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Gehetztes Lachen und verstörende Stille: Georg Schramm mit "Meister Yodas Ende" im Schauspielhaus Dresden

Gehetztes Lachen und verstörende Stille: Georg Schramm mit "Meister Yodas Ende" im Schauspielhaus Dresden

Sein österreichischer Kabarettkollege Josef Hader bewundert ihn mit weit geöffnetem Herzen, wenn er sagt: "Georg Schramm ist ein extremer Analysierer davon, wie Politik, Medien und Demokratie funktionieren.

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Georg Schramm in einer seiner Rollen als Rentner Lothar Dombrowski.

Quelle: Dietrich Flechtner

Er sagt, warum welche Sau durchs Dorf getrieben wird, ohne auf dieser Sau zu reiten." Am Dienstag dauerte der Anti-Ritt in der Großstadt fast drei Stunden. Allein vom Dabeisein wurde einem die Luft knapp.

Die Bühne sieht aus, als käme noch wer: ein Stehtisch, ein Sitztisch mit drei Stühlen, Kleiderständer, Klappstuhl. Schramm ist Rollenspieler. Auch im mit Regisseur Rainer Pause entwickelten siebenten Solo-Programm ist er zudem ein Meister der Dramaturgie. Dafür also hat der 64-Jährige dem Fernsehen den Rücken gekehrt. Das war sein Ziel nach dem Ausstieg aus der ZDF-"Anstalt" im Sommer 2010. Man vermutete damals Einfluss von außen ob Schramms gnadenloser Schärfe, seiner Gabe, auf radikalem Niveau zu unterhalten, zu moralisieren, zu verstören. Auf den aktuellen Zustand des politischen Kabaretts im gebührenfinanzierten Fernsehen geblickt, ist klar, er wollte dem "Brackwasser der Beliebigkeit" entkommen. Diese Wortkombination kommt in "Meister Yodas Ende" in anderem Zusammenhang.

Geschickt gibt Schramm seiner strammen soziopolitischen Aufklärung immer wieder Luft, gleitet homogen vom "Großen" ins "Kleine", vom philosophisch-wissenschaftlich fundierten Sezieren hin zum Anekdotischen im Alltäglichen. Man hat nie das Gefühl, Schramm ducke sich hinter seinen Rollen ab. Er schickt August von der SPD, Rentner Lothar Dombrowski und Oberstleutnant Sanftleben zwar als Kunstfiguren vor, lässt dabei aber den Schramm durchschimmern. Denn er ist nicht nur Schauspieler, sondern Satiriker mit beeindruckender Kontinuität im Ausformen von Charakteren.

August also, dieser schlichtgemütige hessische Mitbürger mit Luftgewehr auf dem Schoß. Seine Frau ist tot, im Schrebergarten vor der Böschung zu den Gleisen beerdigt, wo er treufromm darüber sinniert, "richtige Drecksäcke wegzuputzen". Er kennt die Namen. August selbst könnte das nicht. Er schießt nur auf Spatzen, Elstern und die großen Bilder der auflagenstärksten bundesdeutschen Tageszeitung. August ist sein milder Typ. Mit den anderen wird es schärfer werden.

Da ist er auch schon: Lothar Dombrowski, Vorsitzender der Selbsthilfegruppe "Altern heißt nicht trauern", der die Seniorenansammlung "politisch aggressiv" in die Zukunft bringen will. Sie soll Verein werden und gezielte Störaktionen angehen, vielleicht schon zur Bundestagswahl. Dombrowski eifert, geifert, steigert sich in Wutreden. Ein zeitiges Zitat verweist auf den späten Ausbruch: "Die Vernunft kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht". Es ist von Papst Gregor dem Großen und stammt aus dem 7. Jahrhundert. Das will der radikale Dombrowski auf den Wimpel des neuen Vereins sticken lassen. Andere Zitate fand er bei Adorno ("Die vollends aufgeklärte Welt erstrahlt im Zeichen triumphalen Unheils") oder dem katholischen Religionsgelehrten Thomas von Aquin: "Zorn ist eine große Gestaltungskraft in der menschlichen Zivilisationsgeschichte". Die Wiege der abendländischen Kultur beginne im Zorn. Also: Zorn begreifen, schätzen lernen - und praktizieren.

Oberstleutnant Sanftleben, dieser windige Militarist, wird über Fremdblutfluss und Eigenblutfluss parlieren, über Testosteron als nicht zu unterschätzende Komponente im Klassenkampf. Knapp danach erwähnt er aber auch die - reale - lautlose Schmerzkanone "Silent Sheriff", mit der kommende soziale Unruhen blutfrei kontrolliert werden können. Mutmaßlich. Hier wird es still im Saal. Nicht ganz, nicht komplett - das war in anderen Städten der Republik, dort hat es funktioniert. Noch mehr Stille hätte auch dem Abend in Dresden gut getan. Denn der Zeit, die man mit Georg Schramm verbringt, wohnt auch latente Bitternis inne. Entfesselte Momente reiner Komik sind selten, zumeist bringt er den wachen Zuhörer zum Lachen als Reflex. Befreites Lachen sieht anders aus. Schramm will nicht befreien, jedenfalls nicht im herkömmlichen, flüchtigen Sinne, nicht mit Imitationen, nicht mit Jux.

Georg Schramm ist auch Dolmetscher für Herrschaftssprache. Und wenn Zorn und Testosteron nicht mehr ziehen, vielleicht aufgrund fortgeschrittenen Alters, darf es gern Verzweiflung sein. Verzweiflung als Triebfeder fürs Handeln sei vollkommen in Ordnung. Fragen wie "Wann haben Sie sich das letzte Mal aufgebäumt? Kennen Sie diesen Begriff überhaupt noch? Ist er Teil Ihres aktiven Wortschatzes?" sitzen, fliegen einem nicht nur um die Ohren, sondern rammen sich in die Magengrube. Hier kann es nicht mehr nur Dombrowski sein, der sich empört. Hier geht es um Bürger Schramm, um die Kraft der Sprache. Hier gibt es nichts zu kichern, hier müssen Gedankengänge zu Ende gebracht, nicht zerklatscht werden! Was ein jeder daraus zu machen in der Lage ist, wäre eine Entscheidung wert.

Georg Schramm hechelt nicht der Tagesaktualität hinterher. Er weiß, wenn er das Eurokrisen-Schlamassel in Zypern nur erwähnt, dann hat das ausreichend symbolischen Wert. Ein sich "politischer Kabarettist" nennender Künstler in diesem Land muss sich nach wie vor an Georg Schramm messen lassen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.03.2013

Andreas Körner

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