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Gerhard Polt mit „Ekzem Homo“ im Dresdner Schauspielhaus

Gastspiel Gerhard Polt mit „Ekzem Homo“ im Dresdner Schauspielhaus

Dialektiker, Doppelbödler, Tiefsinnblödler: Gerhard Polt gastierte sozusagen multifunktional gemeinsam mit den Well-Brüdern aus’m Biermoos in Dresden. In „Ekzem Homo“ macht sich der Altmeister seine ganz eigenen Gedanken um Humanität. Vor allem in ihrer bayrischen Lesart.

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Gerhard Polt, die kabarettistisch-theatrale Stilikone, auf der Suche – wonach eigentlich? Liegt die Humanitas bereits in der Tonne?

Quelle: Andrea Huber

Dresden. Die extreme Verballhornung des „Ecce Homo“ als Titel des Abends verspricht ätzenden Sarkasmus. „Ekzem Homo“, der Mensch als Aussatz, als Zwischenwirt aller erdenklichen Übel, wie ihn der Protagonist gleich anfangs auspreist. Doch hier spricht weder ein Pontius Pilatus noch ein Pontifex, sondern ein offenbar völlig harmloser Bürger, der sich so seine eigenen Gedanken macht: über eine veränderte Welt und ihre Bewohner im Allgemeinen, das paradiesische Bayern im Besonderen sowie einen unliebsamen Nachbarn im Speziellen. Das ist dem Anschein nach der einzige Vertreter der Gattung, den der gestandene Rentner (der Gerhard Polt mit seinen mittlerweile 73 Lenzen auch ist) tatsächlich hasst. Und es ist absehbar, dass er sich wirklich in die Haare geraten wird mit Merki alias dem Schauspieler Stefan Merki, der sich auch noch Schauspieler nennen darf, ohne als Künstler am Hungertuch zu nagen. Der stattdessen Grillparties veranstaltet und somit zu denen gehört „die schuld sind, dass die Gletscher schmelzen“.

Polt kennt sich in der menschlichen Seele aus wie mit dem Jargon seiner näheren und weiteren Umgebung. In seinen mit altersgerechter Betulichkeit zelebrierten Monologen verbinden sich angeborener Scharfsinn und Mutterwitz, „gesunder Menschenverstand“ und unhinterfragtes Selbstwertgefühl mit uralten Vorurteilen und abgrundtiefen Missverständnissen zu einer amüsant-brisanten Mischung aus pointierter Zeitkritik, ironischer Selbstbespiegelung und den Gegenentwürfen eines Zeitgenossen, der sich für einen Menschensucher und Demokraten hält, je älter desto toleranter wird und folgerichtig am Ende die Kalaschnikow aus dem Keller holt, den Nachbarn niedermäht und danach endlich wirkliche Erleichterung verspürt.

Diese Story allein böte zu wenig Substanz für einen dreistündigen Theaterabend, aber die Well-Brüder aus’m Biermoos sind mit ihren muskalischen Intermezzi weit mehr als nur Begleiter. Oberflächlich betrachtet machen sich Christoph, Michael und Karl als virtuose Multiinstrumentalisten aus der bayerischen Musikfolklore eine ironische Gaudi, in Wahrheit aber geben sie, nicht zuletzt mittels solider Recherche, ein Bild der Verhältnisse im bajuwarischen Beinahe-Paradies, das gelegentlich schon gruseln macht, wenn man z.B. an die Serie teilweise tödlicher Übergriffe von Behörden gegenüber harmlosen Bürgern denkt. Realfolkloristisches Glanzstück ist sicherlich die Bearbeitung von Händels Feuerwerks- zur Feuerwehrmusik mit Satzbezeichnungen anlässlich der Einweihung eines neuen Feuerwehrhauses in Anwesenheit von zahlreichen Ehrengästen und Ehrenjungfern, dessen Vorgeschichte sich aus der anschließenden Lehrstunde erahnen lässt, in der Polt einen autoritären Brandschutzwahn mit dem Dünkel eines halbgebildeten Seminarleiters verbindet. Das gleiche Rechtsempfinden wie bei der „folgerichtigen“ Umwandlung eines denkmalgeschützten Alpenhofes verteidigt er als tüchtiger Landrat in der Badewanne. All sein Handeln habe einen „humanistischen Anstrich“, so sein Fazit der buchstäblich süffisanten Beichte, wie er zu dem Dom Perignon gekommen ist, den er gerade genüsslich schlürft.

Polt ist als geistiger Erbe Karl Valentins einer der letzten Dialektiker, Doppelbödler und Tiefsinnblödler. Als solcher hat er überlebt in einer Zeit, in der das ZDF postulierte, Satire dürfe die Wirklichkeit nicht überzogen widerspiegeln. Als Spätfolge kommt Polt bis heute ohne grobe Geschmacklosigkeiten und Angriffe unter die Gürtellinie aus. Mimt statt dessen mit Merki einen hinreißenden Dialog zweier bayerischer Pater mit Migrationshintergrund (Gipfel des Sprach-Hörkurses für Dresdner). Merki darf noch einmal extra auftrumpfen: als Tussi mit grell geschminktem Schmollmund im Schneeleopardenpelz beklagt er sich kokett, wie sehr man rechnen müsse, wenn einem der Ex nur 80 Mille Unterhalt im Monat überweist.

In der Summe Theater-Kabarett von höchster Delikatesse, das alles Unvermeidliche (wie den Tod, die CSU und den FC Bayern) durch Lachen erträglich zu machen versucht. Inszeniert 2015 von Johan Simons als damaligem Intendant der Münchner Kammerspiele, läuft es bis heute erfolgreich im Spielplan. Das Publikum im Schauspielhaus war schlicht begeistert. Und als Beleg, dass man sich in der Stadt wohlfühle, führte Polt an, dass er innerhalb von vier Jahrzehnten schon zum dritten Mal hier gastiere. Für die Glaubwürdigkeit ist herzhaftes Frotzeln aber allemal besser als falsches Schulterklopfen.

Von Tomas Petzold

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