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Gemischte Gefühle bei Tilman Köhlers Inszenierung von Ibsens "Hedda Gabler"

Gemischte Gefühle bei Tilman Köhlers Inszenierung von Ibsens "Hedda Gabler"

Hedda Gabler (Ina Piontek) verbringt die erste Nacht nach ihrer Heimkehr auf dem Flügel: wie um das Ende vorwegzunehmen, bedeckt mit weißen Lilien, Totenblumen.

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Spiel gegen die Langeweile: Hedda (Ina Piontek) und Richter Brack (Holger Hübner).

Quelle: Matthias Horn

Tilmann Köhlers jüngste Inszenierung im Kleinen Haus des Staatsschauspiels ist voll von widersprüchlicher Symbolik und Metaphern. Der Regisseur hat seine Darsteller zunächst in eine zusätzliche erste Reihe gesetzt. Von da aus sehen sie sich zusammen mit den Zuschauern auf einer großen Spiegel-Wand. Sie dient zugleich als Projektionsfläche und erscheint auch dadurch als Scheidewand zwischen einer gedacht wirklichen und einer virtuellen Welt, ohne dass man immer genau zu sagen wüsste, auf welcher Seite sich welche von beiden befindet. Außer dem bereits erwähnten, erst am Schluss zum eigentlichen Zweck gebrauchten Instrument und einer Reihe gepolsterter Sitzbänke gibt es keine weiteren Ausstattungsdetails im weitläufigen Salon der Villa, in dem sich das nicht gerade in seine Job vernarrte Hausmädchen Berte sinnlos mit einem riesigen Staubsauger abmüht. -

Das Ganze ist gewissermaßen auf Pump gekauft von Tesmans Tanten für das junge, eben von der Hochzeitsreise zurückgekehrte Paar (Bühne: Karoly Risz). Reihe gesetzt. Hedda Gabler, verehelichte Tesman, spürt ihren Körper, auch das darin neu keimende Leben, aber mit beidem kann sie nicht umgehen. Sie spürt nichts von einem Ziel oder einer Bestimmung, nur einen eigenartigen Spieltrieb, und, wo der sich nicht ausleben kann, Langeweile. Das ist ihr natürlich zu wenig, aber von dem in Ibsens Gesellschaftsmodell vorgeschriebenen Rollenspiel weiß sie in Thomas Freyers Neufassung nichts, kann sie nichts wissen. Statt mit den Pistolen eines toten Generals führt sie ihre Scheingefechte mit dem Joystick in einem Videospiel, dass den Krieg als die Wissenschaft von der Zerstörung definiert. Ihre perverse Sehnsucht: wenigstens einmal aus dem Spiel Ernst zu machen. Dabei agiert sie wie in einer Versuchsanordnung und als habe sie ein von ihr selbst zerstörtes Vermächtnis zu erfüllen.

Verschiedene Neurosen

Es ist das von Eilert Lövborg (Christian Erdmann), dem Mann, der ihr am nächsten gekommen war und dessen Nähe sie erst recht nicht aushalten konnte, weil sie ihn nicht mit dem Joystick dirigieren, keine Macht über ihn gewinnen konnte. Lövborg ist auch als Wissenschaftler der vermeintlich stärkere Konkurrent ihres Mannes, und er hat eine Kulturprognose verfasst, mit deren Bewahrheitung wir uns nun möglicherweise in unserer von Internet und Mobilfunk dominierten Zeit konfrontiert sehen. Und das in einer durchaus psychologisierenden Sicht, die aber kaum mit der Vorstellung von Ibsen verbindet, sondern vielmehr an Woody Allen erinnert, was allein schon und fast unabweislich durch die Erscheinung von Christian Friedel als Jörgen Tesman provoziert wird, der tatsächlich viel weniger den trockenen Fachidioten und Langweiler als vielmehr einen mäßig witzigen, aber letztlich womöglich liebenswerten Neurotiker spielt. In entscheidenden Situationen entwickelt er oft ein Gespür dafür, was er sich zumuten und wie er dem auf ihn ausgeübten Druck entgehen kann.

