 schiebt man nicht mal eben in den Plan hinein. Christian Thielemann möchte den "Parsifal" in Dresden dirigieren und auch mit bestimmten Sängern, aber dafür muss erst einmal der mögliche Zeitpunkt gefunden werden. Aber es ist so geplant, dass Salzburger Neuinszenierungen künftig immer in den Folgespielzeiten auch in Dresden gezeigt werden.

Müssen Sie zusätzliche Gelder für die Thielemannschen Sängerbesetzungen akquirieren?

Natürlich gibt es von seiner Seite Erwartungen, die waren ja auch Teil der Verhandlungen, aber das bedeutet nicht zwangsläufig, dass das zu Lasten anderer Aufführungen gehen muss. Es war ja auch nach Gesprächen mit an den Verhandlungen beteiligten Ministerien klar, dass eine Verpflichtung Thielemanns mit bestimmten Notwendigkeiten verbunden ist, also auch mehr Geld. Und wir setzen weiter auf die Pflege unseres Ensembles.

Auch unter einer neuen Intendanz?

Dieser obliegt dann die Schwerpunktsetzung. Dresden war immer ein Ensemblehaus und fühlt sich dieser Tradition, neben dem Engagement von Gästen, auch verpflichtet. Die Semperoper hatte ja stets herausragende Ensemblemitglieder.

Die Sächsische Staatsoper war vor Jahren in finanzieller Schieflage, vor allem dadurch, dass Tariferhöhungen nicht mit einer Erhöhung des Opernetats durch den Freistaat Sachsen aufgefangen wurden. Wie ist die Situation heute, im Zusammenhang auch mit der Fusion von Staatsschauspiel und Staatsoper unter dem Dach Sächsische Staatstheater?

Wir haben diese Schieflage gemeinsam mit dem Träger aufgelöst. Im Doppelhaushalt 2013/14 schlägt sich das Kommen von Christian Thielemann nieder, und erstmals ist im Staatshaushalt eine Tarifvorsorge fixiert. Früher war es so, dass Tariferhöhungen nicht im Budget abgebildet waren. Bei der Oper bedeutet jedes Prozent Tariferhöhung rund 500 000 Euro. Das kann man nicht in anderen Bereichen einsparen.

Bei den Absprachen um die Zusammenführung der Theater ging es um die nachhaltige Sicherung der Häuser, um die Erhaltung und den Ausbau der Wettbewerbs- und künstlerischen Leistungsfähigkeit. Ein Aspekt war auch die Dynamisierung des Zuschusses entsprechend der Tarifentwicklungen. Man kann nicht immer weitersparen, denn wenn man aus einem Leuchtturm einen Steinbruch macht, wird er nicht mehr lange leuchten. Bei aller Bereitschaft, in schweren Zeiten einen Beitrag zu leisten, müssen Prioritäten gesetzt werden, da muss die Politik dann auch Nachrangigkeiten festlegen. Und damit tut man sich immer schwer.

Die Zusammenlegung von Oper und Theater soll natürlich Synergien ermöglichen und Einsparungen bringen...

Und das ist nötig, denn durch den Wegfall des Solidarpaktes II bis 2019 wird in Sachsen der Staatshaushalt um ca. 25 Prozent reduziert werden. Das sind rund 4 Milliarden Euro, die nur zum Teil durch eigene wirtschaftliche Entwicklung und zusätzliche Steuergelder ausgeglichen werden können, aber nicht komplett. Auch wir müssen uns darauf einstellen, aber das besser zu einem Zeitpunkt, wo wir den Rahmen noch selber mitgestalten können. Wir können uns keinen Qualitätsverlust erlauben, denn das führt in letzter Konsequenz zu sinkenden Einnahmen und weiteren finanziellen Problemen, die in einem Teufelskreis enden können. Wir wissen, dass ein Ruf schnell ruiniert ist. Und der ist ja in Dresden über Jahrhunderte erarbeitet worden und darf nicht aufs Spiel gesetzt werden. Wir haben die Ehre, aber auch die Verantwortung, für eine gewisse Zeit in der langen Geschichte der Dresdner Oper und der Staatskapelle den Staffelstab in die Hand nehmen zu dürfen. Wir müssen ihn aber auch gut und sicher in die nächsten Hände geben.

Welche Veränderungen ergeben sich durch die Zusammenlegung der beiden Staatstheater?

Um die Identität und die künstlerische Autonomie der beiden Häuser im Namen deutlich zu machen, heißt es Sächsische Staatstheater - Staatsoper Dresden und Staatsschauspiel Dresden. Die Abteilungen der fusionierten Verwaltung sind noch räumlich getrennt, müssen aber in nächster Zeit zusammengebracht werden. Die künstlerischen Bereiche bleiben weiterhin eigenständig.

Ist mit der Fusion Personalabbau verbunden?

Es gibt die Erwartung, einige Stellen im Wege natürlicher Fluktuation abzubauen.

Auf dem Plan steht auch ein Probebühnenzentrum für beide Häuser?

Das soll auf dem Werkstättengelände hinter dem Zwingerteich gebaut werden. Das Staatsschauspiel hat eine Reihe von Probebühnen über das Stadtgebiet verteilt, und sie sind nicht alle in bestem Zustand. Bei der Staatsoper fehlen ausreichende Probebühnen seit jeher. Um weiterhin künstlerisch gute Arbeit leisten zu können und im Vergleich mit anderen führenden Bühnen mit besserer Infrastruktur wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen die hierfür notwendigen Probenbedingungen endlich geschaffen werden.

Bis wann?

Wir hoffen auf den Doppelhaushalt 2015/2016. Bei der Staatsoper kommt hinzu, dass wir nach der Aufgabe der Kleinen Szene auf der Bautzner Straße und der Einrichtung einer Spielstätte unter anderem für die Junge Szene als Semper2 auf der Probebühne 1 eine deutlich verschlechterte Probensituation haben. Dies war als Interim gedacht, wir haben dieses jetzt aber schon drei Jahre. Das führt zu sehr schwierigen Proben- und Produktionsbedingungen, die durch die notwendige Verlagerung von Proben auf die Hauptbühne auch wirtschaftliche Folgen haben.

Semper2 soll dann wieder Probebühne werden...

... und die Junge Szene in einer Studiobühne im ehemaligen Gastronomiebereich ihr Zuhause finden. Und es gibt auch das Problem, dass die Ausstattungen, Bühnendekorationen und Kostüme, in zahlreichen Magazinen über die Stadt verteilt unter zum Teil schlechten Bedingungen lagern. Das Thema Theaterlogistikzentrum ist schon lange im Gespräch. Ein weiteres Problem stellt unsere Färberei und Wäscherei mit behördlichen Auflagen dar, die einen künftigen Betrieb gefährden. Langfristig wichtig aber sind insbesondere Tarifvorsorge und Probebühnenzentrum. Schauspielintendant Wilfried Schulz und ich sind dazu mit Kunst- und Finanzministerium im Gespräch.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.05.2013

Kerstin Leiße

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