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"Geschichten aus dem Wiener Wald" als Premiere am Staatsschauspiel Dresden

"Geschichten aus dem Wiener Wald" als Premiere am Staatsschauspiel Dresden

Möglicherweise kann zurzeit keiner so genau sagen, ob wir uns noch mitten in einer Krise befinden - oder nur an ihrem Ende, kurz vor und vielleicht gar schon zu Beginn der nächsten stehen.

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Oskar (Sven Kaiser, M.) ist bei Marianne (Yohanna Schwertfeger) zwar obenauf, doch ein Triumph in Sachen Glück sieht anders aus.

Quelle: Matthias Horn

Ein Zipfel von Krise ist irgendwie immer zu sehen. So wie die 20-er Jahre nicht für alle golden waren und die 50-er heute nur deshalb nach Wohlstand aussehen, weil es plötzlich für an Hunger Gewöhnte im Überfluss zu essen gab. Ein Stück aus dem Jahre 1931, als die Folgen der verheerenden Wirtschaftskrise extrem hohe Arbeitslosigkeit produzierten, so ein Stück passt demzufolge in jede Krise. Der österreichisch-ungarische Autor Ödön von Horváth (1901-1938) hat mit "Geschichten aus dem Wiener Wald" ein schrilles Sittenbild des Kleinbürgertums geschaffen, das mit seinem Streben nach Glück in einem beschränkten Umfeld wohl zeitlos ist. Zudem klingt Horváths Sprache ziemlich modern - und sie trägt wesentlich zur Charakterisierung der Figuren bei. Es sind Menschen, die sich verbal in eine feinere Welt träumen, die Sau rauslassen oder aus Mangel an einer eigenen Division sich selbst kommandieren.

Erzählt oder vielmehr vorgeführt wird die Geschichte von Marianne, Tochter eines Spielwarenhändlers. Aus finanziellen Gründen hat sie ihr Vater an den tumben Fleischhauer Oskar versprochen, der auf der gleichen "stillen" Straße seine Metzgerei hat. Marianne ist trotz Oskars Verführungsversuchen mit klebrigen Bonbons nicht begeistert, verliebt sich in den Luftikus Alfred, der von der älteren Valerie ausgehalten wird. Marianne bricht aus ihrer Welt aus, verfolgt von Oskars Prophezeiung: "Marianne, du entgehst meiner Liebe nicht!" Marianne zieht mit Alfred zusammen, sie haben ein Kind, das später von Alfreds Großmutter zu Tode gepflegt wird. Marianne landet im Zuchthaus, weil sie sich nicht prostituieren wollte und Widerstand geleistet hat. Nach dem Tod des Kindes ist Marianne gezwungen, zum Vater und zu Oskar zurückzukehren - wie es Oskar vorausgesagt hat: Sie entgeht seiner Liebe nicht!

Trotz der Dauer-Aktualität des Stücks ist es erstaunlich, dass in diesem Jahr mehrere deutsche Bühnen das unverwüstliche Volksstück in ihr Repertoire aufnahmen - dazu gehört etwa die viel gelobte Inszenierung von Michael Thalheimer am Deutschen Theater Berlin. In der Regie von Barbara Bürk wurde am Wochenende nun auch im Dresdner Schauspielhaus "Geschichten aus dem Wiener Wald" aufgeführt - als unterhaltsame Mischung aus Derbheit, Show und Musik-Potpourri. Bei der Musik wäre vielleicht weniger mehr gewesen. Niemand erwartet heute Johann Strauß von Anfang bis Ende, doch der musikalische Klangteppich aus Arien, Klavierstücken, Volksliedern und Popsongs übertreibt's schon ein bisschen in der Fülle - nach dem Motto: Da geht doch noch eins. Die zwei Musiker Sven Kaiser und Benjamin Rietz sind voll ins Geschehen einbezogen - als stramme Mädel in blauen Kleidern oder als Barpianisten. Die Idee mit den Klavieren als Teil des Bühnenbilds ist pfiffig - sie dienen als Schwimmunterlage für die Protagonisten oder als Liegen für das verkaterte Volk nach einem Barbesuch und natürlich so nebenbei auch zum Musizieren. Einer der Musiker hat in der Inszenierung auch das letzte Wort bzw. den letzten Akkord. Er spielt, während sein Klavier in der Versenkung verschwindet, bis nur noch sein Hintern oben ist und er das Gleichgewicht zu verlieren droht. Schön und überflüssig, so ein Bild. So wie der nette ältere Herr, der hin und wieder mit einem Zwergpudel die Bühne überquert.