Das hebt ihn ziemlich deutlich ab von den mit der Figur verbundenen Vorurteilen, aber keineswegs vom übrigen Ensemble, denn nicht die direkte Wirkung gesellschaftlicher Zwänge ist hier das Auffällige, sondern die unterschiedlich ausgeprägten Neurosen, die allerdings ganz unaufdringlich alltäglich erscheinen (wie die Kostüme von Susanne Uhl), was den Regisseur diesmal sogar auf die Mühe verzichten ließ, von seinen Schauspielern etwas Ungewohntes abzufordern. In einer Welt ohne erkennbare Perspektive führt die Suche nach Sinn und Selbstbestimmtheit schnell in ein Dilemma, dazu bedarf es keiner Kunstgriffe. Die gespaltenen Persönlichkeit lebt im Widerspruch zwischen höchstem Streben und dem immer stärkeren inneren Zwang, alles aufzugeben, wegzuwerfen, zu zerstören. Was alle anderen zu Zeugen degradiert, die nur noch "mit Verständnis" reagieren können, ohne je ganz zu verstehen.

Am harmlosesten erscheint das natürlich bei Tante Juliane Tesman (Helga Werner), deren Selbstwertgefühl allein vom erfolgreichen Ausleben ihres Bemutterungstriebs bestimmt wird. In eine ganz natürliche Richtung gehen die Triebe auch beim Richter Brack (Holger Hübner), der die Worte wohl und sich selbst oft im rechten Moment auf den Flügel neben Hedda zu setzen weiß, aber doch immer wieder abrutscht von der erhofften Position als bevorzugter Hausfreund ohne Risiko und Verpflichtung. Denn Hedda blüht dabei zwar ein bisschen auf und spürt ihre Sinnlichkeit, aber in erster Linie residiert, dirigiert und drangsaliert sie, und so wird sie am Ende Opfer ihrer eigenen Intrige, verliert die Orientierung zwischen Schein und Sein. Dabei wird Lövburg auch so schon zerrissen zwischen Stolz, Liebe und Verachtung, zwischen wissenschaftlicher Genialität, unbeherrschbaren Gefühlen und einer abgründigen Lebensart voller alkoholischer und sexueller Exzesse. Auf die Dauer hat eine Thea, die hier wie eine trotzig blauäugige gute Schwester daherkommt (Antje Trautmann) dagegen keine Chance, aber beiläufig wird ihr Schicksal deswegen nicht, denn Köhler erzählt die Geschichte im Nebeneinander unterschiedlicher Perspektiven und Ebenen, die sich oft berühren oder durchdringen, was manchmal theoretisierend, dabei weniger komprimierend oder verdeutlichend, sondern vor allem verstörend wirkt, auf den Orientierungssinn und auf den Magen schlägt.

Gehasste Gemütlichkeit

Gemütlichkeit ist das, was Hedda am meisten hasst, und so wird jene nicht nur gründlich ausgetrieben, sondern am Ende vielleicht auch denunziert, wenn Juliane, Thea, Jörgen und sogar Berte gemeinsam den Flügel traktieren, um sinnbildlich Lövburgs verbranntes Manuskript zu rekonstruieren, während Hedda ebenso gleichnishaft in einem pyrotechnischen Silberregen entschwindet und vergeht. Diese Schlusskurve gerät, nach einem manche Straffung vertragenden Anlauf, doch etwas hart. Als gehe es (nur) einfach nicht an, dass Jörgen Tesman mit seiner Ehrlichkeit und ehrbaren Zielstrebigkeit nun vergleichsweise makellos dasteht, wird ihm seine zuvor gehörig glaubhaft gemachte Liebesfähigkeit schlichtweg abgesprochen. Soweit es um die Produktion überaus gemischter Gefühle ging, und die stehen ja bei diesem Ibsen gewiss sehr im Vordergrund, wurde das Ziel immerhin erreicht. Dass der gehörig von Fanjubel hochgepuschte Schlussbeifall doch ein wenig knapp ausfiel, lag sicher nicht nur an der vom Feuerwerk verdorbenen Luft im Zuschauerraum. Tomas Petzold

nächste Aufführungen: heute, 25.1., 8.2. jeweils 19.30 Uhr

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.01.2012

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