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Geiger Daniel Hope über den Einfluss europäischer Flüchtlinge auf die amerikanische Filmmusik

"Eine Reise, die immer weitergeht" Geiger Daniel Hope über den Einfluss europäischer Flüchtlinge auf die amerikanische Filmmusik

Daniel Hope hat jüngst sein viertes Buch veröffentlicht. In "Sounds of Hollywood" beschreibt der Geiger, der kürzlich in Dresden den Europäischen Kulturpreis bekam, den Einfluss, den Emigranten aus Europa wie Korngold und Weill auch auf die amerikanische Filmmusik hatten.

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Daniel Hope war Schüler Yehudi Menuhins und bis 2008 Geiger des legendären Beaux Arts Trios. Der 42-jährige Südafrikaner mit britischem Pass ist auch als Autor, Festivalmacher und Moderator erfolgreich. Jüngst ist sein Buch "Sounds of Hollywood" erschienen.

Quelle: harald hoffmann

Nein. Daniel Hope hat jüngst sein viertes Buch veröffentlicht. In "Sounds of Hollywood" beschreibt der Geiger, der kürzlich in Dresden den Europäischen Kulturpreis bekam, den Einfluss, den Emigranten aus Europa wie Korngold und Weill auch auf die amerikanische Filmmusik hatten.

Frage: Das ist kein so leichtes Thema wie das Ihres vorangegangenen Buches "Toi, toi, toi! Pannen und Katastrophen in der Musik". So etwas schreibt man nicht nebenbei. Woher nehmen Sie die Zeit?

Daniel Hope: Ich beschäftige mich seit mehr als 15 Jahren mit sogenannter verbotener Musik. Ich habe viel über Musik aus Theresienstadt geschrieben und einen Film zum Thema gemacht. Während ich mich mit der Musik aus dem Konzentrationslager beschäftigt habe, habe ich mich gefragt, was aus den Menschen geworden ist, die es geschafft haben, zu fliehen. Auf der anderen Seite bin ich, seit ich ein kleiner Junge war, immer ein großer Filmfan gewesen. So lag es nah, mich auf Spurensuche nach Los Angeles zu begeben. Dieses Buch schwirrte seit mindestens zehn Jahren in meinem Kopf herum, und es hat mehrere Jahre gedauert, bis es fertig war.

Sie sind Geigenvirtuose, geben viele Konzerte und leiten Festivals. Wie bringen Sie Musik und Schreiben zusammen?

Schreiben ist für mich ein extrem wichtiger Ausgleich. Mein Vater ist Schriftsteller, und er hat mich und meinen Bruder immer ermutigt, unsere Erfahrungen aufzuschreiben. Ich sitze oft stundenlang in Flugzeugen und Zügen. Da setze ich die Kopfhörer auf und fange an zu schreiben. Nur einen Bruchteil davon veröffentliche ich auch.

Sie haben das Buch Coco Schumann gewidmet. Warum?

Ich habe einen Film über Coco Schumann gemacht und mit ihm zusammen ein Konzert gegeben, bei dem wir die Musik von ermordeten Komponisten gespielt haben. Ich war so fasziniert von diesem Mann, der Theresienstadt und Auschwitz überlebt hat. Mit meinem Buch wollte ich ihn ehren. Er ist für mich ein großes Vorbild. Und er verkörpert für mich das Berlin meiner Familie, die die Nazis ausrotten wollte - was ihnen aber nicht gelungen ist.

Ihr Buch ist auch eine Auseinandersetzung mit Unterhaltungsmusik. Sie erzählen von Werner Richard Heymann, der den Schlager "Irgendwo auf der Welt gibt's ein kleines bisschen Glück" geschrieben hat. Das ist ja ein eher ungewöhnlicher Umgang für einen Geigenvirtuosen und E-Musiker.

Im Gegenteil: Ich bin ein großer Bewunderer von Unterhaltungsmusik der 30er und 40er. Es ist so, dass die Musik die Menschen maßgeblich geprägt hat. Und gerade die Filmmusik war ein ganz neues Genre. Die Komponisten haben damals eine neue Kunstform etabliert. Und sie haben Generationen von Menschen bewegt und inspiriert.

Die Nazis haben diese Entwicklung für Europa zerstört. Wäre die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts ohne die Nazis ganz anders verlaufen?

Sie wäre radikal anders verlaufen. Das liegt vor allem an den Komponisten, die die Nazis ermordet haben. Denken Sie an Gideon Klein, Pavel Haas und Viktor Ullmann, um nur einige zu nennen. Die repräsentierten eine ganze Schule, die es plötzlich nicht mehr gab. Das wäre ein schweres Gegengewicht zu Schönberg und der zweiten Wiener Schule gewesen.

Wenn man Ihre Geschichten der Komponisten, die vor den Nazis geflohen sind und versucht haben, in Hollywood Fuß zu fassen, heute liest, muss man auch an Flüchtlingschicksale von heute denken. Hat das für Sie eine Rolle gespielt?

Nein. Ich habe mit dem Buch vor drei Jahren angefangen. Da war dieses Thema natürlich auch schon da, aber längst nicht so präsent wie jetzt. Heute ist die ganze Welt mit dem Thema Flucht konfrontiert. Wir haben da ein gravierendes Problem, das auch zeigt, in welcher Gefahr sich die Menschen auf dieser Welt befinden können.

In den 30ern waren die Musiker unter den Flüchtlingen privilegiert. Sie konnten besser Fuß fassen als etwa Schriftsteller. Gilt das immer noch?

Ich glaube, heutzutage ist es ganz anders. Die Musiker damals emigrierten aus Wien, Berlin und Paris. Sie waren hochtalentiert, hatten unter den besten Lehrern studiert und konnten sofort in den Hollywood-Studios eingesetzt werden. Das ist schwer mit heute zu vergleichen. Diese Art von Musikindustrie gibt es nicht mehr. Wobei ich natürlich nicht ausschließen möchte, dass sich unter den Menschen, die heutzutage emigrieren müssen, auch sehr viele sehr talentierte Musiker befinden.

Sie berichten von Nachfahren der Musiker, Verwandten, von Menschen, die in den Häusern leben, und Sie schreiben oft in der Ich-Form von Ihren Recherchen. Hätten Sie diese Form auch gewählt, wenn Sie nicht der berühmte Geiger Daniel Hope wären?

Ich glaube schon. Es gibt wunderbare Geschichtsbücher über diese Zeit. Ich bin kein politischer Journalist und auch kein Geschichtslehrer, sondern jemand, der sich mit dem Thema sehr subjektiv und impulsiv auseinandersetzt. Dieses Buch ist meine eigene Reise durch diese Musik und in die Vergangenheit. Deshalb habe ich die Ich-Form gewählt. Es ist eine persönliche Wegbeschreibung.

Wird Sie das Thema weiterbeschäftigen?

In meinem Buch "Familienstücke" habe ich mich mit der Geschichte meiner Familie beschäftigt. Ich berichte darin von meinen Urgroßeltern, die von den Nazis ins Exil getrieben wurden. Seit dem Erscheinen des Buches erfahre ich immer wieder Neues aus dieser Zeit. Ich habe keine Chance, damit abzuschließen. Es ist eine Reise, die immer weitergeht.

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