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Georg Baselitz spricht im DNN-Interview über einen alten Skandal und seine Begegnung mit dem Kunstkritiker Will Grohmann

Georg Baselitz spricht im DNN-Interview über einen alten Skandal und seine Begegnung mit dem Kunstkritiker Will Grohmann

Georg Baselitz' Bilder "Die große Nacht im Eimer" und "Der nackte Mann" lösten während seiner ersten Einzelausstellung in der Berliner Galerie Werner & Katz einen Skandal aus und wurden beschlagnahmt.

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Gespielte Gelassenheit: Georg Baselitz in den Sechzigern vor einem seiner damals als "unzüchtig" bezeichneten Bilder.

Quelle: Georg Baselitz Archiv

Der Kunstkritiker Will Grohmann, dem im Dresdner Lipsiusbau derzeit eine Ausstellung gewidmet ist, trat als Gutachter im darauffolgenden Gerichtsverfahren auf. Adina Rieckmann sprach mit Baselitz über die Erlebnisse jener Tage.

Frage: Können Sie sich an ihre erste Begegnung mit Will Grohmann erinnern?

Georg Baselitz: Die erste Begegnung war eine Nichtbegegnung. Sein Urteil war sehr wichtig, denn er gab laut und sehr effizient Urteile ab. Egon Schönebeck und ich, wir machten eine Ausstellung in dieser Fasanenstraße, das war, glaube ich, '61 oder '62. Und es war Winterzeit, und eines Tages, als wir Briketts für den Ofen geholt haben, da hing ein Zettel an der Tür "Will Grohmann war hier". Das war natürlich furchtbar. Will Grohmann war da, und wir, wo waren wir? Wir haben noch versucht zu retten, was zu retten war. Vergeblich. Aber: Er hat sich die Mühe gemacht, und das war ja schon sehr bedeutend.

1963 kam es zu einem Skandal während Ihrer ersten Einzelschau: Die Werke "Die große Nacht im Eimer" und "Der nackte Mann" wurden beschlagnahmt und Sie wegen unzüchtiger Darstellungen angeklagt. Können Sie uns etwas zu dieser Schau und zu diesem Skandal erzählen? Wie ist es dazu gekommen?

Ich war damals Außenseiter, und ich musste mir eine Galerie suchen. Eine, die es noch nicht gab. Deshalb gründeten meine Freunde Michael Werner und Benjamin Katz eine Galerie, und dann machten wir diese Ausstellung gemeinsam mit meinem Freund Eugen Schönebeck. Es gab eine Eröffnung mit entsprechendem Kunstpublikum, und am nächsten Morgen um fünf wurde ich dann informiert von Martin G. Buttig. Er sagte, dass in der Zeitung ein großer Artikel wäre, direkt auf der Titelseite. Ich war wahnsinnig entsetzt und erschrocken. So etwas konnte in Berlin zu dieser Zeit sehr gefährlich werden. Die Berliner fangen schnell an zu randalieren, die tun dir weh. Und dann habe ich von der Haustafel unten erstmal die Namensschilder raus genommen, damit die Berliner zumindest nicht wussten, wo ich wohnte. Als nächstes bin ich in die Galerie gegangen, und da stand schon eine riesige Menschenschlange. Die braven Berliner reagierten natürlich mit Unverständnis auf die Bilder, und sie beschimpften uns. Lautstark.

"Zersetzte menschliche Leiber... in sexueller Ekstase befindlich", glaubte die Welt zu erkennen. Der Tagesspiegel sah "hauptsächlich Dinge, die sich bestenfalls unter vier Augen beim Namen nennen lassen", Bild gab sich, "im Schatten der Gedächtniskirche", bestürzt: "Männliche Akte, entmenscht und verzerrt ... und noch mehr." Und dann kam wenig später noch der Staatsanwalt.

Wir haben rasend schnell gehandelt und die Bilder aus der Galerie entfernt, und dann gab es tatsächlich diese Pressebelagerung. Danach kamen sie alle, der Staatsanwalt, das Gericht und die Polizei. Nur waren die Bilder längst über alle Berge. Also mussten sie unverrichteter Dinge wieder von dannen ziehen. Wenig später haben wir die Gemälde wieder in der Galerie gezeigt. Dann kam die Polizei abermals und beschlagnahmte alles. Ja, und neun Monate später standen die beiden Galeriebesitzer und ich vor Gericht. Angeklagt, durch "fortgesetzte und gemeinschaftlich begangene Handlungen unzüchtige Darstellungen an Orten, welche dem Publikum zugänglich waren, ausgestellt zu haben".