In zahlreichen anderen Bildern und Szenen gibt die Inszenierung den Figuren Raum für ihre groteske Rechthaberei, für ihr kleinlautes Einlenken in das Schicksal. Christian Erdmann (spielt auch einen amerikanischen Sextouristen) gelingt als Oskar vielleicht die prägendste Darstellung des Abends - wie er da steht, mit hochgezogenen Schultern als Schutz gegen Mariannes Verachtung, wie er sein Territorium mit einer Fußmatte markiert, wie er Marianne als Beute packt und wegzieht am Ende und Fotos macht von seinem Glück. Yohanna Schwertfeger als aufmüpfige und dann gebeutelte Marianne spielt sie zurückhaltend, manchmal vielleicht etwas zu steif, lässt sich schubsen und benutzen und hat doch den Mut, mit Gott zu schimpfen, indem sie ein verächtliches "Pfui" zum Himmel schickt. Torsten Ranft als Mariannes Vater, von allen Zauberkönig genannt, poltert und lärmt die ganze Zeit mit dicker Wampe wie unter Dampf, um an Ende, verschlankt und in sich gekehrt, in leisem Irrsinn davonzuschleichen.

Neben den Klavieren besteht das Bühnenbild von Anke Grot aus einem meist rostfarbenen Vorhang und einer schwebenden Decke aus Wellplastik-Elementen, die so manchem Protagonisten auf den Kopf zu fallen droht, wenn sie sich senkt. Hier tummelt sich das Volk - ob am Strand der schönen blauen Donau oder auf der stillen Straße im achten Bezirk. Eine schöne Idee ist es, die Regieanweisungen des Autors von einem kleinen Mädchen im blauen Kleidchen sprechen zu lassen, das auch als Symbol von Unbekümmertheit fast immer präsent ist, hüpft und beobachtet, musiziert und singt. Zur Premiere spielte Philine Menzel bewundernswert selbstbewusst dieses Kind (in weiteren Aufführungen wird in dieser Rolle Alina Langosch zu sehen sein).

Auch die anderen "legitimierten" Darsteller können durchaus überzeugen. Rosa Enskat als Valerie lässt in ihrer fahrigen Unruhe teilweise die Luft vibrieren, André Kaczmarczyk in der Rolle von Alfred und Benjamin Pauquet als nationalsozialistisch gesinnter Erich schreien, begehren und schleimen sich eindrucksvoll durchs Geschehen. Thomas Eisen als Rittmeister hat seinen großen Auftritt in Strapsen beim Gesang in der Bar. Hannelore Koch ist in einer beeindruckenden Doppelrolle zu sehen - die von Alfreds besorgter Mutter und die der verrohten Großmutter. Sie spielt sie, indem sie die Stimme schnell variiert, den Kopf dreht, die Augen aufreißt oder zukneift - richtig großartig!

Das Premierenpublikum belohnte die Beteiligten mit viel Applaus und es ist anzunehmen, dass diese komische, gut gespielte Menagerie aus Eitelkeiten und Schuldzuweisungen die Zuschauer anziehen wird.

nächste Aufführungen: 29.11., 18. & 23.12.

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 25.11.2013

Bistra Klunker

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