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Geschichte eines Dualismus - 111. Dresdner Heft widmet sich dem Verhältnis zwischen Sachsen und Preußen

Geschichte eines Dualismus - 111. Dresdner Heft widmet sich dem Verhältnis zwischen Sachsen und Preußen

"Preußen wird aus der sächsischen Geschichtsschreibung nicht verschwinden, aber es gibt wahrlich keinen Grund, sich in unserer heutigen Interpretation der Geschichte vor allem kontrastierend an einem Staat abzuarbeiten, der nur noch als Mythos existiert.

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August der Starke und Friedrich Wilhelm I., Gemälde Louis de Silvestres, vor 1730

" Das schreibt der Historiker André Thieme in seinem Beitrag zum 111. Dresdner Heft, das das Verhältnis Sachsens zu jenem Land beleuchtet, das wie kaum ein anderes die Geschicke Sachsens im Guten wie im Bösen entscheidend (mit-)prägte: Preußen. Ob Für oder Wider, die sächsische Geschichtsschreibung kommt, wie Thieme konstatiert, seit 1815 schlichtweg "nicht mehr ohne das beherrschende Sujet des übermächtig gewordenen Nachbarn aus".

Das zeigt sich auch im Umgang mit der Person Augusts des Starken im historischen Gedächtnis. Nicht nur in der preußischen Publizistik (an der sich heute gern und auch in diesem Heft gerieben wird), sondern auch in der sächsischen Geschichtsschreibung mangelte es nicht an Stimmen, die den Konvertiten August mit seiner sächsisch-polnischen Union als einen Hauptschuldigen am Niedergang des Landes und am verlorenen Wettlauf mit dem Nachbarn im Norden ausmachten. Aber nach 1918, nach dem Ende des Kaiserreichs, eignete sich August der Starke eben deshalb, "durch sein vorgeblich völlig unpreußisches Wesen", nun als "Vehikel für eine mentale Emanzipation vom erdrückenden Preußenfanatismus und als Träger eines neuen sächsischen Selbstbewusstseins". Thieme schreibt, mit dem Kontrastpaar August und Friedrich habe man eine "überaus fruchtbare personelle Chiffre für den sächsisch-preußischen Dualismus geschaffen". Die Folge: Die klassische landeshistorische Geschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts in Sachsen habe sich von dieser Vorgabe "denn auch nie richtig befreien können und das Motiv der sächsisch-preußischen Konkurrenz überaus zahlreich bedient - mit ganz unterschiedlichen Wertungen".

Neun Aufsätze sind in dem Heft versammelt. Das Schlachtfeld von Königgrätz, wo 1866 die Sachsen an der Seite Österreichs von den Preußen einmal mehr geschlagen wurden, als "sächsischer Erinnerungsort" wird ebenso in den Fokus genommen wie sächsisch-preußische Literaturkonstellationen. Sachsen halten ja viel auf ihr gemütliches Wesen. Aber vielleicht hatte auch der 1842 kurzzeitig als Apotheker in Dresden lebende Märker Theodor Fontane recht, als er schrieb: "Dass die Sachsen sind, was sie sind, verdanken sie nicht ihrer ,Gemütlichkeit', sondern ihrer Energie."

Das Charakterbild, das Hendrik Thoß von August dem Starken und Friedrich dem Großen zeichnet, kratzt, schon platzbedingt, nur an der Oberfläche. Interessanter ist da der Aufsatz von Hans-Werner Hahn über die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Sachsen und Preußen im 19. Jahrhundert. Die waren gut, und als der Zollverein in den 1850er und 1860er Jahren aufgrund preußischer Alleingänge zweimal ernsthaft in Gefahr geriet, zeigte sich, dass sich Sachsen eine handelspolitische Trennung von Preußen aus vielerlei Gründen gar nicht mehr leisten konnte. Ein Zerfall des von Preußen de facto geführten Zollvereins - es wäre der Ruin der sächsischen Wirtschaft gewesen. Und es war nicht zuletzt dieser wirtschaftliche Erfolg Sachsens, der zu einem wichtigen Element einer im Zuge der Reichseinigung neu begründeten regionalen Identität wurde, wie Hahn erklärt.

Eher abstrus ist der Aufsatz von Friedrich Dieckmann, der am Ende seines Beitrages "Sachsen und Preußen oder Die Sprache des Friedens" die Forderung aufstellt: "Rettet das Sächsische!" Fast wie in Bayern! Da jammern die Traditionalisten auch ständig, dass der ach so schöne Dialekt stirbt, die Kinder mehr und mehr "preußisch" reden würden. C. R.

Ein Podiumsgespräch mit Autoren des Heftes findet am 7. November, 18 Uhr, im Dresdner Stadtmuseum statt (Eintritt frei).

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 03.11.2012

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