Sie haben Ihren Lehrer Hanns Trier und Will Grohmann als Gutachter gebeten, sich in dem Prozess zu äußern. Wer hat Ihnen Will Grohmann empfohlen?

Hanns Trier gab mir diesen Rat. Er fand meine Bilder zwar schlecht, sagte aber, dass sie mit Pornografie nun wirklich nichts zu tun hätten. Will Grohmann selbst ist in seinem Gutachten noch weiter gegangen. Er hat Beispiele gefunden, über George Grosz, der sich mit Gasmaske gekreuzigt gemalt hatte, und zitierte dann auch noch Beispiele aus der Antike. (Grohmann rechtfertigte sogar vor Gericht die Übergrößen der angeblich so heiklen Details: "Die Überdimensionalität verleiht der Darstellung einen hohen Grad von Irrealität, und sie kann deshalb von einem normalen Menschen unmöglich als unzüchtig empfunden werden." - Anmerkung der Autorin) Damit wies er nach, dass wir natürlich nicht gegen den Strafgesetz-Paragraphen 184 verstoßen haben, dass Kunst frei ist. Recht hatte er, der Grohmann.

Sie haben den Prozess gewonnen, Berlin hatte eine neue angesagte Galerie, und Sie waren in aller Munde?

Das kann durchaus sein. Doch dieser Vorgang hatte für uns nur negative Folgen. Es wurde ständig behauptet, dass alles verkauft sei. Nur, es war gar nichts verkauft, nur ein einziges Aquarell. Wir waren wirklich pleite, wir waren so pleite, dass der Gerichtsvollzieher auf all diese unverkauften Bilder einen Kuckuck geklebt hat. So ging die Geschichte dann aus. Das mit dem Erfolg, das kam erst sehr viel später.

Wie haben Sie Will Grohmann unabhängig von dem Prozess erlebt?

Grohmann war ein Karrieremensch. Er war ja Professor an der Kunsthochschule in Berlin. Einer wie der war geradezu berufen als Karrieremensch. Es gab ja keine große Auswahl an Kunstkritikern in Deutschland. Und Grohmann war ein sehr, sehr guter Mann. Er war wirklich hoch motiviert. Ich habe nie wieder jemanden so engagiert reden hören wie ihn.

War Grohmann wirklich ein einflussreicher Kritiker, brauchten Sie ihn vielleicht auch als junger Künstler? So nach dem Motto, wenn Grohmann über mich gut schreibt, dann werde ich auch gekauft?

Damals war Kritik enorm wichtig und damals war sie ausnahmslos negativ, jedenfalls mich betreffend. Es gab einen Kritiker in Berlin, der schrieb für den Tagesspiegel, das war die beste Zeitung in Berlin. Und der schrieb immer Verrisse, wo auch immer ich auch auftrat, was auch immer ich ausstellte. Ich hätte viel dafür gegeben, diesen Mann mit meinen Bildern zu überzeugen, aber das ging nicht. Dafür war meine Haltung zu harsch. Herr Grohmann sprach damals auch gegen mich, denn er propagierte andere Künstler. Alle, nur mich nicht. Es war nur nicht so schlimm, denn er hatte ein viel größeres Wissen, war viel gebildeter und war vor allen Dingen kein Maler, wie dieser andere Kritiker es war. Er war freier im Denken.

Macht Kritik wirklich Kunst? Ist Kritik heute immer noch so mächtig wie zu Zeiten von Will Grohmann? Was meinen Sie?

Oh, das hat jetzt nichts mehr mit Grohmann zu tun, das ist ein ganz anderes Gespräch. Der Markt war damals in den 1960er Jahren eine Hoffnung, aber es gab keinen Markt. Der ist durch den Nationalsozialismus völlig zusammengebrochen. Heute gibt es den Markt zum Glück, deshalb findet auch Kunst wieder statt. Wo es nämlich keinen Markt gibt, gibt es keine Kunst. Überall dort, wo Subventionen ausgeteilt werden, gibt es keinen Markt. Das ist fatal, denn, schauen Sie sich um, das Theater ist verkommen, die Musikszene auch und die Literatur genauso. Das Einzige, was wirklich lebendig ist - das ist jetzt nicht überheblich, sondern ein Fakt -, das ist die Kunst. Man sollte über sie nur noch im Wirtschaftsteil sprechen. Denn das, was heute im Feuilleton steht, das ist einfach unerträglich, das geht an der Sache vollkommen vorbei. Niemand kümmert sich heute wirklich um Fakten, das ist einfach nur tragisch.

Premiere des Dokumentarfilmes "Will Grohmann. Kritik! Macht! Kunst!" am Donnerstag, 19 Uhr, in der Schauburg Dresden

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 01.10.2012

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